Amnesty Journal Vereinigte Staaten von Amerika 25. September 2018

Sehen lernen

In einem dunklen Raum wird das Portrait einer Frau von einem Beamer an die Wand geworfen

Monumental. Diamond Reynolds in "autoportrait".

International bekannt wurde der Künstler Luke Willis Thompson mit einem Film über ein Opfer von Polizeigewalt. Nun ist er für den Turner Prize nominiert.

Von Philipp Hindahl, London

Diamond Reynolds, eine junge Amerikanerin Anfang dreißig, schwarz, wurde im Sommer 2016 berühmt. Sie war mit ihrer vierjährigen Tochter und ihrem Verlobten, Philando Castile, auf einer Landstraße bei St. Paul, Minnesota, unterwegs, als der Wagen um neun Uhr abends von der Polizei angehalten wurde. Ein Polizist wollte den Führerschein sehen. Castile suchte seine Papiere, der Beamte fühlte sich bedroht. Er schoss auf den jungen Mann. Sieben Mal.

"Bleibt bei mir", bat Diamond Reynolds, nachdem sie ein Facebook-Live-Video gestartet hatte. Es wurde hundertausendfach gesehen, und in seinem Nachleben auf Youtube verbreitete sich das so flüchtige Video noch weiter. Castile verblutete, in Echtzeit gestreamt. Der Polizist wurde angeklagt. In jenem Sommer konnte Polizeigewalt gegen Afroamerikaner nicht länger mehr als Einzelfall abgetan werden, und an diesem Abend machte Reynolds ein Video von ungeheurer Macht.

Ein Jahr später zeigte die Chisenhale Gallery im Osten ­Londons einen Film des Künstlers Luke Willis Thompson, der wie ein Gegenstück zu Reynolds Handyvideo funktioniert. In schwarz-weiß ist das Gesicht von Diamond Reynolds zu sehen, nichts weiter. Sie atmet ruhig, würdevoll. Sie blickt nicht in die Kamera, und nach der Hälfte des Films singt sie, so leise, dass nicht auszumachen ist, was sie singt.

Während das virale Facebook-Video maximal sichtbar war, ist die künstlerische Arbeit "autoportrait" eine gezielte Verknappung und ziemlich schwer zu finden. Sie existiert nicht online. Der Film verbreitet sich langsam. Allein schon deshalb, weil er auf 35mm gefilmt ist, dem Kinoformat, das verglichen mit einem Handyvideo monumental und behäbig wirkt. Wer ihn sehen will, muss in die Galerie gehen, wer ihn zeigen will, braucht einen Filmprojektor, kurz, wer wissen will, wie der Künstler das Thema bearbeitet, muss sich der Präsenz des Films aussetzen.

Wenn 2016 der Sommer von "Black Lives Matter" war, als der Rassismus in der US-Polizei breit thematisiert wurde, war 2017 der Sommer der Identitätspolitik. Ein Verdacht gegen alle Künstler, die auf rassistisch motivierte Gewalt ­Bezug nahmen, breitete sich aus: Es hieß, sie wollten das Leid anderer zur Ware machen, besonders, wenn sie weiße Künstler waren. Auf Podien und in Kunstmagazinen wurde diskutiert: Wer darf wessen Leid darstellen? Ist das nicht kulturelle Aneignung – oder gar Voyeurismus?

In diese Debatte geriet auch Thompson. "Meine Arbeit ist in der Galerie präsent, aber ich hoffe, dass sie zugleich nicht da ist. Weil sie auch einen Platz in der echten Welt hat", sagt er. In seiner Londoner Wohnung antwortet er ausführlich, geradezu sorgsam auf Fragen zu seiner Arbeit, wiederholt Sätze, um sie noch einmal zu präzisieren. "Ich will mich aus meiner Arbeit zurückziehen. Ein wenig wie ein Gespenst." Man versteht die Vorsicht des Künstlers ein bisschen besser, wenn man sich an die Diskussionen des letzten Sommers erinnert. "Die Leute arbeiten sich an Identitätsfragen ab, und dabei bleiben sie stecken. Wenn es sein muss, streiche ich das aus meiner Arbeit." Die Person des Künstlers, findet Thompson, muss gar nicht da sein, um das Werk zu verstehen.

