Amnesty Journal Ägypten 03. Mai 2010

Vertreiben und verstecken

Die Bewohner der Slums in Kairo haben Hilfe dringend nötig. Der Staat bietet ihnen keinen Schutz, sondern bedroht sie.

Von Jürgen Stryjak

Am Abend vor dem Prophetengeburtstag zieht kurz nach Sonnenuntergang ein Unwetter auf, wie es Kairo seit zehn Jahren nicht erlebt hat. Ein Wolkenbruch überschwemmt die Straßen der Innenstadt, er dauert über eine Stunde. Der Verkehr kommt zum Erliegen. Ein paar ­Kilometer östlich vom Zentrum bringt Hamdi Riad die Familie in Sicherheit. Seine Frau und die vier Kinder im Alter zwischen drei Monaten und elf Jahren verbringen den Abend bei Verwandten in einem Neubaublock in der Nähe. Der Familienvater geht zurück und wartet in der eigenen Wohnung auf das Ende des Unwetters.

Sein Haus steht in einem Viertel an den Muqattam-Bergen. Am nächsten Tag zeigt der 35-Jährige, was der Wolkenbruch angerichtet hat. Es ist der Geburtstag des Propheten, überall in der Stadt schenken sich Muslime gegenseitig Süßigkeiten. Nicht so bei Hamdi Riad, Gebäck und Schokolade kann er sich nicht leisten, nicht einmal für die Kinder. Im schmalen Treppenflur steht eine Pfütze. Auch ins einzige Zimmer der Familie ist Wasser eingedrungen. Aber es hätte schlimmer kommen können. Das ist Hamdis einziges Geschenk zum Prophetengeburtstag.

Am Abend zuvor waren Sturzbäche durch die steinigen Gassen zwischen den Hütten hinuntergerauscht. Gassen, die so schmal sind, dass gerade mal zwei Leute nebeneinander laufen können. Die armseligen Häuser dort haben selten Fundamente, und ihr Gebälk ist morsch. Starker Regen kann das poröse Mauerwerk schwächen oder Erdrutsche verursachen. Hamdi Riad und seine Nachbarn leben ständig mit der Gefahr, dass ihnen die vier Wände über den Köpfen zusammenbrechen.

Sie wohnen in einem jener Viertel, die sogar Moustafa Madbouli, der oberste Städteplaner Ägyptens, als Slums bezeichnet. Er verwendet diesen Begriff mit Bedacht. Er beschränkt ihn auf Gebiete, »in denen es keinerlei Sicherheit für die Menschen gibt«. Denn ihre Bewohner hausen unter Hochspannungsleitungen oder können jederzeit lebendig unter Geröllmassen begraben werden. Alle sind sie von lebensgefährlichen Krankheiten bedroht, weil sie keine Abwasserentsorgung haben.

Moustafa Madbouli ist der Vorsitzende der General Organization for Physical Planning, einer staatlichen Behörde mit Sitz in einer Villa in Garden City im Stadtzentrum. Madbouli hat in Rotterdam und Karlsruhe studiert und sein Traum ist es, Kairo bis 2020 in einen urbanen Großraum ohne Slums zu verwandeln. Dazu müssten die gefährdeten Gebiete, also die Slums, ­geräumt werden, es sei unmöglich, sie zu entwickeln. »Rund 100.000 Familien mit einer halben Million Menschen werden wir umsiedeln müssen«, sagt er. »Es gibt keine Alternative.«

Wollte Moustafa Madbouli mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu Hamdi Riad fahren, müsste er am Tahrir Square ins erste Sammeltaxi steigen, an der Nasr Road ins nächste wechseln und dann einen klapprigen Jeep nehmen, der ihn bis nach Al-Duweiqa bringt, so wie es die Leute tun, die hier wohnen. Zwischen den tristen Neubauten von Al-Wahayid hindurch müsste Moustafa Madbouli schließlich in den Slum von Hamdi Riad laufen. Für den gesamten Weg würde er eine Dreiviertelstunde benötigen, obwohl es nur sechs Kilometer Luftlinie von seiner Dienstvilla bis hierher sind.

Der politische Weg zu einem slumfreien Kairo aber ist noch weiter und beschwerlicher. Es lauern unüberwindbare Hindernisse: Korruption und Geldmangel, einflussreiche Geschäftsleute, die mit Mafiamethoden ihre Interessen vertreten, und ein Regime, das sich um die Ärmsten der Armen nur schert, wenn sie seine Macht bedrohen. Das alles sind Hindernisse, die auch ein engagierter Funktionär wie Madbouli nicht überwinden kann.

