Idyllische Hölle
Die Insel Lampedusa ist ein Urlaubsparadies im Mittelmeer. In den vergangenen Jahren aber verwandelte sie sich zu einem schrecklichen Ort für Migranten aus Afrika und Asien.
Idyllische Buchten mit Sandstränden, bizarre Steilklippen, ein pittoreskes Städtchen und das typische Mittelmeerklima: Die Insel Lampedusa hat alles, was ein Urlaubsparadies benötigt. Doch während sich jedes Jahr viele Touristen dort oder an den nahe gelegenen Stränden Tunesiens entspannen und vergnügen, verwandelte sich die Insel für die Migranten in eine Art Hölle auf Erden.
Tausende Menschen versuchen jährlich, die nur 110 Kilometer vor Tunesien liegende, aber zu Italien gehörende Insel mit dem Boot zu erreichen. 36.000 Personen trafen nach Angaben des Büros des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge (UNHCR) im vergangenen Jahr dort ein. Unzählige erreichten die Insel aber gar nicht erst und ertranken bei der Überfahrt im Meer.
Die Zustände im Auffanglager auf Lampedusa sind katastrophal. Das für die Notaufnahme konzipierte Lager ist für maximal 850 Menschen vorgesehen. Zu Jahresbeginn hielten sich dort aber mehr als 1.600 Personen auf. Diese Zustände riefen im Januar die Bewohner der Insel auf den Plan. Aus Angst, ihre Insel könne den Ruf als Touristenattraktion verlieren, gingen sie auf die Barrikaden. Hunderte Migranten, denen es gelang, die Zäune des Lagers zu überwinden, schlossen sich den Protesten an.
Auch der UNHCR zeigte sich über die Zustände auf Lampedusa besorgt und forderte die italienischen Behörden auf, alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um die prekäre Situation im Lager zu verbessern. Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi erklärte hingegen, den Migranten im Lager stehe es jederzeit frei, "ein Bier trinken zu gehen".
Das Flüchtlingslager war bislang lediglich für die Erstaufnahme bestimmt. Nach kurzer Zeit wurden die Migranten und Asylbewerber auf das italienische Festland gebracht, wo auch die Asylverfahren stattfinden. Im Januar aber deklarierte die italienische Regierung das Lager schlicht um: Die persönliche Identifizierung und das Asylverfahren soll nun für alle Migranten auf Lampedusa durchgeführt werden. Ein faires Asylverfahren ist ebenso wenig gegeben wie die Möglichkeit, gegen die Abschiebung Widerspruch einzulegen. Den Migranten droht die Abschiebung in Länder, die für Menschenrechtsverletzungen berüchtigt sind, wie etwa Tunesien oder Libyen. Eine entsprechende Übereinkunft zwischen Tunesien und Italien existiert bereits. Der italienische Innenminister gab Ende Januar auf einer Pressekonferenz bekannt, dass 500 tunesische Staatsangehörige in den kommenden Monaten auf Grundlage der Übereinkunft abgeschoben werden sollen.
Dieses Vorgehen führte im Februar zu Protesten tunesischer Migranten. In dem Lager wurden Matratzen in Brand gesetzt und viele versuchten, aus dem Lager auszubrechen. Bei dem Aufstand wurden Migranten und Polizeibeamte verletzt. Nach dem Feuer wurden viele Migranten auf das Festland gebracht. Dadurch wurde zwar die Überbelegung des Lagers beendet, die Sorge besteht jedoch weiter, dass Migranten von Lampedusa aus direkt in ihre Heimatländer abgeschoben werden, ohne dass ihre Asylanträge in einem fairen Verfahren geprüft werden, wie es die Richtlinien der EU vorschreiben.