Amnesty Journal Indien 26. Januar 2015

Warum wir Bhopal nicht vergessen dürfen

Bei dem Giftgasunglück im indischen Bhopal starben 1984 Tausende Menschen. Die Verantwortlichen ­wurden bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen.

Von Michael Gottlob

Die Katastrophe von Bhopal jährt sich am 3. Dezember 2014 zum 30. Mal: Ein Leck in einer Pestizidfabrik der US-amerikanischen Firma Union Carbide Corporation (UCC) ließ kurz nach Mitternacht Tonnen des hochgiftigen Gases Methylisocyanat (MIC) austreten. In wenigen Tagen starben in der indischen Metropole rund 8.000 Menschen, bis heute kamen weitere 15.000 Todesopfer hinzu.

Die Bilder aus Bhopal, die nicht abreißende Kette der Schreckensnachrichten und die hochschnellenden Opferzahlen machten bald klar, dass es sich um einen der größten Unfälle der Industriegeschichte handelte. Bhopal gehört zu der langen Reihe von Desastern – von Seveso über Tschernobyl bis Fukushima –, die für den fahrlässigen Umgang mit technischen Risiken stehen. Das Gasunglück ist in das globale Gedächtnis eingegangen, auch als Beispiel dafür, dass westliche Konzerne gefährliche Produktionen in die Länder der Dritten Welt auslagern.

Es geht an diesem Jahrestag aber nicht bloß um das Gedenken. Dass man wieder an Bhopal erinnern muss, liegt auch daran, dass die Überlebenden noch immer um Gerechtigkeit kämpfen. Bis heute sind sie finanziell nicht angemessen entschädigt worden. UCC zahlte im Jahr 1989 eine Abfindung in Höhe von 470 Millionen US-Dollar. Dass dieser Betrag viel zu gering ist, hat inzwischen auch die ­indische Regierung eingesehen. Sie will die Abfindungsvereinbarung im Licht des heutigen Kenntnisstands über die Auswirkungen der Katastrophe neu verhandeln. Gefordert wird ein zusätzlicher Betrag von bis zu 1,7 Milliarden Dollar. Nach Einschätzung der Betroffenengruppen wären allerdings 8,1 Milliarden Dollar nötig.

Auch die Verseuchung des Fabrikgeländes ist noch nicht beseitigt. Die Bewohner der Umgebung müssen immer noch damit leben, dass Boden, Wasser und Luft verschmutzt sind. UCC verletzte schon vor dem Unglück die Sicherheitsstandards für die Lagerung toxischer Substanzen. Bis heute erweisen sich die staatlichen Stellen als unfähig, die Firma zur Sanierung des Geländes zu zwingen.

Zudem sind die Verantwortlichen des Unglücks bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen worden. Lediglich einige indische Manager wurden im Juni 2010 zu geringfügigen Strafen verurteilt. Die Hauptverantwortlichen von UCC und Dow Chemical, seit 2001 alleinige Eigentümerin von UCC, in den USA haben sich bisher stets geweigert, vor indischen Gerichten zu erscheinen. Jetzt gab es eine erneute Vorladung vor ein Gericht in Bhopal. Amnesty fordert die indische und die US-Regierung auf, dafür zu sorgen, dass Dow Chemical ihr folgt.

Dass sich die Verantwortlichen den rechtlichen Konsequenzen so lange entziehen konnten und die staatlichen Behörden in ihrer Schutzpflicht versagten, dies ist die zweite Katastrophe von Bhopal. Die erwartete mediale Aufmerksamkeit zum 30. Jahrestag gibt den Überlebenden noch einmal die Chance, der Weltöffentlichkeit ihre aktuelle Situation nahezubringen und den Druck auf die ­Regierungen zu erhöhen.

