Amnesty Journal Nepal 25. September 2018

Vom Himalaya in die Hölle

Eine Frau sitzt mit dem Rücken zur Kamera in einem Zimmer mit zwei Stockbetten

Vergewaltigt und misshandelt. Savita Kadkar in Kathmandu.

Armut und fehlende Alternativen treiben viele Nepalis zum Arbeiten ins Ausland. Dort erwartet sie häufig Ausbeutung oder Prostitution.

Von Nicole Graaf (Text) und Emre Caylak (Fotos), Kathmandu

Mal putzte er Toiletten, mal belud er LKWs: zwölf Stunden am Tag, bei 40 bis 45 Grad Hitze. Raj Kumar Kunwar schlief in engen Gemeinschaftsunterkünften und wurde alle paar Tage in einem anderen Job eingesetzt. Vier Wochen hielt der 31-jährige Bauer aus Nepal das durch. "Dubai, nie wieder", sagt der bedächtige Mann mit den raspelkurzen Haaren heute. Nun muss Kunwar nicht nur weiterhin die umgerechnet 4.000 Euro Kredit für sein neues Haus abstottern. Er hat auch noch 400 Euro neue Schulden. Die hatte er aufgenommen, um Reisepass, Arbeitserlaubnis, Versicherung und das Flugticket an den Golf zu bezahlen.

Kunwars Familie lebt in einem Dorf, das man von der Hauptstadt Kathmandu aus nach rund drei Stunden Fahrt über Bergstraßen und Buckelpisten erreicht. Die Erde hier ist rostrot und fruchtbar. Auf den eineinhalb Hektar der Kunwars gedeihen ­Paprika, Tomaten und Mais. Gerade genug, um die zehnköpfige Großfamilie samt Eltern und zwei Brüdern zu ernähren, aber auch nicht für mehr. Deshalb muss Kunwar sich häufig einen zusätzlichen Job suchen. Seine beiden Brüder haben auch bereits in Malaysia und Dubai gearbeitet. Sie sind keine Ausnahme: Jeder Dritte im Dorf muss auswärts Geld verdienen, damit es zu Hause reicht.

Die Arbeitsmigranten sind extrem wichtig für das Land mit seinen fast 30 Millionen Einwohnern, das durch jahrelange Krisen, einen Bürgerkrieg und ein schweres Erdbeben vor drei Jahren völlig verarmt ist. Ihre Überweisungen machen schätzungsweise ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts aus. Am Flughafen von Kathmandu gibt es sogar ein eigenes Terminal für Gastarbeiter. Dennoch gehört das einstige Königreich zu den ärmsten Ländern der Welt. Weil Jobs rar sind, stellt die Regierung pro Jahr rund eine halbe Million Genehmigungen für Arbeitsmigranten aus. Weit mehr gehen auf inoffiziellen Wegen ins Ausland. Das Problem: Dort erwartet sie häufig Ausbeutung oder Prostitution.

Die Agentur hatte Kunwar versprochen, dass er als Helfer in einem Supermarkt arbeiten würde, für umgerechnet rund 470 Euro im Monat – ein fürstlicher Lohn im Vergleich zu Nepal, wo ein Bankangestellter nicht mehr als 120 Euro im Monat verdient. Aber Kunwar bekam nichts, weil alles für Unterkunft, Verpflegung und Rückreisepapiere draufgegangen sei, wie der Agent ihm lapidar mitteilte.

Ausgeliefert ohne Pass

Um die Arbeit im Ausland sicherer zu machen, brauchen die ­Migranten inzwischen zwar eine Genehmigung des Arbeits­ministeriums, eine Gesundheitsprüfung und einen "Orientierungskurs". Auch gibt es nun staatlich festgelegte Gebühren für die Vermittlungsagenturen – aber in der Praxis hält sich kaum jemand daran.

