Amnesty Journal Russische Föderation 28. Mai 2013

Folter als Federstrich

Die Graphic Novel »Berichte aus Russland – Der ­vergessene Krieg im Kaukasus« schildert das ­alltägliche Grauen in Tschetschenien und würdigt die ermordete Journalistin Anna Politkowskaja.

Von Maik Söhler

So viel Unordnung und Überfrachtung wie in »Berichte aus Russland« gibt es selten – und noch seltener resultiert daraus ein gutes Buch. Nach »Berichte aus der Ukraine« hat der italienische Comiczeichner Igort nun eine weitere gezeichnete Reportage vorgelegt. Sie widmet sich dem vergessenen Krieg im Kaukasus und zeigt, was das Genre der Graphic Novel im besten Falle leisten kann.

Bei der Beschreibung von Misshandlungen, Folter und Mord gehen Fotos und Filme oft tiefer als Texte. Zeichnungen können wiederum noch tiefer gehen – so scheint es zumindest in diesem Fall. Während schriftliche Berichte die Einzelheiten und die Systematik von Gräueln festhalten, Fotos und Filme Schmerz und Leid dokumentieren, nehmen Igorts Zeichnungen beide ­Aspekte auf: Sie schleifen das Dokumentarische leicht ab und setzen die Szenen in einer dunklen, vagen Atmosphäre neu zusammen. Das Resultat sind Bilder, die viel erzählen, ohne die Details des Schreckens ständig betonen zu müssen.

Wir sehen Folter, Verstümmelung, Vergewaltigung, physische und psychische Bestialitäten, Hinrichtungen, Isolation, Hunger und Durst, Morde, Leichen und Leid. Das Leid derer, denen Gewalt angetan wird, das Leid derer, deren Angehörige verschwunden, misshandelt und getötet wurden, und manchmal auch das Leid derer, die Gewalt antun und damit auf Dauer nicht klarkommen. Das Tschetschenien Igorts ist ein überwiegend in Braun und Schwarz gehaltener Ort, in dem graue Menschen mit tiefen schwarzen Sorgenfalten viel dunkelrotes Blut verlieren.

Igorts Bilder verlangen dem Betrachter viel ab. Sie sind schwer zu ertragen, drängen einem das Leid anderer Menschen auf und erreichen damit, was sie erreichen wollen: dass der Leser trotz vieler aktueller Kriegs- und Konfliktregionen überall in der Welt die Menschenrechtsverletzungen nicht vergisst, die russische Soldaten und Spezialeinheiten seit Jahren in Tschetschenien begehen.

Nach den ersten Seiten der »Berichte aus Russland« weiß man nicht so recht, was Igort eigentlich erzählen will. Auf die Darstellung des Mordes an der russischen Journalistin Anna ­Politkowskaja folgen Zeichnungen von sogenannten Filtrationslagern in Tschetschenien. Erinnerungen an weitere in Moskau ermordete russische Menschenrechtsaktivisten wechseln sich ab mit historischen Exkursen, Einzelschicksalen des Kaukasuskrieges und Kommentaren der französischen Übersetzerin ­Politkowskajas. Das erscheint zunächst wirr, doch mit der Zeit begreift man: Diese Erzählstruktur wird nicht nur den Wirren der russischen Tschetschenienpolitik gerecht, sie zeigt auch, wie alles miteinander zusammenhängt bzw. wie Igort die Zusam­men­hänge interpretiert. Es ist eine Montage, die ihre Quellen kenntlich macht: Der Zeichner legt offen, wo er sich wann zu welchem Zweck bedient.

Bis zum Schluss folgt der Autor diesem Prinzip: Man begegnet der Kulakenverfolgung unter Stalin und den russischen Schriftstellern Tolstoi und Dostojewski. Die Weiten Sibiriens wechseln sich ab mit der Enge der Gruben, in denen tschetschenische Gefangene zeitweise lebendig begraben wurden. Igort wertet Gerichtsakten von Folteropfern, Berichte von Soldaten und Gespräche mit Freunden Politkowskajas aus, verbindet sie mit seinen aktuellen Eindrücken und dem historischen Erbe des Landes.

Die Unordnung des Buches ist demnach nichts anderes als die verworrene Suche nach der Wahrheit. Einer Wahrheit über das Russland von heute, die nicht der Erzählstruktur der russischen Macht folgt, sondern den Verbrechen, Heldengeschichten und Lügen die Perspektive der Opfer entgegengestellt. Wir erfahren, wie viel sie den Spezialeinheiten bezahlen müssen, um mit einem Gefangenen nur fünf Minuten reden zu können, und was es kostet, einen Leichnam ausgehändigt zu bekommen. Aus Igorts Episoden entwickelt sich ganz von selbst die Systematik der russischen »Demokratur« im Umgang mit Oppositionellen, die von der Wahrheit nicht lassen wollen.

Trotz aller Brüche und Wechsel steht im Zentrum des Buchs die Person Anna Politkowskaja. Sie wurde ermordet, nachdem sie über den Einsatz der russischen Armee im Kaukasus recherchiert hatte. Ihre Recherchen sind Grundlage all jener wichtigen Dokumente, auf die sich Igort und russische Juristen und Menschenrechtler beziehen, die Straftaten und Kriegsverbrechen im Kaukasus aufklären wollen. Ohne Politkowskajas Arbeit und ihr Engagement wären viele dieser Dokumente der Öffentlichkeit niemals zugänglich geworden.

So ist dieses Buch auch eine Würdigung der Journalistin der »Nowaja Gaseta«, ihrer Leistungen, Prinzipien und ihrer Arbeitsweise. Es ist eine Hymne, doch sie wird leise vorgetragen. Leise im Vergleich zu den Schüssen aus einer Makarov IZH mit Schalldämpfer, die Politkowskaja am 7. Oktober 2006 im Aufzug ihres Wohnhauses in Moskau in der Lesnaja Ulitsa 8 töteten. Das erste Bild in Igorts »Berichte aus Russland« zeigt diese ­Tatwaffe.

Igort: Berichte aus Russland. Der vergessene Krieg im Kaukasus. Aus dem Italienischen von Federica Matteoni. Reprodukt, Berlin 2012. 176 Seiten, 24 Euro.

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