Amnesty Journal Südafrika 17. Juli 2018

Flügel der Hoffnung

Eine Frau breitet über einer Menschenmenge ihre Arme aus, die wie Flügel geschmückt sind, hinter ihr hebt ein Kran die Statue eines Mannes vom Boden

Statue der Befreiung. Sethembile Msezane bei der Entfernung der Statue für den britischen Kolonialisten Cecil Rhodes in Kapstadt, April 2015.

Eine neue Generation von schwarzen Künstlerinnen setzt sich mit den Folgen von Kolonialismus und Apartheid in Südafrika auseinander.

Von Martina Schwikowski

Auf dem Boden ist Kakaopulver zu einem Kegel aufgetürmt. Rundherum stecken weiße Kerzen. Weiter oben sind Zucker, Kaffeebohnen, gemahlener Kaffee und dunkle Schokolade in Mulden gebettet. "Das sind die Elemente, die Afrika produziert und die wir täglich konsumieren", sagt die Künstlerin Grada Kilomba. Sie will mit ihrer Arbeit zeigen, dass Europäer und Afrikaner durch ihre gemeinsame Geschichte miteinander verbunden sind und der Kolonialismus bis heute nachwirkt, psychologisch wie politisch. "Alles basiert auf dem Sklavenhandel und seinen Objekten, die Europa und seine Freuden füttern."

Die weiße Goodman Gallery im Norden Johannesburgs präsentiert unter dem Titel "Speaking the Unspeakable" Grada ­Kilombas erste Einzelausstellung auf dem afrikanischen Kontinent. "Unaussprechlich" sind für die Künstlerin Traumata, die ihren Ursprung in der Kolonialzeit haben: "Der Kolonialismus ist eine Wunde, die nie ordentlich behandelt worden ist, eine ­infizierte Wunde, die immer weh tut und manchmal blutet."

Grada Kilomba gehört zu einer neuen Generation von (schwarzen) Künstlern, die sich mit der Bedeutung von Rasse, Klasse und Geschlecht in Afrika auseinandersetzen. "Ich will keine Antworten geben. Ich bin mehr daran interessiert, etwas Neues zu schaffen und neue Fragen aufzuwerfen", sagt die 49-Jährige. "Es ist wie bei einem Puzzle: Aus vielen kleinen Steinchen ergibt sich irgendwann ein Bild." Kilombas Kunst ist vielschichtig, sowohl in den Darstellungsformen als auch in den Fragen, die sie aufwirft. Sie kombiniert Kunstformen des Erzählens, der Installation und der Performance. Diese Vielschichtigkeit findet ihren Ursprung in der Biografie der Künstlerin. Geboren wurde Kilomba in Portugal, ihre Wurzeln liegen in Angola sowie in São Tomé und Príncipe. Heute lebt sie in Berlin und in Südafrika, der Heimat ihres Mannes. "Ich arbeite, um zu verstehen, wer ich bin", sagt die Künstlerin. Durch ihre Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus erobere sie sich ihre Menschlichkeit zurück.

Charakteristisch für Kilombas Werk ist ein subversives Geschichtenerzählen. So ist eine ihrer Arbeiten in der Goodman Gallery der Angolanerin Escrava Anastacia gewidmet, die von den Portugiesen versklavt wurde. Die redegewandte Sklavin hatte Fragen, die die Kolonialherren nicht mochten, denn dadurch emanzipierten sich auch andere, erzählt Kilomba. "Also erhielt sie einen Maulkorb." Das Bild der Frau mit dem gewaltsam verschlossenen Mund hängt über einem kleinen Tisch, der mit Opfergaben belegt ist. "Schrein" hat die Künstlerin ihre Installation genannt. "Diese Maske vor dem Gesicht, das Bild der Frau ist sehr symbolisch in Bezug auf Rasse und Geschlecht – und es ist immer noch aktuell", sagt Kilomba.

