Amnesty Journal Sudan 16. November 2011

Reise ins gelobte Land

Während des Bürgerkriegs im Sudan flohen über vier ­Millionen Menschen aus dem Süden in den Norden des Landes. Nach der Gründung des Südsudan im Juli ­kehren sie nun zu Tausenden zurück.

Von Oliver Seidl und Paul Knecht

»Morgen fahren wir nach Hause, in unsere Heimat«, sagt John Orisa Gatano. Er strahlt. Seit anderthalb Monaten campiert der 37-Jährige mit seiner Frau und seinen drei Kindern in einem ­Lager nahe der neuen Grenze zum Südsudan. Kosti heißt die beschauliche Kleinstadt am Nil, an deren Rand inzwischen mehr als zehntausend Menschen auf die Schiffe warten, die sie in den Süden bringen sollen.

In den vergangenen sieben Jahren lebte John mit seiner Familie in der sudanesischen Hauptstadt Khartum. Wie mehr als eine Million anderer überwiegend christlicher Südsudanesen war auch er in der islamisch geprägten Stadt nur geduldet. Aber wenigstens hatte er Arbeit und meist genug zu essen, die Kinder gingen zur Schule und am Wochenende traf man sich mit anderen Südsudanesen in der Kirche.

Johns Familie stammt aus Ikotos, einer kleinen Stadt an der Grenze zu Uganda mit 80.000 Einwohnern. Viel erzählt er nicht über sein früheres Leben dort. Von 1983 bis 2005 befand sich der Sudan im Bürgerkrieg. Die militärisch überlegene Armee des Nordens flog Luftangriffe, während die südsudanesischen Rebellen einen Guerillakrieg führten. Die Antonows, alte russische Transportflugzeuge, wird John nicht vergessen: Voll beladen mit Bomben, wurde die tödliche Fracht einfach zur Ladeklappe herausgerollt – direkt über Dörfern und Städten.

Erst das Friedensabkommen zwischen der Regierung in Khartum und der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA) und das für 2011 vereinbarte Referendum über die Unabhängigkeit des Südsudan machten es John und seiner Familie möglich, an Rückkehr zu denken.

Das Zwischenlager in Kosti ist völlig überfüllt. Trotzdem weigert sich die nordsudanesische Regierung, das Lager zu erweitern. So campieren viele der Heimkehrer oft wochenlang ohne sanitäre Anlagen und ausreichend Trinkwasser außerhalb des Lagers. Die Schiffe, die sie in den Süden bringen sollen, liegen schon seit Tagen beladen im Hafen. Wann sie starten, weiß hier niemand so genau. Die mit löchrigem Wellblech abgedeckten Barken transportieren mit jeder Fahrt 800 Menschen samt Gepäck.

Eine Schwangere erwartet Zwillinge. Nur eines der beiden Babys wird die Geburt auf dem Nil überleben. Die Kleidung der Frau ist verdreckt, ihr Gesicht verschwitzt. Sie hat mit ihrem Mann ihr Hab und Gut auf das Schiff getragen. »Viele der Frauen müssen trotz Schwangerschaft voll mitanpacken. Dies führt oft zu Fehlgeburten«, sagt die Leiterin der kanadischen Hilfsorganisation FAR, Murphy. Um die Frauen wenigstens bei der Geburt medizinisch zu betreuen, begleiten ein Arzt und eine Hebamme die Schiffe. Um einigermaßen sauberes Wasser bereitzustellen, wurde ein Filtersystem installiert.

Die Fahrt auf dem Nil wird zu einer harten Prüfung. Die Schiffe sind vollkommen überfüllt, Gepäck und Möbel stehen im Weg, gekocht wird über offenem Feuer. Mit Planen versuchen die Passagiere vergeblich, sich gegen Regen zu schützen. Manche schlafen im Sitzen oder Stehen. Viele erkranken, darunter einige an Malaria. Und dennoch besingen die Heimkehrer auf den letzten Kilometern der Fahrt Gott, sich selbst und den Süden, ihr gelobtes Land.

