Amnesty Journal Saudi-Arabien 26. Juli 2018

"Wer hasst kommt nicht zur Ruhe"

Eine verschleierte Frau geht durch die Wüste

Kultur der Wüste. Hissa Hilal.

Die saudische Dichterin Hissa Hilal wurde durch ihre mutige Kritik am patriarchalen System ihres Landes bekannt. Seither bewegt sie sich aus Sicherheitsgründen nur noch verschleiert in der Öffentlichkeit. Ein Gespräch über die Macht der Sprache und männliche Dichtkunst.

Interview: Jürgen Kiontke

Obwohl Sie international bekannt sind, müssen Sie verschleiert sein und Details über Ihr Privatleben geheim halten.

Mein Gesicht zu verhüllen, hat mich nicht daran gehindert, eine berühmte Frau in meiner Gesellschaft zu werden. Vielleicht ist es auch Teil meiner Persönlichkeit, nicht so viel Wert darauf zu legen, mein Gesicht zu zeigen. Viele prominente Frauen sind abhängig von ihrem Erscheinungsbild. Ich vertraue auf meine Gedanken und Gefühle, auf meine Sprache und persönliche Geschichte – und auf meine eigene Philosophie, wie ich die Welt sehe und verstehe. Zu Hause trage ich übrigens keinen Schleier.

2010 schafften Sie es ins Finale der beliebten Fernsehshow »Poet der Millionen« in Abu Dhabi. Welche Bedeutung hat dieser Dichterwettbewerb mit seinen 75 Millionen Zuschauern?

In der arabischen Kultur ist Dichtung den Menschen heilig, heiliger als der Islam, und sie ist auch älter. Nur gute Poeten durften ihre auf Leder geschriebenen Gedichte an die Kaaba in Mekka hängen. Wenn die Menschen sich einmal im Jahr auf dem Markt oder auf der Pilgerfahrt trafen, spielte Dichtung eine große Rolle. Tausende berühmte Dichter kamen aus der ganzen arabischen Welt, um hier vorzutragen. Dichtung ist in der arabischen Sprache eng verbunden mit Musik, Rhythmus und Fantasie, sie erzeugt Bilder, ist magisch. Früher glaubten die Araber, Dichtung sei eine Art Prophezeiung: Sie vermittelt Freude und Weisheit, Musik und Philosophie, ist Kunst und Magie, Literatur und die Sprache der Menschlichkeit. Sprache ist für Araber viel mehr als nur Worte und ihre Bedeutung.

Wie kam es zu Ihrer Teilnahme an dem Wettbewerb?

Ich war bereits als Dichterin bekannt. Aber durch die Show konnte ich Millionen Araber in der ganzen Welt erreichen. Mit meinem Auftritt konnte ich zeigen, dass arabische Frauen genauso talentiert sind wie Männer. Außerdem wollte ich die Möglichkeit nutzen, Dinge zu sagen, über die andere niemals zu sprechen wagen.

Wann haben Sie begonnen, in Ihren Gedichten Kritik zu üben?

Vor langer Zeit, als ich noch ein Kind war, verbrannten meine Verwandten ein Notizheft mit Gedichten, das sie gefunden hatten. Ich war traurig und schockiert. Damals schrieb ich ein Gedicht mit der Zeile: »Der Stamm verurteilt die Dichterin.« Ein sehr starkes Gedicht, das in den großen Magazinen der Golfregion gedruckt wurde. Ich war glücklich und habe begriffen, was Sprache leisten kann. Bis heute bin ich davon überzeugt, dass Sprache die größte Stütze ist, die man haben kann. Worte können nicht besiegt werden.

Erinnern Sie sich an die Gedichte Ihrer männlichen Kollegen in der Show?

Allerdings. Sie rezitierten Gedichte über den Prinzen oder den Scheich, sie priesen die Stämme, sprachen über Liebe und Frauen, Kamele und Pferde.

Inwiefern hat der Auftritt im Fernsehen Ihr Leben verändert?

Die Show gab mir einen Platz in der Geschichte der Dichtung. Prominent zu sein, bedeutet nicht, erfolgreich zu sein. Aber wenn es Menschen gibt, die deine Gedichte in sich tragen, sie rezitieren und lieben, dann hast du ihre Herzen tief berührt.