Hamdi Riad kam vor 19 Jahren aus der Halb-Oase Al-Fayoum nach Al-Duweiqa. Er kaufte sein Haus für umgerechnet tausend Euro. Das Geld lieh er sich von Verwandten. In Al-Duweiqa lebt er zwar in einem Slum, doch kann er hier sein Glück versuchen. Es ist die typische Biographie eines Bauernjungen auf Landflucht. Fast alle Familien der Bewohner des Stadtteils Manshiet Nasr, zu dem auch Al-Duweiqa gehört, kamen einst vom Land in die Großstadt, weit über eine halbe Million Menschen. Viel zu viele für das bisschen Glück, das es hier gibt. Auch Hamdi Riad kommt nur knapp über die Runden.

Morgens in aller Frühe geht er aus dem Haus und fährt in die Muskistraße in der Altstadt. Dort kauft er für ein paar ägyptische Pfund Kleidungsstücke vom Großhändler, Herrenoberhemden zum Beispiel. Textilien, die so billig sind, dass Leute wie er sie sich leisten können. Die Kleiderbündel bringt er im Sammeltaxi in die Armenviertel Kairos oder in die Provinz. Dort stellt er sich auf die Märkte und verkauft die Sachen.

Wie viel er verdient, weiß er nicht. In guten Monaten sind es vielleicht 1.000 Pfund (gut 130 Euro), oft weniger. Davon muss er auch den Transport bezahlen, die Polizisten auf den Schwarzmärkten schmieren und die Prepaid-Karten fürs Handy kaufen. Leute wie Hamdi Riad sammeln keine Quittungen und führen keine Geschäftsunterlagen. Wichtig ist, was er am Abend in der Tasche hat, und das ist jeden Tag eine andere Summe.

Wasserholen bei Verwandten im Neubau

Nach der Arbeit setzt er sich auf den Teppich vor den Fernseher und guckt den ägyptischen Sportkanal. »Das ist meine Lieblingsbeschäftigung«, sagt er. »Wenn ich hier sitze und zum Beispiel Fußball gucken kann, dann bin ich glücklich.«

Währendessen steht seine Frau am Herd und frittiert Gemüse. Der Herd befindet sich gleich neben dem einzigen Bett. In ihm schläft tagsüber Genna, die drei Monate alte Tochter, und nachts die ganze Familie. Das Doppelbett nimmt fast die Hälfte des einzigen Raumes ein. Er misst höchstens zehn Quadratmeter. Hier wird gekocht, gespielt und ferngesehen. In einem düsteren Verschlag nebenan befindet sich die Toilette, ein Loch im Boden. Dort stehen auch die Wasserkannen, die die Familie bei den Verwandten im Neubau füllt. Einen Wasseranschluss besitzt hier keiner.

Am Eingang zu Riads Slum sitzen am Nachmittag ein paar Halbwüchsige auf Stühlen aus Palmenholz im ansonsten leeren Kaffeehaus. Es heißt »Asala«, benannt nach der populären syrischen Sängerin. Die Jugendlichen spielen mit ihren Handys.

Mobiltelefone gelten als Statussymbol, obwohl sie längst kein Zeichen für Wohlstand mehr sind. Telefonate können sich die jungen Leute ohnehin nicht leisten. Es gibt so viele zahlungsunfähige Handybesitzer, dass die Firma Mobinil einen Service anbietet, der »Kalemni, shukran« heißt, auf Deutsch: Ruf mich an, danke! Man wählt einen Code, gefolgt von der Nummer desjenigen, mit dem man sprechen möchte, und Mobinil verschickt kostenlos eine SMS mit der Bitte, den Absender zurückzurufen.

Wer die jungen Männer nach ihrem Lebenstraum fragt, erhält von allen dieselbe Antwort, die auch Khaled, der Kaffeehausbetreiber, gibt: »Endlich genug Geld für die Hochzeit zu ­haben!« Die Heirat ist für den 27-Jährigen das einzige halbwegs realistische Lebensziel. Direkt neben dem Kaffeehaus fertigt der 24-jährige Muhammed Abdu Damenbroschen in Handarbeit, in einer kleinen Kammer, in der er zusammen mit seinem Bruder auch schläft. Die Perlen besorgt er sich im Basar der Altstadt, wo die Broschen verkauft werden. Pro Tag verdient er 25 Pfund, umgerechnet gut drei Euro. Zu wenig für eine Hochzeit, denn Muhammed ist gleichzeitig auch der Ernährer seiner Familie.