Trotz aller Vorkehrungen treffen viele Gastarbeiter aus dem Himalaya im Ausland auf menschenunwürdige Bedingungen: Wenig Geld, unbezahlte Überstunden, Prügel, keine Kranken­versicherung, viel zu kleine Unterkünfte, mickrige Verpflegung, katastrophale Sicherheitsvorkehrungen, sengende Hitze. Katar machte immer wieder Schlagzeilen, weil es auf den Baustellen für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 zu tödlichen Unfällen kam. Beobachter prangern immer wieder die fast "sklavenartigen Bedingungen" an: Erst Mitte August kam ein 23-jähriger Nepalese bei Bauarbeiten an einem Stadion um. In Saudi-Arabien oder den Emiraten sieht es für die Billigarbeitskräfte nicht besser aus.

"Einen anderen Job vor Ort zu finden, ist so gut wie unmöglich, denn die Agentur zieht den Pass ein und gibt ihn erst bei der Rückreise heraus", erklärt Kunwar. Die Diskriminierung hat Methode: In vielen arabischen Staaten gilt das sogenannte Kafala-System. Danach brauchen Arbeitsmigranten einen einheimischen Bürgen, ohne dessen Erlaubnis sie weder den Arbeitsplatz wechseln noch das Land verlassen dürfen.

In den Händen der Händler

Vor allem Frauen enden so häufig in sklavenartigen Verhältnissen. Deshalb legte die Regierung in Kathmandu ein Mindest­alter von dreißig Jahren für sie fest. Dann schloss sie Tätigkeiten in Privathaushalten für Frauen aus. Dort hatten sich die meisten Fälle körperlicher und sexueller Gewalt ereignet. Die Restriktionen brachten aber noch größere Gefahren: Um das Verbot zu umgehen, schicken Vermittlungsagenturen die Frauen nun über Indien in andere Länder. Nepalis brauchen kein Visum, um in das Nachbarland zu reisen. Doch statt in einem guten Job am Golf enden viele dort in der Prostitution.

Savita Kadkar, 31, hager, eingefallene Schultern, war eine von ihnen. Ein halbes Jahr lang wurde sie von einem nepalesischen Agenten in Indien missbraucht, der sie eigentlich als Haushaltshilfe an den Golf vermitteln sollte. Sie ist Analphabetin, kannte niemanden, hatte kein Geld und wusste nicht einmal genau, in welche Stadt man sie gebracht hatte. Kadkar stammt aus sehr ­armen Verhältnissen aus einem Dorf im Distrikt Gorkha, etwa 150 Kilometer von Kathmandu entfernt. Dort lag das Epizentrum des Erdbebens, bei dem im April und Mai 2015 rund 9.000 Menschen starben und 800.000 Häuser zerstört wurden. Auch das ihrer Familie. Kadkar und ihre alte Mutter wohnen seitdem bei einem Nachbarn in einem winzigen Zimmer zur Miete.

Kurz nach ihrer Scheidung war sie 2016 schon einmal als Haushaltshilfe nach Kuwait gegangen. Doch der Hausherr und seine Frau schlugen sie und weigerten sich, ihr den versprochenen Lohn zu bezahlen, sodass sie nach nur zwei Monaten zurückkehrte.

Mit ihrem zweiten Ehemann ging sie nach Kathmandu, um Arbeit zu suchen – erfolglos, und auch er trank und misshandelte sie. Da sie keinen anderen Ausweg wusste, entschloss sie sich, erneut ihr Glück in Dubai zu versuchen. Als Kadkar feststellte, dass sie von der Vergewaltigung schwanger war, änderte sich ­alles. Ihr Arbeitgeber wurde misstrauisch, fragte sie aus und schlug sie, weil sie nicht mehr so hart arbeiten konnte wie zuvor, bevor er sie nach Nepal zurückschickte.

"Manche Frauen wurden getötet, als herauskam, dass sie ­unehelich schwanger sind", sagt Ganesh Gurung von Pourakhi Nepal. Die Selbsthilfeorganisation kümmert sich um Frauen wie Kadkar, die während ihrer Arbeit im Ausland ausgebeutet wurden, oft ohne eine Rupie zurückgekehrt sind und sich in ihrem Dorf nicht mehr blicken lassen können. Anders als männlichen Arbeitsmigranten verzeihen es die Familien den Frauen oft nicht, wenn sich der Auslandsjob nicht gelohnt hat. Pourakhi Nepal bietet solchen Frauen eine Zeit lang eine Bleibe und versucht, Jobs für sie zu finden. "Ich hoffe, dass ich hierbleiben und arbeiten kann", sagt Kadkar leise.