Opfer von Menschenrechtsverletzungen durch multinationale Unternehmen stehen oft vor nahezu unüberwindlichen Hindernissen, um zu ihrem Recht zu gelangen. Nicht nur in Indien, wie ein Bericht von Amnesty International zeigt. Der Bericht »Injustice Incorporated« (März 2014) dokumentiert anhand von vier Fällen, wie Unternehmen ihre politische und ­finanzielle Macht ausnutzen, um sich ihrer Verantwortung zu entziehen.

Neben Bhopal geht es um die Ok-Tedi-Mine in Papua Neuguinea, wo Minenabfall die Flüsse mit schädlichen Substanzen flutete (1984), das Goldbergwerk von Omai in Guyana, dessen Abfallsicherungssystem versagte (1995), sowie den Giftmüll der Firma Trafigura in Abidjan, Elfenbeinküste, der mehr als 100.000 Menschen gesundheitlich schädigte (2006). Besonders am letzten Beispiel wird deutlich: »Die Lektionen der Vergangenheit wurden nicht gelernt. Fast ein Vierteljahrhundert nach Bhopal wurden viele schwere Fehler wiederholt.«

Die Menschenrechtsverletzungen sind in allen vier Fällen unbestritten, auch die Schuldhaftigkeit der Unternehmen. Aber mit juristischen Tricksereien und politischer Einflussnahme konnten sich die Verantwortlichen dem Zugriff der Gerichte ­entziehen. Angesichts des »gefährlichen Ungleichgewichts« ­zwischen multinationalen Unternehmen und potenziellen ­Opfern muss die Macht der Unternehmen begrenzt werden.

Den Opfern vergangener Menschenrechtsverletzungen kommt dabei eine besondere Rolle zu. Nicht nur, dass sich letztlich an der Aufarbeitung ihrer Fälle erweisen muss, ob Standards wirklich erreicht sind. Auch als Akteure stehen sie an vorderster Front. Sie haben bereits über Jahrzehnte jene Hartnäckigkeit ­bewiesen, die als Garantie gegen die Wiederholung des Unrechts nötig ist. Dass es hier einige der ärmsten Menschen der Welt mit einigen der mächtigsten aufgenommen haben, sollten wir nicht aus den Augen verlieren.

Für die Opfer in Bhopal war die Erfahrung von 1984 trau­matisch. Und dieses Trauma dauert bis heute an. Sie waren denn auch besonders hellhörig, als gefordert wurde, die sichtbaren Überreste des Unglücks (das »Schandmal«) zu beseitigen. Im Jahr 2005 hatte die indische Regierung einen Wettbewerb für ein Mahnmal ausgeschrieben, dabei aber stets den Abbau der Anlage favorisiert. Die Überlebenden der Katastrophe, die in die Planungen nicht einbezogen wurden, wandten sich daher im ­Februar 2009 an die Repräsentantin der UNESCO in Neu-­Delhi mit der Bitte, dabei zu helfen, die Fabrikruine als Ort des Erinnerns zu bewahren.

Inzwischen haben die Überlebenden den »Remember Bhopal Trust« gegründet und wollen noch in diesem Jahr ein kleines Museum errichten, das die Spuren der Zerstörungen und Verletzungen, an denen sie leiden, sichert und ihren Kampf um Gerechtigkeit nacherzählt. Sie bewahren ein tiefes Misstrauen gegenüber dem ungebremsten Gewinnstreben von Investoren und der Tatenlosigkeit, wenn nicht Komplizenschaft der Regierung, mit denen auch in Zukunft zu rechnen ist.
Mit dem Slogan »No more Bhopals« gaben die Überlebenden ihrem Kampf eine globale und menschenrechtliche Perspektive. Die Erinnerung an das Unglück hält die verstörenden Fragen offen, die es aufgeworfen hat. Wir sollten sie als ständigen Appell begreifen, der Macht multinationaler Unternehmen weltweit rechtliche Grenzen zu setzen.

Der Autor ist Sprecher der Indien-Kogruppe der deutschen Amnesty-­Sektion.

Weiteres Material zu Bhopal unter: www.amnesty-indien.de/Main/Bhopal

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