Amnesty Journal 22. November 2023

Zu viel und zu wenig zugleich

Bauern im Südsudan bei der Ernte auf ihrem Feld: Zwei junge Männer, die in T-Shirts und kurzen Hosen mit ihren Händen ernten.

Hunger als Folge der Klimakrise: Flut und Dürre haben die Hälfte der Sorghum-Ernte dieser Bauern im Südsudan vernichtet.

 

Die einen hungern, die anderen sind fettleibig: Zwar hatte sich die UNO eine gesunde Ernährung für alle bis 2030 zum Ziel gesetzt. Doch bewaffnete Konflikte und die Interessen der Lebensmittelkonzerne machen die Pläne zunichte.

Von Annette Jensen

Wer sich die schlechte ­Ernährungslage im globalen Süden vorstellt, denkt sofort an Hunger. Und tatsächlich ist die Zahl derer, die nicht genug zu essen haben, in den vergangenen Jahren wieder deutlich gestiegen. Zugleich breitet sich aber auch ein anderes Phänomen in Asien, Lateinamerika und Afrika rasend schnell aus: Übergewicht bis hin zu Fettleibigkeit (Adipositas), verursacht durch hochverarbeitete und zuckerreiche Lebensmittel. Beide Entwicklungen sind gefährlich für die Betroffenen und schaden außerdem den Volkswirtschaften ­ihrer Länder.

Vor zehn Jahren ging die Welternährungsorganisation (FAO) von rund 570 Millionen Unterernährten aus – Tendenz sinkend. Anfang 2016 traten die 17 Nachhaltigkeitsziele der UNO in Kraft. Den Hunger beenden stand auf der Liste fast ganz oben: Alle Menschen sollen sich gesund und ausgewogen ernähren können. Zugleich müsse das Einkommen von Kleinbäuerinnen und -bauern wachsen, so beschlossen es alle 193 Mitgliedsländer. Doch die Realität sieht anders aus. Weltweit hungern einer Studie von fünf UN-Sonder­organisationen zufolge 735 Millionen Menschen, 122 Millionen mehr als vor der Pandemie im Jahr 2019. Auch die Lage der Kleinbäuerinnen und -bauern hat sich nicht verbessert, eher im Gegenteil.

45 Grad und mehr

Die negative Entwicklung hat viele Ursachen. Gewaltsame Auseinandersetzungen führen zu Ernährungskrisen: Wo Krieg herrscht, können Menschen die Felder nicht bestellen – und wenn es zu wenig zu essen gibt, heizt das Konflikte an. Schwierig ist die Ernährungssituation derzeit im Sudan, wo einige Unterstützungsprogramme aufgrund der Sicherheitslage eingestellt werden mussten. In einer anhaltenden Krise befinden sich der Jemen, Nigeria, Syrien und die Demokratische Republik Kongo.

Auch die Klimaerwärmung trägt zu Hunger und Unterernährung bei: Hitzewellen, extreme Trockenheit, aber auch sintflutartige Regenfälle nehmen zu. Indien konnte deshalb im vergangenen Jahr seiner Ankündigung, die Weizenexporte drastisch zu erhöhen, um die durch den Ukraine-Krieg entstandene Lücke auf dem Weltmarkt zu schließen, keine Taten folgen lassen. Temperaturen von 45 Grad und mehr führten zu geringeren Ernten als erwartet und veranlassten die Regierung in Neu-Delhi, im Mai einen Exportstopp zu verhängen. In Somalia, Afghanistan und China gab es Dürren, in Pakistan und Brasilien schwere Überflutungen, um nur einige Beispiele zu nennen. Expert*innen erwarten für dieses Jahr erneut das Klimaphänomen El Niño, das dazu führt, dass sich der Pazifik aufheizt, was weltweit zu Wetterextremen führt.

Auch internationale Investor*innen gefährden die Ernährungssicherheit. Wo sie Land gekauft haben, um Exportgüter produzieren zu lassen, fehlt es oft an Nahrungsmitteln für die heimische Bevölkerung. Betroffen sind beispielsweise Kamerun, Senegal, Äthiopien, Indonesien und die Philippinen. Selbst agrarisch geprägte Länder müssen inzwischen Nahrungsmittel importieren. Inflation, steigende Lebensmittel- und Düngerpreise verschärfen die Situation. Viele Landwirt*innen besitzen weniger als einen Hektar Land und können damit kein ausreichendes Einkommen erwirtschaften. 45 Länder sind von externen Nahrungsmittelhilfen abhängig – etwa ein Drittel mehr als vor fünf Jahren, meldet die Welthungerhilfe.