Luke Willis Thompson ist 1988 in Auckland, Neuseeland, geboren. Sein Vater stammt von den Fidschi-Inseln, deshalb spielt Migration im Südpazifik bei vielen seiner Arbeiten eine große Rolle. Thompson geht in Neuseeland zur Kunsthochschule. Eine frühe Arbeit von 2012 heißt "inthisholeonthisislandwhereiam", und sie besteht darin, dass das Galeriepublikum mit einem Taxi abgeholt und in einen Vorort von Auckland gefahren wird. Dort steht ein Haus, das so aussieht, als wären seine Bewohner gerade zur Arbeit und in die Schule gegangen. Der Künstler ist in diesem Haus groß geworden. Eine Art Autobiografie, könnte man vermuten, aber: "Die Arbeit ist gar nicht so persönlich, wie man glauben könnte. Das Setting ist wie durch eine ästhetische Linse betrachtet, es ist eine Mythologisierung meines eigenen Lebens." Dabei ging er hier doch ins Allerpersönlichste. "Im Haus meiner Familie leben verschiedene Generationen. Ich bin mit meiner alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, und wir waren recht arm, hatten aber ein Dach über dem Kopf", erzählt Thompson. "Man fühlt sich fremd, wenn man von dort in die Kunstwelt kommt. Aber umgekehrt auch. Die Armut ist etwas Fremdes."

Nach dem Abschluss in Auckland absolviert Thompson noch ein Studium an der Städelschule in Frankfurt am Main. Die bringt verlässlich Künstler hervor, die es in große internationale Galerien schaffen. Mittlerweile lebt er zwischen Neuseeland und London, hat eine Einzelausstellung in der Kunsthalle Basel, ist bei der Berlin Biennale dabei. Die Gruppenausstellungen, in denen er vertreten ist, lesen sich wie eine Liste der wichtigsten Häuser Europas. Nur seine Interviews werden weniger, als wollte er sich der Öffentlichkeit genauso entziehen wie seine Filme.

"Ich habe keine Angst vorm Scheitern. Nein, das nehme ich zurück, ich habe richtig Angst. Ich glaube, mit dem Erfolg schießt das in den Himmel. Nicht weil ich Angst habe, etwas zu verlieren, sondern weil ich glaube, dass ich mehr Dinge tun kann." Jetzt ist er für den Turner Prize nominiert, einen der wichtigsten Kunstpreise der Welt – auch wegen seines Filmes über Diamond Reynolds.

"Ich mache nicht zum ersten Mal ein Werk, das Polizeigewalt anklagt", sagt Thompson, wie um diese Arbeit zu rechtfertigen, "bloß diesmal war es ein Fall mit großer Medienaufmerksamkeit." Aber das Sujet lag bei seiner bisherigen Arbeit nicht unbedingt nahe. "Ich dachte über staatliche Gewalt gegen Schwarze nach. Ich war in New York, als Ferguson passierte. Dann kam die Zeit von Black Lives Matter, und ich war erstaunt, wie schnell sich die Nachrichten über die sozialen Medien verbreiteten. Das muss man den mutigen Menschen zugute halten, die diese Smartphone-Videos aufgenommen haben: Sie wurden Teil des kulturellen Bewusstseins." Was macht ein Künstler damit? "Die Frage war: Wie macht man ein Offline-Video, um das zu unterstützen? Ich habe mich gefragt, was passiert, wenn ein Künstler auf diesen Hilferuf antwortet. Ich habe Diamond Reynolds über ihren Anwalt kontaktiert, dann haben wir über einen Film gesprochen."

Wer ein Foto macht, kann nicht ins Geschehen eingreifen, schrieb Susan Sontag einst. Thompson widerspricht dieser These. "Heute ist es schwer, Bilder zu finden, die nicht intervenieren. Ein Bild ist ein politischer Akt, es macht etwas. Wenn ich dich beobachte, verhältst du dich anders. Es ist schwer, ein Bild aufzunehmen, das nicht die Ereignisse beeinflusst." Doch es geht aus seiner Sicht auch um die Rezeption. "Eine weitere Frage ist: Was bedeutet es auf einer ethischen Ebene, diese Bilder zu sehen? Sollten wir sie ansehen? Verbreiten wir die Gewalt, wenn wir ihnen Aufmerksamkeit geben, und ändert das etwas in uns?"

Im Sommer 2017 wurde ein weiteres Video von den Schüssen auf Reynolds Verlobten öffentlich, und zwar aus dem Polizeiauto heraus gefilmt. Es zeigt die Tat in Gänze, nur zum Verstehen tragen die Bilder nichts bei. Der Journalist Jelani Cobb nannte das eine tragische Vorgeschichte zu Reynolds’ Video. Doch eine Tragödie hat ein Ende, und dann ergibt alles einen Sinn. Diamond Reynolds, Anfang dreißig, schwarz, wurde auf dieser Landstraße berühmt, nur abgeschlossen ist die Geschichte nicht. Der Polizist, der Philando Castile mit vier von seinen sieben Schüssen getötet hat, wurde im Juni 2017 frei­gesprochen.

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