Amnesty Journal Vereinigte Staaten von Amerika 25. November 2012

Micky Maus in Guantánamo

Für seine Rückkehr gekämpft. Protestaktion im Herbst 2008 vor dem kanadischen Regierungssitz für Omar Khadr.

Für seine Rückkehr gekämpft. Protestaktion im Herbst 2008 vor dem kanadischen Regierungssitz für Omar Khadr.

Omar Khadr war der jüngste Gefangene im US-Lager Guantá­namo. Nach mehr als zehn Jahren Haft ist der mittlerweile 26-jährige ­Kanadier nun in seine Heimat zurückgekehrt.

Von Ramin M. Nowzad

»Helft mir!«, winselt der schmächtige Junge. Was er erzählt, klingt unglaublich: Er werde gefoltert, man lasse ihn wochenlang nicht schlafen, verwehre ihm medizinische Hilfe. Der Teenager reißt sich das Hemd von der Brust, will seine Narben zeigen. Dann ist er in dem düsteren Zimmer wieder allein.

Das Video ging 2008 um die Welt. Es zeigt den Guantá­namo-Häftling Omar Khadr im Jahr 2003, während er vom kanadischen Geheimdienst verhört wird. Der gebürtige Kanadier war der jüngste Gefangene, den die USA nach Guantánamo verschleppt hatten. Ein Jahrzehnt später ist er jetzt der letzte westliche Häftling, der das Lager verlassen durfte. Amnesty hat lange für Khadrs Rückkehr gekämpft.

Die USA haben in den vergangenen Jahren fast 800 Menschen in Guantánamo inhaftiert. Insasse Nummer 766 gehörte zu den bekanntesten. Nicht etwa, weil er ein besonders blut­rünstiger Terrorist gewesen wäre. Sondern wegen seines Alters. Mit 15 Jahren wurde Khadr vom US-Militär aufgegriffen.

Geboren wurde Omar Khadr 1986 in Toronto. Er begeistert sich früh für Basketball, liebt die Abenteuer von »Tim und Struppi«. Doch seine Eltern sehen ein anderes Leben für ihn vor: Immer wieder reisen sie mit ihm nach Afghanistan und Pakistan. Sein Vater, der aus Ägypten stammt, ist glühender Islamist und gilt als enger Weggefährte Osama bin Ladens. Nach der US-Invasion in Afghanistan wird der junge Omar im Juli 2002 bei einem Gefecht schwer verletzt. Zwei Kugeln durchbohren seinen Rücken, er verliert das linke Augenlicht. US-Soldaten nehmen den blutüberströmten Jungen in Gewahrsam. Die USA behandeln ihn fortan als »ungesetzlichen Kombattanten«. De facto ist er damit vogelfrei. Khadr wird zunächst auf dem US-Militärstützpunkt Bagram inhaftiert und schließlich nach Guantánamo verfrachtet. Als er dort ankommt, ist er noch ein halbes Kind. Nachts umklammert er ein Micky-Maus-Heft, das ihm ein Verhörspezialist geschenkt hat.

Acht Jahre lang wird er ohne Anklage festgehalten – mehr als ein Drittel seines Lebens. Im Jahr 2010 wird ihm schließlich vor einem Militärtribunal der Prozess gemacht. Er wird angeklagt, Al-Qaida-Kämpfer gewesen zu sein und während des Gefechts im Juli 2002 einen US-Soldaten mit einer Handgranate getötet zu haben. Rechtsexperten betrachten das Verfahren als Skandal: Khadr ist der jüngste Mensch, der je vor Gericht ­eines Kriegsverbrechens bezichtigt wurde. Beobachter gehen zudem davon aus, dass seine Geständnisse unter Folter erpresst wurden. Khadr bekennt sich schuldig, bittet die Witwe des getöteten Soldaten um Verzeihung – in der Hoffnung auf eine milde Strafe.

Er wird symbolisch zu 40 Jahren Haft verurteilt, von denen er noch acht Jahre verbüßen soll. Seither waren die USA bereit, den Häftling in seine Heimat zu überstellen, sollte Kanada dies wünschen. Doch die kanadische Regierung weigerte sich, da sie Omar Khadr als Sicherheitsrisiko betrachtet. Nun haben ihn die USA eigenmächtig ausgewiesen – und Kanada blieb keine rechtliche Handhabe, ihn abzuweisen. Im September 2012 wurde er in ein kanadisches Hochsicherheitsgefängnis überstellt. Dort wird er vermutlich weitere sieben Jahre seiner Haftstrafe absitzen müssen.

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