Hamdi Riad geht nie ins Kaffeehaus, nicht ins »Asala« um die Ecke und auch in kein anderes. »Ein Glas Tee kostet ein Pfund«, rechnet er vor, »wenn ich vier oder fünf davon trinke, fehlt mir am Ende viel Geld, das ich für meine Kinder brauche.« Dennoch lässt auch Hamdi Geld in seinem Slum. Er kauft Zigaretten am schäbigen Kiosk oder selbstgemachten Weißkäse aus der Blechschüssel einer alten Frau, die immer in der Gasse sitzt. Er bezahlt den Kahraba’i, der elektrischen Strom fürs Viertel stiehlt und jene Leitungen repariert, die bis in die Häuser reichen.

So leben von dem wenigen Geld, das einige der Bewohner draußen verdienen, am Ende viele von Hamdis Nachbarn. Sie versorgen sich gegenseitig. Dass sich die Regierung um sie kümmert, das erwartet hier niemand. Der Staat beginnt irgendwo in der Ferne, weit hinter dem Verteilerkasten, von dem die Leute ­illegal Strom abzapfen. Er regiert in einer anderen Welt.

Wenn der Staat in die Welt von Hamdi Riad und seinen Nachbarn eindringt, dann als Bedrohung. In den Tagen vor dem Prophetengeburtstag wurde ein Slum ganz oben auf dem Berg geräumt. Blaue Mannschaftswagen fuhren vor, Polizisten riegelten das Gebiet ab und ließen den Bewohnern 24 Stunden Zeit, ihre Habseligkeiten zu packen. Derzeit werden die Leute nach Al-Nahda umgesiedelt, in ein Viertel mit Billigneubauten 30 Kilometer nordöstlich von Kairo, weit weg vom Broterwerb, aber auch von den Augen der Öffentlichkeit. Denn am liebsten hat das Regime die Slumbewohner außer Sichtweite. Aus demselben Grund wird Journalisten, vor allem ausländischen, oft der Zugang zu den Slums verwehrt. Vor allem wenn sie eine Kamera dabeihaben.

Im Neubau droht die nächste Räumung

Das feine soziale Gewebe, das die Leute in den Slums am Leben erhält, verschwindet mit der Zwangsumsiedlung von einem Tag auf den anderen. Hamdi Riad rechnet ständig mit diesem Schicksal. Außerdem erhalten nur die Familien in Siedlungen wie der von Al-Nahda eine Wohnung, die nachweisen können, dass sie seit langem in ihrem Slum wohnen. Aber wer hat schon Papiere, von denen er glaubt, dass sie der Willkür der Behörden standhalten? Auch Hamdi Riads Haus steht auf staatlichem Boden, er hat praktisch keine Rechte.

Neben seinem Slum entstand in den vergangenen Jahren ein Neubauviertel für Zwangsumgesiedelte, die sogenannte Susanne-Mubarak-Siedlung, benannt nach der Gattin des Präsidenten. Von dort hört Hamdi Riad Geschichten wie die des 52-jährigen Muhammed Ahmed. 2002 wurden ihm, seiner Frau und den ­sieben Töchtern dort zwei kleine Zimmer zugewiesen. Die Wohnungsmiete beträgt 77 Pfund im Monat, aber Muhammed Ahmed verkauft Gemüse auf der Straße. Sein Einkommen reicht nicht für die Miete, er hat sie seit sieben Jahren nicht bezahlt. Anwälte vom Egyptian Center for Housing Rights versuchen, vor Gericht die Zwangsräumung abzuwenden. Sollte ihnen das nicht gelingen, landet die neunköpfige Familie auf der Straße.

Unter anderem deshalb wünscht sich Hamdi Riad nichts sehnlicher, als dass sein armseliger Status quo erhalten bleibt. Gelegentlich arbeitet er als Reinigungskraft im Citystars Center in Medinet Nasr, einer riesigen, funkelnden Shopping Mall mit 800 Geschäften, Restaurants und Cafés, in denen ein Latte Macchiato mehr kostet, als so mancher Familie in Al-Duweiqa für den gesamten Tag zur Verfügung steht. Wie kommt Hamdi Riad mit dem Kontrast klar zwischen der Glitzerwelt der Reichen und seinem Slum? »Auf dem Weg nach Hause bin ich manchmal wütend«, antwortet er, »aber wenn ich mein Viertel erreiche und zu Hause meine Familie sehe, preise ich Gott dafür, dass alles noch so ist wie am Morgen, als ich das Haus verließ.«

