Amnesty Journal China 05. Oktober 2009

Sprachlos

In dem Roman "Peking Koma" von Ma Jian erinnert sich ein Student an die demokratischen Proteste in China.

Das Reden überlässt er den anderen. Da Wei kümmert sich stattdessen darum, dass bei den Massendemonstrationen in Peking niemand versehentlich zerquetscht wird. Und immer wieder steht der junge Biologiestudent vor Fragen: Wie weit sollen die Studierenden gehen, um die Regierung zum Dialog zu zwingen? Wann ist der richtige Zeitpunkt, um die Absperrungen der Polizei zu stürmen? Ab wann schlägt das Militär zu?

"Peking Koma" von Ma Jian ist eine Tour de force: Der Roman erzählt, wie sich die chinesische Studentenrevolte 1989 für die Beteiligten geradezu unverhofft zu einer Massenbewegung entwickelte, wie sich Studenten-Schlafsäle zu Kommando-Zentralen wandelten, wie Machtkämpfe in den Führungskadern zunahmen, welchen Mut und welche Improvisationskunst die jungen Chinesen aufbrachten – und wie gnadenlos die Regierung ihre Forderung nach mehr Selbstbestimmung zurückwies. Dabei schlägt der Roman auch den Bogen zur Kulturrevolution sowie zu den Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele 2008.

In einfachen, schnell dahinfließenden Sätzen beschreibt Ma Jian die Besetzung des Tiananmen so lebendig, dass der Leser sich tatsächlich inmitten des Geschehens wähnt. Und natürlich sind die Revolutionäre auch ständig in irgendjemanden verliebt. Die sorgsame Durchmischung von historischen, pragmatischen und romantischen Elementen macht das brutale Vorgehen der chinesischen Führung anschaulich – auch für Leser, die keine China-Experten sind.

Ohne Sentimentalität zuzulassen, spitzt der Autor die grausame Niederschlagung der Revolte durch den Romanaufbau weiter zu. So erinnert sich Da Wei an die Geschehnisse von 1989, während er aufgrund eines Kopfschusses im Wachkoma liegt. Unfähig sich zu rühren, beginnt er, über zehn Jahre hinweg eine imaginäre Reise durch seine Vergangenheit und seinen verrottenden Körper.

Der Schriftsteller Ma Jian lebt seit 1999 in London. Seine Romane sind in China verboten. "Wenn ich mich mit jungen Chinesen über die Ereignisse von 1989 unterhalte, wird mir immer vorgeworfen, falsche Gerüchte in die Welt zu setzen. Wenn ich das Thema bei meinen alten Freunden anschneide, lachen die meisten nur. Hinter dieser Maske von Spott oder Gleichgültigkeit verbirgt sich Angst. Jeder weiß, dass der Bruch des Tiananmen-Tabus das Leben eines Menschen und das Leben seiner Familie zerstören kann", erklärt Ma Jian.

Von Ines Kappert.

Ma Jian: Peking Koma. Aus dem Chinesischen von Susanne ­Höbel. Rowohlt Verlag, Reinbek 2009, 928 S., 24,90 Euro

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