Nur einen Steinwurf von der Goodman Gallery entfernt hat die Momo Gallery ihren Sitz. Sie ist die erste und bislang einzige Kunstgalerie in Südafrika, die von einem schwarzen Team gegründet wurde. Zu den lokalen und internationalen Künstlern, die die Galerie vertritt, zählt Sethembile Msezane. Arbeiten der erst 27-jährigen Südafrikanerin sind auch im Zeitz Museum of Contemporary Art Africa (MOCAA) in Kapstadt zu sehen. Eine zeigt eine Glocke aus dem 18. Jahrhundert, deren Seil aus blondem Haar geflochten ist. Haar spielt auch in anderen Werken der Künstlerin eine wichtige Rolle. So dient in einer ihrer Installationen eine viktorianische Tür von 1895 als Tischfläche, unter der Mengen afrikanischen Haars hervorquellen. Auf dem Tisch steht eine Klingel, mit der einst die weißen Kolonialherren ihre schwarzen Diener riefen. "Woran werden wir uns erinnern, was wird vergessen werden?", fragt der Titel des Werkes.

Im April 2015 beteiligte sich Msezane mit einer mehrstündigen Performance an der Studentenkampagne "Rhodes must fall". Die Proteste richteten sich gegen die Denkmäler der weißen Eroberer aus der Kolonialzeit, die immer noch an vielen Plätzen in Südafrika zu finden sind, so auch vor der Universität in Kapstadt. Während eine Statue des britischen Politikers Cecil Rhodes abgebaut wurde, stand Sethembile Msezane stundenlang als schwarze weibliche Statue auf einem Podest. Ihre Arme trugen weit ausgebreitete Flügel aus geflochtenem Haar, ihr Gesicht war hinter einem Perlenvorhang verborgen, ihr Körper nur mit einem eng anliegenden schwarzen Einteiler bekleidet. Sie verkörperte Chapungu, einen der heiligen Vögel, dessen Skulptur Rhodes einst in seinen Besitz brachte. Als die Statue von ­Rhodes entfernt war, hob sie ihre Flügel – eine Geste, die die Hoffnung ausdrücken sollte, dass Afrika seine Kolonialgeschichte überwinden wird. "An öffentlichen Orten präsent zu sein, erfordert Bereitschaft, man muss sich dafür wappnen, denn die Symbole dort sind sehr dominant", sagt ­Sethembile Msezane.

Bereits 2013 begann die Künstlerin, damals noch Studentin, in Kapstadt die Repräsentation der Körper schwarzer Frauen im öffentlichen Raum einzufordern. "In den Straßen der Stadt konnte ich mich nicht mit den Symbolen der nationalen Helden identifizieren, es waren alles weiße Männer, Kolonialherren, Niederländer oder afrikanische Nationalisten", erzählt sie. Frauen hätten so viel zur Wirtschaft, zur Entwicklung beigetragen und ihre Anerkennung sei doch so minimal. Also stellte sie sich stellvertretend für die vielen afrikanischen Frauen aus, die nicht im Stadtbild auftauchten. Am Tag des Friedens wurde Sethembile Msezane zur weiblichen Freiheitsstatue, am Tag der Arbeit zur südafrikanischen Arbeiterin in Fabrikkleidung. Sie nannte die Serie "Public Holiday", offizieller Feiertag. Öffentliche Symbole und Architektur verkörpern aus Sicht der Künstlerin Ideologien, haben eine psychologische Wirkung auf die Gesellschaft. Im ­öffentlichen Raum, so Msezane, nehme jeder "die Energie von anderen Menschen an, von Gebäuden und Statuen – das ist anstrengend. Deine Identität in diesem Raum ist irrelevant. Aber in privaten Räumen fühle ich Liebe, Menschlichkeit und kann einfach ich sein." Eine treibende Kraft ihrer künstlerischen ­Arbeit seien ihre Ahnen, erzählt die Künstlerin. Sie meditiere und nutze ihre Träume als Material.

Egal ob Kilombas Frau mit Maulkorb oder Msezanes Flügel aus Haar – die Arbeiten beider Künstlerinnen zielen auf den Umgang der (süd)afrikanischen Gesellschaft mit dem kulturellen Erbe von Apartheid und Kolonialismus.

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