Fehlernährung durch Fastfood

Ein weniger beachtetes Problem ist die ­rasante Ausbreitung von Übergewicht bis hin zu Fettleibigkeit. Dies betrifft längst nicht nur Europa und Nordamerika, sondern auch den globalen Süden. Fast zwei Milliarden Erwachsene bringen zu viel Gewicht auf die Waage, 650 Millionen ­gelten laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) als fettleibig. Der größte Teil der Weltbevölkerung lebt inzwischen in Ländern, in denen Übergewicht und Adipositas mehr Todesopfer fordern als Untergewicht, meldet die WHO.

Die Ursachen hierfür sind weniger komplex als beim Hunger – und dennoch schwer zu beheben, denn hinter ihnen liegen wirtschaftliche Interessen. Internationale Konzerne wie Nestlé und Unilever drücken immer mehr hochverarbeitete Lebensmittel auf den Markt. Diese enthalten viel billigen Zucker als Füllstoff, dazu Salz, Fett und Geschmacksverstärker. Sie kosten weniger als frische Nahrungsmittel, und ihre Zubereitung besteht maximal darin, sie aufzuwärmen. Vieles kann sofort in den Mund geschoben oder getrunken werden.

Fastfood enthält kaum Ballaststoffe und kann vom Körper sehr leicht aufgenommen werden. Bereits im oberen Teil des Dünndarms werden fast alle Kohlenhydrate aufgenommen und ein Großteil in den Fettspeicher verschoben. Obwohl der Körper auf diese Weise sehr viele Kalorien erhält, stellt sich wegen der fehlenden Ballaststoffe kein Sättigungsgefühl ein.

Drastische Zunahme von Krankheiten

Das alles hat zu einer drastischen Zunahme von Herz-Kreislauferkrankungen, hohem Blutdruck, Knie- und Hüftproblemen, Nieren- und Leberkrankheiten sowie Diabetes und Gicht geführt. Für die Betroffenen bedeutet das viel Leid und häufig einen früheren Tod, für die Gesundheitssysteme hohe Folgekosten. Hat sich der Körper im Kindesalter an diese Ernährung gewöhnt, wird er das Übergewicht im Erwachsenenalter kaum noch los. Dennoch weist die Ernährungsindustrie jegliche Verantwortung von sich: Die Konsument*innen hätten ja die freie Wahl, was sie essen und trinken möchten.

In Brasilien hat die Fastfood-Industrie Strategien erprobt, um sich im globalen Süden auszubreiten: Der Weltkonzern Nestlé setzt auf Tausende Verkäufer*innen, die mit ihren Handkarren durch die Slums ziehen und Chips, süße Frühstücksflocken, Milchpulver und Kekse ­anbieten. Wer gerade kein Geld hat, kann anschreiben lassen. Auch der Trick, Waren in Kleinstmengen anzubieten und ­dadurch auch für sehr arme Menschen erschwinglich zu machen, ist bei Lebensmittelkonzernen beliebt. Begleitet wird das Ganze von Werbung auf allen Kanälen. Längst haben die Multis auch Asien und Afrika als Märkte für die "Western Diet" entdeckt. "Koch mit Maggi, dann will er keine Zweitfrau mehr", verspricht ein Reklamespot im Senegal.

Zugleich betreibt die internationale Ernährungsindustrie politischen Lobbyismus. In Malaysia beispielsweise finanzieren Nestlé, Pepsi und Kellogg’s die wichtigste Ernährungsgesellschaft des Landes. Auch bei der Aushandlung des nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA konnten die Konzerne ihre Interessen erfolgreich einbringen: Mexiko wurde in der Folge zu einem der wichtigsten Produktionsländer für Fertigprodukte. Die traditionelle Esskultur wurde verdrängt, Millionen Bauern und Bäuerinnen mussten aufgeben. Heute importiert Mexiko die Hälfte seiner Nahrungsmittel. Winfried Bommert, der Leiter des Instituts für Welt­ernährung, stellt fest: "70 Prozent der Fehlernährten leben heute in Ländern, die auf der untersten Stufe der Einkommensleiter stehen. Damit ist Übergewicht nicht länger ein Wohlstands-, sondern ein Armutsproblem."

Annette Jensen ist Autorin und Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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