Amnesty Journal Vereinigte Staaten von Amerika 01. Februar 2019

Unterricht in Überleben

Eine Frau hält die Hände hoch

Gezwungen, schnell erwachsen zu werden. Starr muss mitansehen, wie ihr Freund von einem Polizisten erschossen wird.

"The Hate U Give" erzählt mit den Mitteln des Highschoolfilms von Polizeigewalt und der Diskriminierung Schwarzer in den USA.

Von Jürgen Kiontke

Wenn Maverick Carter (Russell Hornsby) seinen Kindern beim Abendessen befiehlt, die Hände auf den Tisch zu legen, dann nicht, weil er wissen will, ob sie gewaschen sind. "Wenn ihr im Auto sitzt, legt ihr die Hände aufs Armaturenbrett. Das üben wir jetzt", sagt er. Seine Tochter Starr (Amandla Stenberg) und ihre beiden Brüder leisten widerwillig Folge.

Aber Maverick unterrichtet seine Kinder in Überleben. Denn, worum es ihm geht, ist die Polizeikontrolle. Wenn ein Polizist an das Auto tritt und die Hände der Insassen nicht sieht, kann es sein, dass er sofort schießt. Und so wird es auch kommen.

Am nächsten Tag kümmert sich Starr, die Musterschülerin auf einer besseren Schule, erst einmal wieder um den Chemietest und freut sich auf ihre tollen weißen Freundinnen.

Der Film von Regisseur George Tillman basiert auf dem Roman "The Hate U Give" von Angie Thomas, der in diesem Jahr den Deutschen Jugendliteraturpreis gewann. Er arbeitet mit krassen Schnitten, mit Gegensätzen, die eine zersplitterte USA wie auch widersprüchliche Menschen zeigen.

"Black Lives Matter" heißt die Kampagne, für die Afroamerikaner auf die Straße gehen: Sie protestieren gegen Polizeigewalt, denn in den vergangenen Jahren sind unbewaffnete Schwarze von Beamten erschossen worden, obwohl sie schon wehrlos auf dem Boden lagen, ja sogar schon Handschellen trugen.

Was diese Zustände konkret bedeuten, spielt Tillman am ­Beispiel seiner jungen Protagonistin kongenial durch. Starrs ­Familie befindet sich im sozialen Aufstieg, wohnt aber noch im "Ghetto". Einige Verbindungen gehen ins Drogendealer-Milieu. Aber was heißt schon kriminell? Maverick saß wegen eines gemeinsamen Überfalls mit seinem eigenen Vater zusammen im Gefängnis. Und Khalil (Algee Smith), Starrs Freund aus Kindertagen, verkauft Drogen, weil seine Großmutter eine lebensnotwendige Operation nicht bezahlen kann und die Mutter an der Flasche hängt. Ausgerechnet seine Erschießung durch einen ­Polizisten muss Starr mitansehen.

Das ist der Subtext, wenn sich die junge Frau tagsüber in der Privatschule der gutsituierten weißen Oberschicht bewegt; wo ihre energische Mutter sie hingebracht hat. Die Mitschüler sagen, Hautfarbe sei egal, sie stehen für die bunte, vielfältige Gesellschaft, sind aber sehr irritiert, als Starr auf einmal die ­einzige Zeugin eines "Police Shootings" ist. Von ihr hängt ab, ob der Schütze angeklagt wird. "Wie kannst du das dem Polizisten antun?", fragen sie.

"Das ist ein bisschen zu viel Vielfalt für euch, nicht wahr?", antwortet Starr. Sie ist auf sich gestellt, avanciert gar mit Hilfe einer Menschenrechtsanwältin – zunächst widerwillig – zur Ikone der Bürgerrechtsbewegung. Und dann ist da auch noch die Liebe zu ihrem weißen Mitschüler Chris (K. J. Apa) und zu Khalil, dem Opfer. Eine klassische Coming-of-Age-Erzählung, bei der die Heldin in Überschallgeschwindigkeit erwachsen wird.

Tillman verwendet die typischen Stilmittel des Highschool-Films und die Ästhetik von HipHop-Videos – und stellt sie konsequent in Frage. Er spielt mit der Struktur des Hollywood-Kinos und mit den Sehgewohnheiten des Publikums. Und gibt nebenbei eine Unterrichtseinheit in afroamerikanischer Geschichte.

Hier stehen viele Diskurse im Raum: Ist sozialer Aufstieg möglich? Wie kann ich mich rassistischer Diskriminierung ­entziehen? Was tun, wenn das Milieu, aus dem ich komme, gefährlich für mich und andere ist? Ein meisterhafter Film voller intelligenter Wendungen und gelungener Darstellungen komplexer Vorgänge.

 

"The Hate U Give". US 2018. Regie: George Tillman Jr., Darsteller: Amandla Stenberg, Russell Hornsby u.a. Kinostart: 7. Februar 2018

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