Amnesty Journal Haiti 19. Mai 2011

Verwerfungen

Die haitianische Schriftstellerin Yanick Lahens hat das Erdbeben im Januar 2010 in Port-au-Prince mit­erlebt. Jetzt hat sie ihre persönlichen Aufzeichnungen über die verheerende Katastrophe veröffentlicht.

Von Wera Reusch

Ich werde nie vergessen, wie still es in Port-au-Prince an diesem Tag war. Die Stille in einer zu Staub gewordenen Stadt, durch die Geistergestalten irren. Eingestürzte Mauern, zerdrückte Häuser zeigen offen ihre pulvrig weißen Wunden. (…) Ringsum riecht es nach Erde und nach Tod. Der Geruch der Armut, der Geruch derjenigen, die seit dem Anfang der Welt nichts haben.«

So schildert die Schriftstellerin Yanick Lahens ihren ersten Rundgang durch ihre Heimatstadt nach dem Erdbeben vom 12. Januar 2010. Sie selbst war zu Hause und las ihrem Neffen vor, als ein Erdstoß die haitianische Hauptstadt innerhalb von wenigen Sekunden in Schutt und Asche legte. Unter dem Titel »Und plötzlich tut sich der Boden auf« hat Lahens jetzt ihre persönlichen Aufzeichnungen über das Erdbeben und seine Folgen veröffentlicht.

Es ist das Protokoll einer aufmerksamen Schriftstellerin, die ihre Stadt kennt und liebt, die zu helfen versucht, die unter Schock steht, Eindrücke notiert, Freunde und Bekannte verloren hat, beobachtet, trauert, Fragen stellt. Es sind anrührende Szenen, die Lahens in der ihr eigenen, poetischen Sprache schildert, über das Chaos der ersten Tage, über Bergungsversuche und das Zusammenrücken der Menschen. Im Gegensatz zu journalistischen Reportagen, die eine professionelle Distanz wahren, macht Lahens in ihren Aufzeichnungen kein Geheimnis daraus, welche Hilflosigkeit und Zweifel sie als Schriftstellerin erfassen: »Wie schreiben, ohne das Unglück zu exotisieren, ohne Schaulust zu befriedigen, ohne den Gesetzen des Markts zu gehorchen, ohne eine Ware herzustellen, die sich prima fürs Schaufenster eignet? Wie diesem Unglück gerecht werden?«

Die Stärke dieses Buchs besteht genau darin, dass Lahens ­offenlegt, zu welchen Erschütterungen und Verwerfungen die Katastrophe auf persönlicher Ebene führte. Doch gehen die Aufzeichnungen der 1953 in der haitianischen Hauptstadt geborenen Autorin weit über ein Tagebuch im engeren Sinne hinaus. Private Ereignisse und Beschreibungen der Lage in der Stadt wechseln sich ab mit Ausführungen zur Kultur und Geschichte Haitis sowie mit klugen Gesprächen, die Lahens mit ihren Freunden über die Zukunft des Landes führt. Dabei gerät das politische Vakuum in Haiti ebenso in den Blick wie die fragwürdige Rolle der zahllosen internationalen Hilfsorganisationen, die das Geschehen bestimmen, ohne einer Kontrolle zu unterliegen: »Der Auftritt der ersten NGOs kommt einer Entmündigung gleich, trotz der großen Dienste, die sie geleistet haben.«

Lahens, die hier 2004 mit ihrem Roman »Tanz der Ahnen« bekannt wurde, ist in Haiti als Dozentin, Journalistin, in zivilgesellschaftlichen Organisationen und in der Jugendarbeit tätig. »Und plötzlich tut sich der Boden auf« trägt nicht nur zum Verständnis Haitis bei, es ist vor allem ein glaubwürdiges literarisches Zeugnis für den persönlichen Umgang mit einer Katastrophe, die alle Dimensionen sprengt. »Ich schreibe im Versuch, zu erkennen. Ein bisschen mehr wenigstens. Wiederhergestellt sein aber werde ich nicht.«

Yanick Lahens: Und plötzlich tut sich der Boden auf. Haiti, 12. Januar 2010. Aus dem Französischen von Jutta Himmelreich. Rotpunkt Verlag, Zürich 2011, 155 Seiten, 18,50 Euro.

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