Amnesty Journal Äthiopien 17. Juli 2012

HipHop und Koran

Maryam Keshavarz analysiert in ihrem Film ­»Sharayet – Eine Liebe in Teheran« die ­gesellschaftlichen ­Verhältnisse im Iran aus der Sicht von Jugendlichen.

Von Jürgen Kiontke

Sex ist ein Menschenrecht«: Die Party ist in vollem Gange, die jungen Leute feiern ausgelassen. Die zwei Teheraner Schülerinnen Atafeh (Nikohl Boosheri) und Shireen (Sarah Kazemy), beste Freundinnen und wahrscheinlich auch mehr, leben in einer Stadt und in zwei Welten: Tagsüber sind sie ordentlich verschleiert in der Schule, abends wird mit der Clique die Bude gerockt, was das Zeug hält. Gemeinsam träumen sie von einem Leben in völliger Freiheit, in einer les­bischen Beziehung. Die Häuserfassaden sind mit Spraydosen-Schrift überzogen, es dröhnen HipHop und Techno aus den ­Boxen.

Atafeh glaubt, es sich leisten zu können, eine große Klappe zu haben. Ihre Eltern sind liberale Hochschullehrer, einst demonstrierten sie gegen den Schah und waren froh, als er ging. Die islamische Revolution sehen sie mit Sorge. Ihr Status schützt die Familie, verlassen können sie sich darauf aber nicht. Spätes­tens als Atafehs Bruder Mehran (Rezo Sixo Safai) der Sittenpolizei zuarbeitet, ist der Spaß vorbei: Drogengeschädigt findet er im religiösen Fundamentalismus seine neue Heimat und stattet die Wohnung der eigenen Familie mit Kameras aus. Er führt nicht nur minutiös Buch über seine Angehörigen, sondern auch Krieg gegen sie – wie überhaupt das ganze Land gegen sie zu sein scheint.

Regisseurin Maryam Keshavarz, die zwischen den USA und dem Iran pendelt, setzt die iranische Jugend mit ihrem ersten Spielfilm »Sharayet – Eine Liebe in Teheran« differenziert und mit vielen intelligenten Plots in Szene. 70 Prozent der Iraner sind unter 25 Jahre alt, viele sind gut ausgebildet, aber es gibt keine Jobs. Dieser Film will die unzähligen Risse in den scheinbar monolithischen iranischen Verhältnissen zeigen. Mögen sich die Polizisten noch so dominant geben – selbst die Tochter des Kommissars ist schon ins Ausland verschwunden. Jeder fühlt sich hier bedroht.
Atafehs freisinnige Freunde landen gar im entgegengesetzten Extrem, dort, wo aus Sex Pornografie wird: Vielleicht kann man ja davon leben.

Doch ist noch lange nicht klar, wer hier was gewinnt: Atafehs Bruder Mehran will schnellstens eine eigene Familie gründen und mit der Vergangenheit abschließen. Dabei soll ihm nichts im Wege stehen – und so hat er keine Skrupel, die eigenen Familienangehörigen an die Moralwächter zu verraten. Denn die Verhältnisse sind zu seinen Gunsten.

Keshavarz’ Film, gedreht in den USA, im Libanon und im Iran, wird mit den vielen Frontstellungen im Film spielend fertig – und kann es dabei locker mit Asghar Farhadis Berlinale-Gewinner von 2011 »Nadar und Simin« aufnehmen, auch was die Arbeit mit Farben und Licht angeht: Hier ist jede Einstellung ein Kunstwerk.
Iranische Filmemacher der Gegenwart scheinen es mühelos zu schaffen, mit guten Drehbüchern komplexe Fragen zu verhandeln. Über Zukunft, Freiheit und die Gestaltung des eigenen Lebens zerbricht sich nicht nur die Jugend in Teheran den Kopf. Aber unter ihnen sind Menschen, die daraus Kino zu machen verstehen.

»Sharayet«. F/IR/USA 2010. Regie: Maryam Keshavarz. Darsteller: Nikohl Boosheri, Sara Kazemy u.a. Kinostart: 24. Mai 2012

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