Sie waren auch mit Todesdrohungen konfrontiert.

Ich habe schon früh erkannt, dass manche Menschen bereit sind, Gewalt auszuüben. Sie sind bereit zu hassen, und sie warten nur darauf, dass sie ihren Hass auf jemanden projizieren können. Gewalt ist in den meisten Nationen verankert: Es ist eine Art Kultur. Jene, die hassen, kommen niemals zur Ruhe. Ich glaube, in jeder Gesellschaft gibt es Gewalt. Nur die Weise, sie auszudrücken, ist unterschiedlich. Manche behaupten, mit ­Gewalt ihre Religion verteidigen zu müssen, manche meinen, kämpfen zu müssen, weil andere nicht zivilisiert sind oder falsche Ansichten haben oder die heilige Geschichte oder Kultur oder was auch immer nicht respektieren. Aber die Menschen wollen nur den ganzen Hass zurückgeben, den sie in sich tragen. Außerdem stellen sie ihre Handlungen als logisch oder vernünftig dar. Diejenigen, die mich angegriffen haben, sind Teil dieser Hasskultur. Sie behaupten, dass sie die Religion verteidigen, aber das ist nur die Oberfläche.

Welche Spuren hinterlassen diese Drohungen bei Ihnen?

Wenn ich meine Meinung nicht äußern würde, könnte ich vielleicht ausgesprochen respektiert und geschätzt leben. Aber wenn du anders bist, werden diese Leute dir alles nehmen und dich ausschließen. Umgekehrt bedeutet dies: Wer sich innerlich frei fühlt, wie wir es von Natur aus sind, zieht es vor, allein zu sein. Du wirst nie das Gefühl haben, dass du diese Leute brauchst.

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman hat ­Reformen eingeleitet. Sind Sie optimistisch, dass er es ernst meint?

Wie alle Frauen hoffe ich, dass er uns Veränderung bringen kann. Wir alle beobachten, wie es weitergeht.

Wie würde Saudi-Arabien aussehen, wenn Frauen gleich­berechtigt wären?

Nicht nur Saudi-Arabien, sondern die ganze arabische Welt würde sich zum Besseren verändern, der ganze Nahe Osten, vielleicht die ganze Welt.

Hissa Hilal ist auch unter dem Künstlernamen Remia ­bekannt. Die 50-Jährige schreibt seit ihrer Kindheit Gedichte. 2010 erreichte sie das Finale der Lyrik-TV-Show "Million’s Poet" in Abu Dhabi. Vor 75 Millionen Fernsehzuschauern übte sie harsche Kritik an der patriarchalen Gesellschaft ihres Landes und prangerte den islamischen Extremismus an. Der Film "The Poetess" (D/SA 2017. ­Regie: Stefanie Brockhaus, Andreas Wolff. Nominiert für den Deutschen Filmpreis) ­erzählt ihre Geschichte. Eine ursprünglich geplante Kinotour durch Deutschland sagte Hilal aufgrund der jüngsten Verhaftungen von Aktivistinnen in Saudi-Arabien ab.

Zwei Gedichte von Hissa Hilal für das Amnesty Journal

Fremde

Fremde

Hab keine Angst vor Fremden, sie könnten verirrte Engel sein

Fülle ihre Taschen mit süßen Geschichten

Und strahlendem Lächeln

Leg ihnen auf die Schultern die Wärme deiner mitfühlenden Hände

Eine Träne der Liebe in ihre Augen

Das Leuchten der Mutterschaft

Gewähre ihnen eine Kerze der Hoffnung und einen Stern des Vergessens.

***

All diese schönen Wälder

Diese Flüsse

Diese Freiheit

Dieser Frieden

Weil diese Stadt

Niemals die Fremden steinigt mit Verdächtigungen und mit Ängsten.

Rote Leichentücher über dem Schweigen

Die rot dampfende Stimme des Opfers

Auf den Leichentüchern unseres Schweigens

Wir sind der Friedhof der Opfer

Wir sind die Bösen, die beten und fasten

Ihre furchtbaren Schreie …

Ein brennendes Schwert getaucht in die Kälte unseres Blutes

Wir sind die Verdorbenheit des Glaubens

Die Gerechtigkeit bewahrend

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