Amnesty Journal Afghanistan 25. Juli 2013

Unberechenbar

Ali ist ein Rechenkünstler. Ginge es nach ihm, könnte er bald in Deutschland ­Mathematik studieren. Doch dem jungen Flüchtling droht die Abschiebung nach Afghanistan – ein Land, das er nur vom Hörensagen kennt.

Von Ramin M. Nowzad

Vor sechs Sekunden wollte der junge Ali noch an der Welt verzweifeln. Aber nun besteht die Welt nur noch aus Zahlen, Strichen und schraffierten Flächen. Zeichen türmen sich wild übereinander und formen ­seltsame Gebilde.

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»Ach so?«, murmelt Ali. Die Sorge und die Wut, die sein Minenspiel eben noch beherrschten, sind aus seinem Gesicht gewichen. Ali fixiert die Formel, als könne er sie beschwören. Dann scheint es plötzlich Klick zu machen: »Ach so!«, ruft er triumphierend und klappt das Mathematikbuch mit einem lauten Rums zu.

Mit Zahlen kennt Ali sich aus, sie ordnen seine Welt und sie ordnen sein Leben. Wenn man sich mit Ali unterhält, rattern Zahlen im Stakkato aus ihm heraus.
– Wie alt bist Du?
»Neunzehnkommafünf.«
– Seit wann bist Du in Deutschland?
»9.11.2010.«
– Wann willst Du zu Mittag essen?
»In sieben Minuten.«

Ali ist ehrgeizig, zielstrebig und hochbegabt. Ginge es nach ihm, könnte er eines Tages an einer deutschen Hochschule Mathematik studieren. Doch es geht nicht nach ihm, sondern nach den bayerischen Behörden. Rund 600 afghanische Flüchtlinge leben in Bayern in der Angst, an den Hindukusch abgeschoben zu werden. Ali ist einer von ihnen. Seit zweieinhalb Jahren ist eine türkisblaue Kiste aus geriffeltem Stahlblech sein Zuhause. Ali wohnt im Container eines Nürnberger Flüchtlingsheims. Die bayerischen Beamten nennen das Heim eine »Gemeinschaftsunterkunft«. Die Bewohner nennen es schlicht »das Lager«.

Alis neue Heimat ist zehn Quadratmeter groß und so einladend wie eine Gefängniszelle. Das weißgetünchte Doppelzimmer »22A« wirkt karg und heruntergekommen, als sei das Leben seiner Bewohner auf der Flucht nach Deutschland irgendwo verloren gegangen. Vier nackte Wände. Dazwischen: drei Spinde aus zerkratztem Blech, zwei Metallbetten, ein großer Spiegel und ein Holztisch, der auf wackligen Beinen steht. Nur der waldgrüne Gebetsteppich, den Ali über dem PVC-Boden ausgerollt hat, gibt dem Raum etwas Farbe. Ali teilt sich das Zimmer mit einem Jungen, der ebenfalls aus Afghanistan stammt. Die Zehn-Quadratmeter-Enge dient den beiden als Wohnzimmer, Esszimmer, Arbeitszimmer, Schlafzimmer, Gebetsraum und Abstellkammer in einem.

Die wenigsten afghanischen Flüchtlinge haben in Deutschland eine Chance auf politisches Asyl, denn sie wurden in ihrer Heimat nicht politisch verfolgt, sondern bangten in dem Bürgerkriegsland schlicht ums Überleben. Auch Ali ist in Deutschland nur »geduldet«. Was das bedeutet, lässt sich in seinem provisorischen Ausweis nachlesen: »Kein Aufenthaltstitel! Der Inhaber ist ausreisepflichtig!« Ausrufezeichen können wie Hammerschläge sein.

