Amnesty Journal Irak 25. Juli 2013

Menschliche Trümmer

Kevin Powers hat einen bedrückenden Roman über die US-Invasion im Irak geschrieben. Der Autor hat selbst als Soldat an dem Krieg teilgenommen.

Von Maik Söhler

Murph wollte etwas Erfreuliches sehen, wollte eine schöne junge Frau betrachten, suchte nach einem Ort, an dem es noch so etwas wie Mitgefühl gab.« Diese Gedanken macht sich John Bartle, 21 Jahre alt, über seinen Freund Daniel Murphy, 18. Was nach alltäglichen Wünschen frustrierter junger Männer klingt, die überall auf der Welt leben könnten, ist einem ganz bestimmten Alltag an einem ganz bestimmten Ort entnommen: Kevin Powers’ Kriegsroman »Die Sonne war der ganze Himmel« spielt in »Al Tafar, Ninive, Irak, Oktober 2004«. John und Daniel sind als US-Soldaten in den Irak eingerückt und liefern sich nun Dauergefechte mit meist unsichtbaren Gegnern, den letzten Getreuen Saddam Husseins.

Powers war von 2004 bis 2005 als Infanterist im Irak stationiert, in Mosul und Tal Afar. Aus Tal Afar wurde im Roman Al Tafar, ein Ort des Grauens, an dem sich die US-Armee und irakische Heckenschützen gegenseitig belauern und unter Beschuss nehmen. Der Ort ist fast vollständig zerstört, überall liegen Leichen herum, der Geruch nach Verwesung ist allgegenwärtig. John und Daniel sind Kriegsfreiwillige, die sich aus Mangel an Alternativen zum Irak-Einsatz gemeldet haben. Dabei hat John Daniels Mutter das folgenreiche Versprechen gegeben, ihren Sohn wieder nach Hause zu bringen.

Powers überträgt seine Kriegserfahrungen nicht einfach auf seinen Protagonisten John. Er leistet weit mehr. Mal spielen die Kapitel im Irak, mal in den USA und nahe einer US-Kaserne in Deutschland. Wir erleben den Irak-Krieg aus der Perspektive des kämpfenden Soldaten und aus der des Heimkehrers, dem die Reintegration in die US-Gesellschaft schwerfällt. Angriffe auf militärische Gegner folgen auf Angriffe, die der Ex-Soldat nach seiner Rückkehr in Richmond, Virginia, gegen sich selbst richtet. Denn er kann sein Versprechen nicht halten – Daniel stirbt in Al Tafar. Er wird zu Tode gefoltert.

Das Besondere an Powers’ Roman ist die Atmosphäre. Von der ersten bis zur letzten Seite entfaltet sich eine bedrückende, allein aus Frust und Hass gespeiste Welt. Liebe, Hoffnung und Glück sind auf mehr als 200 Seiten komplett abwesend. »Um ehrlich zu sein, fühlt man sich ziemlich hilflos. Man (…) steckt plötzlich in der Scheiße, ohne irgendetwas dagegen tun zu können«, sagt Daniel Murphy im Roman, als er von einem Journalisten zu seinen Gefühlen befragt wird. Jene, die antraten, um die Streitkräfte des Irak zu zertrümmern, sind in »Die Sonne war der ganze Himmel« schon nach wenigen Seiten selbst seelische Wracks. Die USA haben den Krieg im Irak gewonnen. Doch Sieger sehen anders aus.

Kevin Powers: Die Sonne war der ganze Himmel. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. S. Fischer, Frankfurt/Main 2013, 242 Seiten, 19,99 Euro.

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