Amnesty Journal Kolumbien 22. Januar 2013

"Die Arbeiter brauchen unsere Unterstützung"

Kolumbien gilt weltweit als das gefährlichste Land für Gewerkschafter. Auch Vertreter der Gewerkschaft »Sintraemsdes«, die sich für die Rechte von Arbeitern im öffentlichen Dienst stark macht, wurden in der Vergangenheit von staatlichen Sicherheitskräften oder Paramilitärs bedroht und getötet. Gildardo ­Antonio López Arcila ist seit vier Jahren dort im Bereich Bildung und Öffentlichkeitsarbeit tätig.

Allein im vergangenen Jahr wurden in Kolumbien 29 Gewerkschafter ermordet. Wieso haben Sie sich dennoch für diese riskante Arbeit entschieden?
Es muss eine Organisation geben, die sich für die Arbeiter einsetzt und für ihre Rechte kämpft. Eine einzelne Person kann das nicht bewältigen. Die Arbeiter brauchen unsere Unterstützung. In Kolumbien ist die Situation schwierig: Es gibt zwar Arbeitsverträge, aber diese werden oft nicht respektiert. Die Rechte der Arbeiter werden untergraben. Mein Anspruch ist es, ihre Situation mit jedem Tag ein wenig zu verbessern. Es ist ein gutes Gefühl, diese Arbeit zu machen. Ganz zufrieden bin ich jedoch noch nicht, denn es gibt immer noch sehr viel zu tun.

Bei »Sintraemsdes« kümmern sie sich auch um den Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Wie unabhängig sind die Medien in Kolumbien?
Die Medien in Kolumbien stehen aus wirtschaftlichen und finanziellen Gründen unter politischem Einfluss. Sie sind eine Macht, eine vierte Gewalt. Eigentlich sind sie ein gutes Mittel, damit sich die Bevölkerung richtig informieren kann. Aber das funktioniert in Kolumbien nicht. Die Medien sind dort nicht unabhängig, absolut nicht.

Was macht die Gewerkschaftsarbeit in Kolumbien so riskant?
Da gibt es unzählige Situationen, die hauptsächlich damit zusammenhängen, dass wir auf Missstände aufmerksam machen. Wenn wir feststellen, dass Arbeitgeber die Gesetze nicht einhalten, dann melden wir das und machen von unserem Recht auf Strafanzeige Gebrauch. Wenn zum Beispiel keine angemessenen Löhne bezahlt oder Arbeitszeiten einfach verlängert werden, ohne das Gehalt zu erhöhen. Außerdem ist die Arbeit gefährlich, weil wir Widerstand leisten und Proteste organisieren gegen den Abbau natürlicher Ressourcen durch multinationale Unternehmen. Diese setzen ihre Interessen zumeist gewaltsam durch und verletzen dabei Menschenrechte.

Präsident Juan Manuel Santos ist seit 2010 im Amt. Hat sich die Lage für Gewerkschafter seither verändert?
Leider muss man sagen, dass sich die Situation für die Gewerkschaften nicht verbessert hat. Die Gesetze, die verabschiedet wurden, haben in keiner Weise zu einer Verbesserung geführt. In Kolumbien besteht weiterhin für alle Gewerkschafter ein hohes Risiko, das Land bleibt weltweit das gefährlichste für Gewerkschafter. Laut den offiziellen Daten eines Dachverbandes der Gewerkschaften in Kolumbien (Central Unitaria de Trabajadores, CUT) wurden in diesem Jahr bisher dreizehn Gewerkschafter ermordet. Dabei sind die noch nicht mitgerechnet, die »verschwanden«, bedroht und schikaniert wurden.

Wie könnte man die Gewerkschaften besser unterstützen?
Die Solidarität der Bevölkerung ist eine große Hilfe. Auch die Möglichkeit, Strafanzeige erstatten zu können, ist wichtig. Es ist außerdem hilfreich, die Problematik auf internationaler Ebene bekanntzumachen. Die Arbeit von Gewerkschaften muss re­spektiert werden und sollte sich frei entwickeln dürfen. Auch die Politik des kolumbianischen Staates muss im Auge behalten werden – vor allem, ob internationale Verträge und Gesetze im Bereich der Gewerkschaftsarbeit eingehalten werden.

Fragen: Karolin Hosenfelder

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