Ali ist männlich, ledig, jung. Und das ist sein Problem. Als eines der ersten Bundesländer hat Bayern damit begonnen, junge alleinstehende Männer nach Afghanistan zurückzuführen, obwohl Experten seit Jahren einen Abschiebestopp fordern. Die Sicherheitslage ist in dem Land noch immer prekär, nach Angaben der Vereinten Nationen sind allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres mehr als 3.000 Zivilisten getötet oder verletzt worden. »Heimkehrer sind besonders gefährdet«, sagt Tobias Klaus vom Bayerischen Flüchtlingsrat. »Ihnen drohen Entführung und Folter, weil sie von den Taliban als Spione des Westens verdächtigt werden.«

Doch für Ali wäre es nicht einmal eine Heimkehr. Er muss fürchten, in ein Land ausgeflogen zu werden, das er nur vom Hörensagen kennt. In Afghanistan ist er 1994 zur Welt gekommen, mitten im blutigen Bürgerkrieg. Als er noch ein Säugling ist, töten Taliban-Kämpfer seinen Vater. Die Mutter flieht mit Ali und dessen Schwester in den benachbarten Iran. Dort entwickelt der Sprössling einen schier unstillbaren Wissensdurst. In der Schule ist er Klassenbester. Ali, das Flüchtlingskind, gibt bald sogar den Schülern der höheren Klassen Nachhilfe. Doch als Afghane wird er in der iranischen Gesellschaft nicht akzeptiert. In den Fußballverein darf er nicht eintreten, der Schachverein bleibt ihm versperrt, von der Mathematikolympiade wird er ausgeschlossen. Als ihn Polizisten grundlos misshandeln und damit drohen, ihm die Aufenthaltsgenehmigung zu entziehen, entschließt er sich zur Flucht.

150 Flüchtlinge wohnen in der Nürnberger Gemeinschaftsunterkunft. Sie kommen aus Afghanistan, Vietnam, Iran und Somalia. Aus Uganda, Russland, Aserbaidschan und dem Irak. Sie verließen ihre Heimat, um den Bomben, der Verfolgung oder dem Hunger zu entkommen. Sie alle haben es nach Deutschland geschafft. Aber angekommen sind sie noch lange nicht. Im Heim mahnt an der Eingangstür eines Blechcontainers ein Aufkleber zur interkulturellen Toleranz: »Alle Menschen sind Ausländer. Fast überall.« Stimmt, aber vermutlich sind sie nirgends so sehr Ausländer wie hier. Man hätte das Lager nicht weiter aus der Innenstadt verbannen können. Die Sammelunterkunft liegt am östlichsten Rand Nürnbergs, dort, wo die Wälder beginnen. Wer das Heim vom Stadtzentrum aus erreichen will, muss eine lange Fahrt mit dem Bus der Linie 44 auf sich nehmen. »Wohnheim Regensburger Str.« heißt die Haltestelle, an der man aussteigt. Und warum sollte sie auch anders heißen? Außer dem Wohnheim gibt es hier ja nichts. Das Grundstück des Heims ist umzäunt, ein rotweiß lackierter Schlagbaum versperrt die Zufahrt. Drinnen sind die Flüchtlinge, draußen ist Deutschland.

Die Bundesrepublik war für Ali am schönsten, als sie noch weit weg war. Ein fernes Versprechen auf ein besseres Leben. Als er sich vor drei Jahren auf die Reise machte, wusste er kaum etwas über das Land seiner Hoffnung. Er hatte gehört, dass die Deutschen fleißig sind und gute Autos bauen. Er kannte zwei deutsche Vokabeln (»H-A-L-L-O« und »D-E-U-T-S-C-H-L-A-N-D«) und er verstand, dass das Land in seiner Geschichte zwei große Persönlichkeiten hervorgebracht hatte: Albert Einstein und Oliver Kahn. Mehr als 4.000 Kilometer legte er auf seiner Flucht zurück, gut 10.000 Euro dürfte die Reise verschlungen haben. Alis Großvater hatte seine Lebensersparnisse geopfert, um dem Enkel die Flucht zu finanzieren. Unterwegs nahm Ali Strapazen auf sich, die ihn fast das Leben gekostet hätten. Und er erlebte Dinge, über die er bis heute lieber nicht sprechen mag. Als er nach sechs Monaten endlich auf dem Münchener Hauptbahnhof angekommen war, dauerte es keine fünf Minuten, bis ihn Polizisten nach seinen Papieren fragten. »H-A-L-L-O!«, stammelte Ali. Die erste Nacht in seiner neuen Heimat verbrachte er in einer Gefängniszelle. Aha, das ist also »Deutschland«.

