Amnesty Journal Syrien 01. Januar 2020

Die Architektur des Gedächtnisses

Eine Gruppe von Männern und Frauen, Mitarbeiter der Organisation Forensic Architecture, posiert für ein Foto vor und auf einer Treppe.

Multitalente: Mitarbeitende von Forensic Architecture in ihrem Büro in der Universität Goldsmith in New Cross, London

Die britische Organisation Forensic Architecture rekonstruiert Kriegsverbrechen durch akustische Nachbildungen, 3-D-Modelle von Tatorten und Computersimulationen. Seit Jahren beschäftigen sich die digitalen Ermittler mit den Untaten des Assad-Regimes in Syrien.

Von Peter Stäuber und Horst Friedrichs (Fotos), London

Die zwanzig Frauen und Männer, die in einem lichtdurchfluteten Großraumbüro vor Bildschirmen sitzen, Tee nippen und gedämpfte Konversationen führen, sind zusammen ein Multitalent: Architekten, Künstler, Designer, Programmierer, Filmemacher und Journalisten. Auf diese breite Palette von Fertigkeiten ist das Team von Forensic Architecture auch angewiesen, denn ihre Arbeit ist einzigartig:Ihr Forschungsgegenstand ist politische Gewalt, und um ihr auf die Schliche zu kommen, stützen sie sich auf plastische Modelle, Computeranimation und akustische Nachbildung.

Das Büro liegt im zweiten Stock der Universität Gold­smith, im Londoner Stadtteil New Cross. Gründer und Leiter von Forensic Architecture ist Eyal Weizman. Der Architekt und Professor für ­Visual and Spatial Culture ist ein ruhiger, überlegter Mann. Zu den zahlreichen Büchern, die er verfasst hat, zählen "The ­Least of All Possible Evils: A Short History of Humanitarian Violence" und "Hollow Land: The Architecture of Israel’s Occupation".

In dieser Arbeit liegt der Ursprung der forensischen Architektur, dem Forschungsfeld, das Weizman geprägt hat. "Ich fertigte Karten und Analysen an, die sich mit der Architektur im Zusammenhang mit der israelischen Besatzung des Westjordanlands und des Gazastreifens befassten", erzählt er. "Ich stellte mir Fragen wie: Wo wurden die Siedlungen gebaut, die Straßen, die Infrastruktur? So begann ich mich zunehmend für urbane Kriegsführung zu interessieren. Ich betrachtete die Schnittstelle zwischen Architektur, Gewalt und Menschenrechten."

Mit penibler Genauigkeit

Mit Beginn der Zweiten Intifada im Jahr 2000 und der US-geführten Invasion im Irak 2003 wurde dieses Thema immer dringender. Auf unzähligen Fotos und Videos waren Kriegshandlungen und potenzielle Menschenrechtsverletzungen zu sehen, Weizman wollte jedoch noch näher ran."Ein einzelnes Bild oder eine Videoaufnahme kann man für sich analysieren, aber sobald man drei, vier oder siebenhundert hat, muss man die Beziehung zwischen ihnen untersuchen, sowohl im Raum als auch in der Zeit", erklärt der Wissenschaftler.

"Und dazu braucht man ein Architektur-Modell. Das Modell ist der Mechanismus, der Informationen verbindet. Indem man sich die Beziehung zwischen den einzelnen Bildern anschaut, kann man Beweismaterial zusammentragen."

Fotos mit brennenden Häusern an einer Wand

Rauchschwaden über der Stadt: Rekonstruktion eines Großbrandes

 

2010 wurde Forensic Architecture in der Universität Gold­smith gegründet, seither haben sich Weizman und sein Team mit Dutzenden Fällen befasst. Der Mord an einem antifaschistischen Rapper durch einen griechischen Neonazi in Athen zählt ebenso dazu wie der Brand in einer Textilfabrik in Karatschi, bei dem 260 Menschen starben. Sie untersuchten die Entführung von 43 Studenten im mexikanischen Ayotzinapa, den Schiffbruch eines Flüchtlingsboots im Mittelmeer, nachdem die EU ihre Rettungsaktionen eingestellt hatte, und die Erschießung des schwarzen US-Amerikaners Harith Augustus durch die Polizei von Chicago.

Wie alle Forensiker begeben sich Weizman und sein Team mit penibler Genauigkeit auf Spurensuche. Sie analysieren Video­material in Millisekunden-Schritten, fertigen detailgetreue 3-D-Modelle der Tatorte an, studieren Satellitenaufnahmen, programmieren Computersimulationen von Gewalttaten und zeichnen auf haargenauen Landkarten den Tathergang nach. Oft zieht Forensic Architecture weitere Fachleute hinzu – so arbeitete das Team zum Beispiel mit Spezialisten für Fluid­dynamik zusammen, um nachzubilden, wie sich der Rauch bei einem Großbrand ausbreitet.

Manche der Projekte stößt Forensic Architecture selbst an, andere werden in Auftrag gegeben – Weizman wird von Anfragen überhäuft, mittlerweile können die Forensiker fünf oder sechs Projekte parallel verfolgen. Die Aufträge kommen von internationalen Organisationen, Menschenrechtskampagnen oder investigativen Journalisten. Amnesty zählt zu den wich­tigs­ten Kunden. Als Präsident Baschar al-Assad begann, den Aufstand gegen sein Regime 2011 brutal niederzuschlagen, wurde Syrien zu einem wichtigen Arbeitsschwerpunkt der ­Organisation. Doch die Unzugänglichkeit vieler Kampfzonen stellte ein Hindernis für die Recherchen dar – das berüchtigte Militärgefängnis Saydnaya zum Beispiel, nördlich von Damaskus gelegen, war schlichtweg nicht zu erreichen. Berichte über grausame Folter machten die Runde, aber wer nicht dort gewesen war, hatte keine Ahnung, wie das Gebäude überhaupt aussah – es gab keine Videoaufnahmen, nicht einmal Fotos ließen sich finden."Die einzigen Beweise, die existierten, waren im Gedächtnis der ehemaligen Gefangenen", sagt Weizman.

