Amnesty Journal Ukraine 01. August 2022

Fern von Bomben und Raketen

Der reich mit Goldverierungen und Bildern geschmückte Altarraum einer Klosterkirche in der Ukraine, in dem ein Priester gerade eine rituelle Handlung vollzieht.

Ein Priester im Altarraum der Klosterkirche in Banceni, April 2022.

Die Stadt und die Region Czernowitz im Südwesten der Ukraine spielen eine wichtige Rolle bei der Aufnahme von Binnenflüchtlingen. Auch ein orthodoxes Kloster bietet Obdach.

Von Keno Verseck (Text und Fotos)

Sie kannte den Krieg schon. Vor acht Jahren gingen Granaten und Raketen auf ihre Heimatstadt Kramatorsk nieder. Monatelang wurde immer wieder gekämpft. Doch sie blieb.

Auch diesmal wollte Tatjana Marinitsch nicht weg. Einen Monat lang hielt sie den Beschuss aus. Dann fielen Phosphorbomben auf die Stadt. Es war der ­Augenblick, als sie sich zur Flucht entschloss. Kurz darauf bestieg sie mit ihren Kindern einen Evakuierungszug.

So erzählt die 46-Jährige die Geschichte ihrer Flucht aus Kramatorsk im Osten der Ukraine. Tatjana Marinitsch leitete dort ein Textilgeschäft. Nun sitzt sie mehr als tausend Kilometer weiter westlich in einem Gebäude, das zu einem orthodoxen Kloster gehört. "Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll", sagt sie leise. Sie hat eine sanfte Stimme, weiche Gesichtszüge und traurige hellblaue Augen. Immer wieder versucht sie zu lächeln, aber es ­gelingt ihr nicht.

Nun kommen Flüchtlinge statt Pilger*innen

Das orthodoxe Mönchskloster Banceni liegt im Südwesten der Ukraine. Es ist ein weiträumiger Komplex mit einer großen Kirche, Wohnanlagen, einem Kinderheim, Wirtschaftsgebäuden und einer ­Bäckerei inmitten von Hügeln. Das Gebäude, in dem Tatjana Marinitsch wohnt, beherbergt normalerweise Pilger*innen und Urlauber*innen. Doch jetzt leben hier Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten der Ukraine. Rund 600 sind es, vor allem Frauen und Kinder.

Die orthodoxen Kirchen haben keine ausgeprägte karitative Tradition, viel hängt von Initiativen einzelner Priester ab. In Banceni war es der Gründer des Klosters, Bischof Mihail Jar Longhin, der nach Beginn des russischen Angriffs beschloss, Flüchtlinge und Waisenkinder aus anderen Landesteilen aufzunehmen. Der 56-jährige Geistliche, der als Kind in einem Heim aufwuchs, ist in der Ukraine seit Langem für seine Kinderhilfsprojekte bekannt.

Bisher fanden mehr als 12.000 Flüchtlinge zumindest zeitweilig Obdach im Kloster. Tatjana Marinitsch und ihre Söhne Ilja, 12, und Tihon, 8, kamen Anfang April nach Banceni. Wenige Tage später wurde der Bahnhof von Kramatorsk, wo sie in den Zug gestiegen waren, von russischen Raketen beschossen. Dabei starben 57 Menschen, unter ihnen fünf Kinder.

Eine ukrainische Frau mit langem schwarzen Haar, das zu einem Pferdeschwanz gebunden ist, trägt ein schwarzes T-Shirt mit einem Herzaufdruck und eine Halskette. Rechts und links von ihr stehen ihre Kinder, ihre beiden Söhne, der größere trägt ein Adidas-T-Shirt, der andere eine Sportdaunenjacke.

Tatjana Marinitsch und ihre Söhne Ilja (l.) und Tihon.

Marinitsch schüttelt fassungslos den Kopf, wenn sie daran denkt. "Ich habe keine Erklärung für diesen Angriff, ich verstehe diesen ganzen Krieg gegen die Ukraine nicht", sagt sie. "Die Notwendigkeit einer Entnazifizierung ist erfunden. Niemand ist diskriminiert worden", sagt sie. "Wir haben alle zusammen ein friedliches Leben gelebt." Ihr Textilgeschäft ist geschlossen. Die Wohnung, in der sie lebte, steht noch. Sie ruft jeden Tag einige ­ältere Nachbarn an, die nicht weggehen wollen, und erkundigt sich, ob das Haus noch steht. Ab und zu hat sie Kontakt zu ihrem geschiedenen Mann, der ebenfalls in Kramatorsk geblieben ist.

In Banceni wohnt sie in einem schmucklosen Raum von 25 Quadrat­metern, zusammen mit einer Frau aus Mykolajiw und deren beiden Kindern. Ihre Tage verbringen die Frauen mit Telefonaten, mit Gesprächen und mit Saubermachen, sie helfen den Kindern beim ­Online-Schulunterricht und bei den Hausaufgaben. "Zum Glück verstehen wir uns in unserem Zimmer alle sehr gut", sagt Marinitsch und versucht zu ­lächeln.