Sehr vielen Kairoern geht es kaum besser als ihm, auch außerhalb der Slums. Die Viertel der Mittel- und Oberschicht, Zamalek, Mohandessin oder die neuen, begrünten Wohnanlagen am Stadtrand, sind kleine Oasen. Sie stehen für nichts, was die Stadt ausmacht. Moustafa Madbouli, der oberste Stadtplaner, zählt im Großraum Kairo zwar nur 15 Slums, aber über 120 ’Ashwa’iyyas. Das sind sogenannte informelle Stadtteile – ohne Genehmigung errichtete, ungeplante Viertel, in denen die Bewohner oft genauso arm sind wie Hamdi Riad, nur dass sie nicht in Lebensgefahr schweben. Rund 70 Prozent aller Kairoer wohnen in einem ’Ashwa’iyya. Das sind über zwölf von rund 18 Millionen Menschen. »Wenn wir Glück haben«, sagt Moustafa Madbouli, »dann schaffen wir es bis 2020, die Lebensbedingungen in zwei oder drei von ihnen zu verbessern.«

Flucht vor dem Steinschlag

Anders als Hamdi Riad in Al-Duweiqa wollen die Menschen am Ende der Al-Me’adessa-Straße in Manshiet Nasr nicht einfach auf ihr Schicksal warten. Ihre Häuser befinden sich unmittelbar an den steilen Felsen der Muqattam-Berge. Im September 2008 stürzten genau solche Felsen in Al-Duweiqa auf Häuser und begruben mindestens 119 Menschen bei lebendigem Leib. Am Ende der Al-Me’adessa-Straße droht dieselbe Gefahr. Zamzam Abd Al-Nabi zeigt ein großes, notdürftig verschlossenes Loch im Dach eines Hauses. Hier durchschlug ein Felsbrocken die Decke und landete in einem Zimmer, in dem ein Baby schlief. Gottseidank wurde niemand verletzt.

Seit Monaten versucht Zamzam, die Behörden zum Handeln zu zwingen. Menschenrechtsorganisationen wie das Egyptian Center for Housing Rights helfen ihr dabei, Amnesty International startete eine Eilaktion. Die 35-Jährige möchte für sich und ihre Nachbarn Wohnungen an einem Ort, an dem sie auch ihren Lebensunterhalt verdienen können. Aber sie selbst können sie nicht finanzieren. Am liebsten würden sie im Viertel bleiben, aber das befindet sich in der Nähe des Stadtzentrums und bietet einen grandiosen Blick auf den Al-Azhar-Park, die historische Altstadt und die Zitadelle. Es ist ein urbanes Filetstück, das auch Investoren begehren. Jeder hier im Viertel glaubt, dass seine Bewohner aus genau diesem Grunde an den Stadtrand umgesiedelt werden sollen.

Zamzam, die Bäckersfrau, weist auf einen Felsen am südli­chen Rand. Er sei instabil und könne jeden Moment zusammenbrechen. Während des Wolkenbruchs am Vorabend des Prophetengeburtstags flüchteten viele Familien aus den Häusern. Stunden verbrachten sie aus Angst um ihr Leben an der Hauptstraße im Regen. Die Gefahr, die von den Felsen ausgeht, wurde von Geologen längst bestätigt, aber selbst Protestaktionen vor Behördengebäuden, die Zamzam organisierte, blieben bislang ­folgenlos.

Die Nachbarn sind stolz auf die junge Hausfrau, aber Zamzam behagt die Rolle als Aktivistin eigentlich nicht. Die Zeitungen berichten immer wieder davon, dass Slumbewohner, die Widerstand leisten, in Gefängnissen landen und dort misshandelt werden. Zamzam möchte nicht als Staatsfeindin gelten. »Wir lieben unser Land«, sagt sie, »Präsident Mubarak ist für uns so etwas wie ein Vater. Wir verlangen nur von den Behörden, dass sie uns helfen, nicht nur wegen der Gefahr, sondern weil das unser Recht ist.«

Der Kampf von Zamzam und ihren Nachbarn ist auch einer um Respekt und Menschenwürde, daran lässt sie keinen Zweifel. »Ich würde meine beiden Söhne mit Freude unserem Land opfern, wenn sich Ägypten im Krieg verteidigen müsste. Aber wie soll ich das tun, wenn sie vorher unter dem Berg sterben?«

Der Autor lebt in Kairo, arbeitet unter anderem für die ARD und ist Gründungsmitglied des Korrespondentennetzwerks Weltreporter.net.

Ende 2009 hat Amnesty in einem Bericht die Situation in den von Schlammlawinen und Steinschlag bedrohten Slums in Kairo dokumentiert. Im Februar startete die Organisation eine Eilaktion für gefährdete Bewohner von Manshiyet Nasser. Mehr Informationen auf www.amnesty.org

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