Als sich Forensic Architecture gemeinsam mit Amnesty 2016 daran machte, Menschenrechtsverletzungen in Saydnaya zu dokumentieren, waren diese Erinnerungen der Schlüssel, um an die nötigen Details zu kommen. Ein Team reiste nach Istanbul, um sich dort mit fünf Syrern zu treffen, die ihre Inhaftierung in dem Gefängnis überlebt hatten."Das Gedächtnis hat eine räumliche Dimension", sagt Weizman. "Man kann in Gedanken zu einem bestimmten Ort zurückkehren und sich an das erinnern, was dort passiert ist. In Saydnaya mussten wir das Gebäude von unten aufbauen, angefangen mit dem Boden."

Die ehemaligen Häftlinge begannen mit den Steinplatten, deren Länge und Breite sie kannten. Dann zählten sie gedanklich nach, wie viele Platten sich nebeneinander befanden, so konnten die Forensiker die Maße einer Zelle feststellen. "Sie sagten uns, wie oft sie das Öffnen und Schließen der Türen hörten, und so wussten wir, wie viele Zellen ein einzelner Trakt hat", erzählt Weizmann. "Diese Information konnten wir dann mit Satellitenbildern vergleichen. Auf diese Weise fanden wir heraus, wie die Architektur dieses Gefängnisses aussieht."

Ein Problem bestand darin, dass den Häftlingen oft die Augen verbunden oder ein Sack über den Kopf gestülpt wurde und ihre Erinnerungen rein akustischer Natur waren. Forensic Architecture engagierte deshalb den Künstler und Soundtechniker Law­rence Abu Hamdan."Er entwarf ein akustisches Modell, das Geräusche und deren Nachhall simuliert – Türen, die geöffnet oder geschlossen werden, Schritte im Gang, der Klang von Schlägen auf menschliche Körper." Auf diese Weise schuf Forensic ­Architecture mithilfe von räumlichen und akustischen Erinnerungen Stück für Stück ein detailreiches Computermodell des Gefängnisses.

Die Arbeit mit den Opfern von Saydnaya war auch in psychologischer Hinsicht schwierig. "Traumatisierte Erinnerungen sind schwer zugänglich", sagt Weizman. "Unsere Psyche schützt uns zuweilen vor den schlimmsten Erinnerungen, sie verzerrt sie, oder lässt sie manchmal ganz verschwinden." Forensische Psychologen der Universität Goldsmith unterstützten Weizmans Team und begleiteten die Teilnehmer in diesem Prozess, erklärten ihnen die Gefahren, aber auch die Chancen. "So etwas kann auch therapeutisch sein. Die ehemaligen Häftlinge waren sehr dankbar. Die Erinnerungsarbeit erlaubte es ihnen, das Gebäude zu externalisieren und in gewisser Weise zu vergessen – ihre ­Erinnerung lebt jetzt irgendwo in einem architektonischen ­Modell."

Überzeugen mit Fakten

Mit Computersimulationen entschlüsselte Forensic Architecture auch ein anderes Verbrechen im Syrienkrieg: zwei Giftgasangriffe auf Douma im Frühjahr 2018, als die Stadt unter Kontrolle der Opposition stand, bei denen 70 Menschen getötet wurden. Nach der Eroberung der Stadt durch Assads Truppen behaupteten russische Medien, die Attacke sei gestellt gewesen – die Gaskanister seien nicht aus der Luft abgeworfen worden, die Rebellen hätten sie vielmehr selbst herbei­getragen. Forensic Architecture machte sich an die Arbeit.

 

Miniaturmodelle von Autos und Menschen

Festgehalten: Rekonstruktion eines Überfalls

 

"Im Kern betrieben wir Archäologie", sagt Weizman. "Ohne dass wir Zugang hatten zum Tatort, schauten wir uns ­jedes Detail an, das auf dem Kanister zu sehen war". Erneut wurde ein virtuelles 3-D-Modell des Fundorts und der Gasbehälter angefertigt. "Wir fanden zum Beispiel ein zerknittertes Stück Metall. Mit unserer Software konnten wir es entflechten, ausdehnen und messen. Wir stellten fest, dass es genau den ­Dimensionen des Balkons im Stock darüber entsprach. Auf dem Kanister hatten wir Spuren eines Gittermusters entdeckt, das genau auf dieses Metallstück passte. So kamen wir zum Schluss, dass der Kanister aus der Luft gekommen war – und die einzigen, die Lufthoheit hatten, waren die syrische Regierung und die Russen."

Die Recherchen von Forensic Architecture fließen in Berichte von Organisationen wie Amnesty ein oder werden in Prozessen verwendet, etwa vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Auch in parlamentarischen Untersuchungsausschüssen zur Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) wurden sie mit einer Recherche beauftragt.

Aber immer ist das Beweismaterial für alle Welt zugänglich, nie ist es lediglich Teil eines juristischen Prozesses – denn ein zentraler Anspruch von Weizman besteht darin, die Öffentlichkeit aufzuklären: "Wir glauben, dass die Bürgerinnen und Bürger die Fakten kennen müssen, um Entscheidungen treffen, in einem Konflikt Haltung beziehen und Verbrechen verhindern zu können. Deshalb sind unsere Beweise stets öffentlich zugänglich, und wir legen unsere Fakten immer im Namen der Opfer vor."

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