Bisher von Angriffen verschont

Banceni liegt im Einzugsgebiet von Czernowitz. Die ehemalige habsburgische Stadt und ihre Umgebung sind bisher von Bomben- und Raketenangriffen verschont geblieben. Warum, das weiß niemand in Czernowitz so genau. Vielleicht, so wird spekuliert, weil die Stadt nur 40 Kilometer von der rumänischen Grenze entfernt liegt und die russische Armee möglicherweise irrtümliche Raketen­einschläge auf Nato-Gebiet vermeiden will.

Dennoch ist der Krieg in der Stadt auf Schritt und Tritt zu spüren. Überall hängen patriotische Plakate. Manche rufen zum freiwilligen Wehrdienst auf, auf manchen steht einfach nur: "Es lebe die Ukraine!" Wie im ganzen Land ertönen auch hier oft die Sirenen, wenn die ukrainische Luftabwehr den Aufstieg russischer Raketen meldet. Abends flüchten die Menschen dann häufig in Luftschutzkeller, tagsüber geht das Alltagsleben trotz Alarm vielfach einfach weiter.

Vor allem aber sind in der Stadt und im Umland viele Fahrzeuge mit Kennzeichen aus anderen ukrainischen Landesteilen zu sehen. In den Hotels und Pensionen gibt es so gut wie keine freien Plätze mehr, in den Studierendenwohnheimen der Universität leben fast ausschließlich Flüchtlinge, und auch viele Privatpersonen in Czernowitz und Umgebung haben Geflüchtete aufgenommen.

Wir haben noch nie einen so großen Zusammenhalt gehabt.

Roman
Klitschuk
Bürgermeister von Czernowitz

"Der erste Eindruck der Ruhe in der Stadt täuscht", sagt Bürgermeister Roman Klitschuk. "Der Krieg ist hier jeden Tag präsent, auch wenn bisher noch keine Bomben auf uns gefallen sind. Wir haben Freunde und Verwandte an der Front, es gibt Luftalarm, und es kommen viele Flüchtlinge." Klitschuk schätzt, dass sich etwa 60.000 Binnenflüchtlinge in Czernowitz aufhalten. Die Stadt hatte zuvor gut 250.000 Einwohner*innen, nun sind es mehr als 300.000. "Wir spielen eine große Rolle für Binnenflüchtlinge", sagt Klitschuk, "denn wir funktionieren wirtschaftlich noch." Er betont, dass die Hilfsbereitschaft und Solidarität sehr groß seien. "Wir haben noch nie einen so großen Zusammenhalt gehabt."

Das ist auch im Kloster Banceni zu spüren, eine halbe Autostunde von Czernowitz entfernt. Bischof Longhin ist wegen einer Erkrankung verhindert und kann keinen Besuch empfangen. Deshalb führt die Ärztin Tatjana Shiptschin durch die Anlage. Sie leitet das klostereigene Kinderheim, in dem seit vielen Jahren schwerstbehinderte HIV-kranke Kinder mit modernen Therapien betreut werden. Tatjana Shiptschin empfindet es als eine christliche Pflicht, Flüchtlinge aufzunehmen, und preist den Bischof für seine Großherzigkeit. "Wir bereiten uns gerade darauf vor, auch längerfristig behinderte und kranke Kinder aus Heimen in der Ostukraine aufzunehmen", sagt sie. "Und von den geflüchteten Erwachsenen konnten wir bereits einige als Arbeitskräfte einstellen, unter anderem drei Ärztinnen."

Tatjana Shiptschin, eine Mitarbeiterin und Marina Gjekowa.

Ich habe das Gefühl, alles verloren zu haben und völlig von vorn anzufangen. Und dabei sind wir als Familie noch privilegiert.

Marina
Gjekowa
Kinderneurologin aus Charkiw

Eine davon ist Marina Gjekowa, eine Kinderneurologin aus Charkiw. Die 43-Jährige betreut Kinder mit Behinderungen und entwickelt Therapien für sie. Sie flüchtete Anfang März mit ihrem Mann und ihrer Tochter zu Verwandten nach Czernowitz. "Ich habe das Gefühl, alles verloren zu haben und völlig von vorn anzufangen", sagt sie. "Und dabei sind wir als Familie noch privilegiert. Mein Mann arbeitet als Bankangestellter im Home­office, ich kann als Ärztin im Kloster ­arbeiten, und wir haben Verwandte, bei ­denen wir vorläufig wohnen können."

Tatjana Marinitsch hat das Gefühl, nur ihr eigenes nacktes Leben und das ihrer Kinder gerettet zu haben. Ihre beiden Söhne schmiegen sich im Gespräch an sie. Auch sie wirken sehr traurig und verloren. "Ich hatte große Angst in den ers­ten Kriegstagen", sagt der zwölfjährige Ilja. Tatjana Marinitsch blickt ihren jüngeren Sohn Tihon zärtlich an: "Und du hast in der ersten Kriegsnacht geschlafen."

Dann schaut sie wieder ernst in die Ferne. "Es ist alles so schrecklich", sagt sie. "Und wie im Nebel."

Keno Verseck ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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