Vor zwei Jahren besuchte die bayerische Sozialministerin Christine Haderthauer das Nürnberger Containerdorf. Die CSU-Politikerin schüttelte ein paar Flüchtlingshände, posierte für die Fotografen und zeigte sich betroffen: »Die Situation für die Flüchtlinge ist so schon schwierig genug«, sagte die ambitionierte Ministerin damals, als sie sah, wie beengt die Menschen hier lebten. Jeder Flüchtling habe das Recht auf Privatsphäre, daher brauche auch jeder einen abgetrennten Wohnbereich. Die Worte der Ministerin blieben nicht ohne Wirkung: Für die CSU-Frau sprang am nächsten Tag eine hübsche Schlagzeile und ein großes Foto in der Lokalzeitung heraus. An der Wohnsituation im Heim hat sich indes bis heute nichts geändert.

Vielleicht auch deswegen nicht, weil das Elend durchaus politisch gewollt ist. Die Unterbringung der Flüchtlinge soll die »Bereitschaft zur Rückkehr in das Heimatland fördern«, wie es im blank polierten Bürokratendeutsch der bayerischen Asyldurchführungsverordnung heißt. Mit anderen Worten: Die Flüchtlinge sollen sich hier so unwohl fühlen, dass in ihnen die Sehnsucht wächst, Deutschland zu verlassen. Darum wurden sie auch in den vergangenen Jahren finanziell so kurz wie möglich gehalten: 40,90 Euro im Monat plus Sachleistungen wie Essens­pakete, soviel stand einem Flüchtling zu. Zum Vergleich: Ein alleinstehender Hartz-IV-Empfänger bekommt monatlich 382 Euro. Im vergangenen Jahr urteilte das Bundesverfassungsgericht, dass auch Flüchtlinge ein Anrecht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum hätten. »Ein bisschen hungern, dann gehen die schon«, das könne doch wohl kaum die Maxime der deutschen Flüchtlingspolitik sein, mahnte einer der Richter.

Auf dem Heimgelände schiebt ein Herr im quittengelben Kaftan einen kleinen Jungen spazieren. Der rostige Lidl-Einkaufswagen scheppert über die Pflastersteine. Seit gut einer Stunde fahren die beiden stumm im Kreis. Ein gut gelaunter Greis im Rollstuhl beobachtet sie dabei. Immer wenn die beiden ihn passieren, lüpft er den Hut zum Gruß. Das sieht witzig aus, weil er gar keinen Hut trägt. Der Mann im Kaftan strahlt eine große Eleganz aus. In seinem früheren Leben mag er ein Arzt oder ein Ingenieur, ein Pianist oder ein Frauenheld gewesen sein. Hier ist er nur noch ein Asylbewerber. Das Leben hat ihm die Mundwinkel tief nach unten gezogen. Die meisten Heimbewohner sind zum Nichtstun verdammt. Einen Job dürfen sie nur antreten, wenn sich kein Deutscher für die Stelle findet. De facto ist das ein Arbeitsverbot. Die Welt ist für die Flüchtlinge zum Wartezimmer geworden.

