Amnesty Journal Indien 25. Juli 2011

140 Zeichen für die Freiheit

Der 14-jährige Faizan Rafiq Hakeem war mehr als einen Monat lang ohne Gerichtsverfahren in der indischen Stadt Kathua inhaftiert. Um seine Freilassung zu erreichen, nutzte Amnesty unter anderem die Internetplattform Twitter – mit Erfolg.

»Nach 40 Tagen Gefängnis fühle ich mich etwas schwach, ich bin aber glücklich, wieder frei zu sein«, sagte Faizan nach seiner Entlassung gegenüber Amnesty. Und er fügte hinzu: »Ich werde über diese Zeit hinwegkommen.« Faizan war im Februar in An­antnag im indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir festgenommen worden. Angeblich soll er bei Protesten gegen die bundesstaatlichen Behörden Steine auf Sicherheitskräfte geworfen haben. Obwohl glaubwürdige Dokumente seine Minderjährigkeit belegten, behaupteten die Behörden zunächst, Faizan sei 27 Jahre alt. Später schätzten sie sein Alter auf 17 Jahre. An Faizans Situation änderte sich dadurch nichts. Im indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir werden Personen ab 16 Jahren vor Gericht als volljährig betrachtet.

Zunächst hatte er Glück: Ein Richter gewährte ihm die Freilassung gegen Kaution. Auf Grundlage eines umstrittenen Sicherheitsgesetzes, dem »Jammu and Kashmir Public Safety Act«, wurde er jedoch weiter in Verwaltungshaft gehalten – ohne Anklage und ohne Gerichtsverfahren.

Am 30. März startete Amnesty eine Eilaktion und forderte seine Freilassung. Kurz darauf begannen Amnesty-Mitarbeiter damit, die Forderung über das Internetportal Twitter zu verbreiten. Nutzer rund um den Globus schlossen sich an und fügten ihren Nachrichten das Schlagwort »#freefaizan« hinzu, um sich für die Freilassung einzusetzen. Gleichzeitig adressierten sie ihre 140 Zeichen langen Botschaften an Omar Abdullah – Ministerpräsident des Bundesstaates Jammu und Kaschmir und selbst Twitter-Nutzer.

Der indische Journalist Raheel Khursheed schrieb: »Das ganze Jahr hindurch schickt die Regierung 14-Jährige ins Gefängnis und wundert sich dann, wenn im Sommer Steine geworfen werden.« Und Bilal Nazki, ehemaliger Richter am Obersten Gerichtshof in Orissa, fragte empört: »Wie kann man ruhig schlafen, nachdem man einen Minderjährigen ins Gefängnis zu Kriminellen gesteckt hat?« Omar Abdullah reagierte. Am 1. April antwortete er per Twitter, dass die Behörden Faizans Fall mit »Sympathie« betrachten und die Entscheidung überdenken würden. Fünf Tage später wurde Faizan entlassen.

Dies ist eine positive Nachricht – und eine Ausnahme. Denn die wenigstens Menschen, die wegen des »Public Safety Acts« inhaftiert sind, können auf »Sympathie« seitens der Behörden hoffen. »In Jammu und Kaschmir werden regelmäßig Hunderte Menschen, auch Kinder, auf der vagen Grundlage des Public Safety Acts eingesperrt«, sagte Madhu Malhotra, die stellvertretende Leiterin des Asien-Programms von Amnesty.

Ein aktueller Amnesty-Bericht dokumentiert, dass im vergangenen Jahr mindestens 230 Menschen auf diese Art inhaftiert wurden, obwohl keine eindeutigen Beweise für ihre Schuld vorlagen. Samuel Verghese, der ehemalige Finanzkommissar in Jammu und Kaschmir, sagte zur Begründung dieser Rechtspraxis, man ­müsse einfach »einige Leute aus dem Verkehr ziehen«.

Auch der 17-jährige Murtaza Manzoor wurde »aus dem ­Verkehr gezogen«. Weil er bei regierungskritischen Protesten »Unruhe gestiftet« haben soll, wurde er Anfang des Jahres ­festgenommen. Für seine Freilassung nutzte Amnesty abermals die Plattform Twitter und forderte: »#freemurtaza«.

Text: Ralf Rebmann

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