Amnesty Journal Serbien 24. Juli 2013

Lost in Transit

Die serbisch-ungarische Grenze ist für viele Flüchtlinge das letzte große
Hindernis vor dem Schengenraum, wo es keine regulären Personenkontrollen
mehr gibt. Manche warten unter extremen Bedingungen monatelang
auf eine Gelegenheit, die EU-Außengrenze zu überqueren.

Von Merlin Nadj-Torma

Tausende illegaler Migranten haben Serbien in den letzten Jahren durchquert. Sie stammen hauptsächlich aus Afghanistan, Pakistan und Ostafrika und sind auf dem Weg in die EU. 2011 haben 3.134 Personen Asyl in Serbien beantragt, das sind zehnmal so viele wie noch vor drei Jahren. Und die Zahl derer, die kein Asyl suchen, wird viel höher geschätzt. In Serbien angekommen, haben die Migranten bereits Tausende Euro an Menschenhändler bezahlt. Sie haben zu Fuß, in Booten oder versteckt in Lkws Grenzen überquert, einige wurden Opfer von Gewalttaten oder haben Freunde oder Angehörige auf der Reise verloren. Die meisten kommen über Griechenland, doch wegen der schlechten wirtschaftlichen und politischen Lage versuchen sie in die nördlichen EU-Länder zu gelangen. Einige hatten es bereits geschafft, wurden aber zurück nach Griechenland deportiert, da Flüchtlinge nach der Dublin-II-Regelung im ersten sicheren Drittstaat Asyl beantragen müssen. Sie versuchen es erneut.

Die serbisch-ungarische Grenze ist das letzte Hindernis vor dem Schengenraum, wo es keine regulären Personenkontrollen mehr gibt. Da die EU-Außengrenze aber sehr gut gesichert ist, hängen viele der Migranten wochen- oder gar monatelang in Serbien fest. Wer sich keine Privatunterkunft leisten kann, verbringt die Zeit des Wartens in einem illegalen Camp, dem »Jungle«. Manchmal tagelang ohne Wasser und Nahrungsmittel, leben sie dort in Zelten, die sie aus Materialien von der nahe gelegenen Müllhalde bauen. Sie müssen ständig Ausschau halten nach der Polizei, die regelmäßig Razzien durchführt und die Migranten im Anschluss nach Mazedonien deportiert. Gleichzeitig ist der »Jungle« aber auch ein Ort zum Netzwerken: Erfahrungen werden ausgetauscht und Kontakte zu Menschenhändlern geknüpft und so die weitere Reise organisiert.

Die meiste Zeit aber verbringen die Migranten mit Warten. Einige versuchen sich mit täglichen Aufgaben wie Holzsammeln zu beschäftigen. So vermeiden sie die ständige Reflexion über ihre Situation: Das Leben im Freien und ihre Erfahrungen eines Europas, welches sie nicht haben möchte, kollidiert dabei mit den Wünschen und Erwartungen, die sie dazu bewegt haben, ihr Heimatland und ihre Familien zu verlassen.

So ist der »Jungle« ein Ort zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit: Der Traum eines besseren Lebens in Europa und die Möglichkeit, die Familien daheim zu unterstützen, auf der einen Seite. Auf der anderen Seite eine unsichere Zukunft und eine Realität, die anders aussieht, als sie es erwartet haben. So fragen sich alle irgendwann einmal: Ist es das wert?

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