Nach zwei Wochen im Regen auf dem Nil kommen die Passagiere geschwächt im Hafen von Juba an. Nach der Registrierung tragen John und seine Frau Betten, Stühle, Töpfe, Decken und Schränke an Land – ihren gesamten Hausstand haben sie mitgebracht. Sogar ein Fernseher ist dabei. Bei vielen Heimkehrern entlädt sich jetzt die Anspannung der letzten Wochen. Eine Frau bricht weinend an einer Böschung zusammen. Weiter hinten auf einem Schiff schlägt ein Mann seine Frau ins Gesicht.
Juba ist eine bizarre Mischung aus Arm und Reich. Das Leben in der neuen Hauptstadt ist immens teuer. Es gibt kaum örtliche Betriebe, alles wird importiert.

Überall wird gebaut. Eine kleine Wohnung im Zentrum kostet 600 Euro im Monat – das übersteigt das Einkommen der meisten Familien bei Weitem. Entlang der traditionellen Grashütten werden neue Straßen gebaut. Plakatwände bewerben mobiles Internet, während über 70 Prozent der Südsudanesen weder lesen noch schreiben können.

Auch John kann sich ein Leben in der Hauptstadt nicht leisten. Er will mit seiner Familie zurück nach Ikotos. Von Juba aus organisiert die Internationale Organisation für Migration (IOM) Konvois in alle Ecken des Landes. Damit sich die Heimkehrer erst einmal von den Strapazen der Schifffahrt erholen können, hat die Organisation zusammen mit der UNO ein Zwischenlager errichtet. Auch dieses Lager ist überbelegt, doch gibt es Baracken zum Schlafen und genug zu essen.

Zusammen mit seinen Freunden genießt John die neue Freiheit und erkundet die Bars der Stadt. Alkohol ist im Norden verboten, in Juba dagegen werben große Plakatwände für Bier. Immer wieder wird der Konvoi nach Ikotos in den nächsten zwei Tagen wegen alkoholbedingter Konflikte stoppen müssen.

Bei der Ankunft in Ikotos ist die Stimmung gelassen. Zunächst werden die Heimkehrer bei ihren Verwandten wohnen. Wer keinen Platz findet, darf in einem Haus von Peter Lokeng übernachten. Er ist Bürgermeister, Soldat und Geschäftsmann in einem. Vor 27 Jahren trat er der südsudanesischen Befreiungsarmee bei. Bis vor anderthalb Jahren war er noch als Major in Juba stationiert, dann wurde er vom Ältestenrat zum Bürgermeister von Ikotos berufen.

Seither treibt er gemeinsam mit der Caritas die Trinkwasserversorgung voran und versucht, Straftaten einzudämmen, darunter die häufigen Vergewaltigungen. Man schätzt und verehrt ihn. Wahlen braucht Lokeng ohnehin zunächst nicht zu fürchten – die südsudanesische Regierung will das Experiment Demokratie nicht überstürzen.
Jeder Heimkehrer-Familie werden 900 Quadratmeter am Rande des Ortes zugewiesen. Mit den ersten Ernteerträgen sollen sie das Land dann abbezahlen.

Ob die Rechnung aufgeht, ist fraglich. Zwar bekommt jede Familie vom Welternährungsprogramm (WFP) Saatgut und Essen für drei Monate, doch bis zur ersten Ernte reicht das nicht. Nun versucht der Bürgermeister, über das WFP weitere Lebensmittel zu organisieren.

Auf dem zentralen »Platz der Freiheit« warten Verwandte und Freunde. Auch John, seine Frau und seine Kinder werden freudig begrüßt. Viele vom Krieg zerrissene Familien finden jetzt wieder zusammen – manche von ihnen nach zwanzig ­Jahren.

Die Autoren sind freie Journalisten

Die Republik Südsudan erlangte nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs am 9. Juli 2011 die Unabhängigkeit vom Sudan. In dem Staat, der an die Republik Kongo und an Äthiopien grenzt, leben rund 8,3 Millionen Einwohner. Das Land hat weltweit die höchste Müttersterblichkeit und eine Analphabetenrate unter Frauen von mehr als 80 Prozent. Ausländische Investitionen waren bislang fast ausschließlich auf die Hauptstadt Juba konzentriert. Konflikte mit dem Nordsudan gibt es vor allem um den genauen Grenzverlauf zwischen den beiden Staaten, insbesondere um die ölreiche Region Abyei.

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