Nur wer schulpflichtig ist, hat einen strukturierten Tagesablauf. Doch weil ihnen die Abschiebung droht, können sich die jungen Afghanen im Heim kaum noch zum Lernen motivieren. Die meisten von ihnen haben ein begrenztes deutsches Vokabular, doch es gibt ein Fremdwort, das vielen erstaunlich problemlos über die Lippen gleitet: »Depressionen«. Einer der Jungs versuchte sich kürzlich mit einem Gürtel an einem Brückengeländer zu erhängen. Der Gürtel riss, der Junge überlebte. Ein anderer war plötzlich aus dem Heim verschwunden. Nach zwei Monaten tauchte er wieder auf – mit verfilztem Haar, zerschlissenen Kleidern und lang gewuchertem Bart. Er hatte wochenlang mit Pennern unter einer Brücke geschlafen. Viele im Heim sind schwer traumatisiert. Ein Anrecht auf Therapie haben sie nicht.

Natürlich weiß auch Ali, wie sich schwere Depressionen anfühlen. Das Leben im Lager und die Angst vor der Abschiebung bringen das mit sich. Doch ihm scheint die Schule Halt zu geben. Auch in Deutschland ist er ein schulischer Überflieger. Wenn er einmal in Fahrt ist, referiert er über nichtlineare Integralgleichungen und elektrische Schaltsysteme, fast ohne Atem zu holen. Im Heim hat sich längst herumgesprochen, dass Ali ein Junge mit großen Begabungen ist. Wenn in ein paar Jahren in der Zeitung zu lesen wäre, dass man ihm den Nobelpreis verleihen will, würde hier wohl kaum jemand staunen. Er selbst vermutlich am wenigsten. Ali hat viele Talente, das Tiefstapeln gehört nicht dazu. Erst letzte Woche wurde ihm nach einem Fußballturnier ein kleiner Pokal überreicht. »Bester Torschütze«, erklärt Ali stolz und streicht dabei so sanft über die Trophäe, als ob das Ding zu zerbrechen drohe. »12 Tore in 7 Spielen! Das sind 1,71 Tore pro Match!«

Ali liebt die Welt der Zahlen. Vielleicht, weil er hier eine Ordnung, eine Klarheit, eine Berechenbarkeit findet, die in seinem Leben fehlt. Als er noch im Iran lebte, war seine Zukunft ungewiss. In Deutschland ist sie es auch: Wieder gibt er, das Flüchtlingskind, den einheimischen Mitschülern Nachhilfe. Wieder bleibt er ein Fremder. Wieder droht ihm die Abschiebung nach Afghanistan. Und wieder denkt er darüber nach, aus dem Land zu fliehen, in das er einst floh. Sollte er erfahren, dass die Behörden planen, ihn auszufliegen, will er sich ins Ausland absetzen. Nach London, nach Paris oder nach Stockholm.

Doch noch ist Ali in Kampfeslaune, sein Ehrgeiz scheint ungebrochen. Fast so, als wolle er sich, dem Ausländeramt und ganz Deutschland beweisen, dass er einen Platz in diesem Land verdient hat. »Sein schulischer Erfolg ist außergewöhnlich«, sagt Benjamin Deinert, der die Heimbewohner als Sozialarbeiter betreut. »Wenn er sich weiterhin gut integriert, könnte Ali irgendwann ein Fall für die Härtefallkommission werden, ein Gremium, das in Einzelfällen auch abgelehnten Asylbewerbern ein Bleiberecht aussprechen kann.«

Aber was, wenn die Behörden ihn doch abschieben wollen? Ali räuspert sich, sein Blick wird streng. »Dann ist das …« Er führt den Satz nicht zu Ende, setzt erneut an: »Dann ist das …« Die entscheidende Vokabel ist ihm entfallen. »Es ist ein wichtiges Wort«, zischt er. Plötzlich wirkt Ali wie elektrisiert, seine Stimme überschlägt sich fast: »Ein ganz wichtiges Wort!« Er greift zum Wörterbuch und blättert hektisch durch die Seiten. Doch noch bevor er den Eintrag gefunden hat, ist ihm die Vokabel wieder eingefallen: »Schicksal!«, ruft er triumphierend. Und schlägt das Wörterbuch mit einem lauten Rums zu.

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