Die Armut und der Mangel an Bildung vor allem auf dem Land erleichtern nicht nur unseriösen Arbeitsagenten das ­Geschäft, sondern auch Menschenhändlern. Pro Jahr registriert die Polizei rund 16.000 Verschwundene, 80 Prozent davon sind Frauen und Kinder. Die Dunkelziffer dürfte viel höher liegen. Früher lockten die Menschenhändler junge Frauen mit Heiratsversprechen aus ihren Dörfern, heute überreden sie sie mit scheinbar lukrativen Jobs im Ausland.

Flucht vor der Kinderehe

Viele Opfer sind noch minderjährig. Ihre Eltern sind meist so damit beschäftigt, den Lebensunterhalt zu verdienen, dass sie sich nicht richtig um ihre Kinder kümmern können. Zudem gelten Mädchen in einigen Gegenden als Bürde, denn sie kosten eine hohe Mitgift, wenn sie heiraten.

So wie Jyoti Lama. Schon mit elf Jahren lief sie von zu Hause weg, um einer traditionellen Kinderehe zu entkommen. Heute ist sie 21, trägt Jeans und Pferdeschwanz und sieht aus wie andere junge Frauen aus Kathmandu. Im Bus hatte sie eine Frau kennengelernt, die vorgab, sich um sie kümmern zu wollen. Sie lebe in einem schönen Haus in Kalkutta. Lama könne bei ihr wohnen und sich um ihre Kinder kümmern. In Indien angekommen hörte Lama eines Tages drei Männer mit ihrer Gastgeberin sprechen: "Wir können nicht länger warten", sagten sie. Die Frau gab ihr fortan täglich eine Tablette. Angeblich, damit sie sich besser an das fremde Klima gewöhne.

Nach ein paar Wochen begann sich ihr Körper zu verändern: Lama nahm zu, bekam Brüste, wurde weiblicher. Heute ist ihr klar, dass die Frau ihr Hormone gab, damit sie älter aussah. Schließlich lieferte sie sie am Stadtrand von Kalkutta in einem heruntergekommenen Hochhaus mit abgedunkelten Fenstern und vielen Zimmern ab, in denen weitere Mädchen wohnten. Nach einer halben Stunde kam der Aufseher und blaffte sie an: "Warum bist du noch nicht umgezogen?" Er hielt ihr einen aufreizenden Bikini hin. Da wurde Lama klar, dass sie in einem ­Bordell gelandet war. "Lieber könnt ihr mich umbringen, als dass ich so etwas tue", sagte sie trotzig. "Das werden wir, aber es wird wehtun", sagte der Mann kalt und zerrte sie mit sich.

"Ich zeige dir, was wir mit dir machen werden." Er brachte sie durch eine versteckte Tür in einen langen dunklen Gang, am Ende war ein Raum ohne Fenster, der von einer schummrigen roten Glühbirne erleuchtet wurde.

Lama erzählt all das sehr distanziert. So als sei es nicht ihre eigene Geschichte, sondern der Plot eines Films. Sie weiß, dass sie jederzeit aufhören kann und keine Details preisgeben muss. Doch sie erzählt unbeirrt weiter. Irgendwann sprudeln die Sätze nur noch aus ihr heraus. Dann füllen sich ihre Augen mit Tränen.

"Nicht wegen mir selbst, sondern weil mir diese Frau so leid tat", sagt Lama. In einer Ecke des Raumes, sagt sie, stand eine Frau, nackt, mit einem Strick an einen Ring an der Wand gefesselt. Sie war kaum bei Bewusstsein, ihr Körper übersät mit Brandmalen von einem Bügeleisen, rot und eitrig. "So wirst du auch enden, wenn du nicht spurst", sagt der Mann. Lama ergab sich ihrem Schicksal. Erst nach sieben Monaten wurde sie bei ­einer Polizeirazzia befreit und zurück nach Nepal gebracht.

Heute arbeitet sie für die Selbsthilfeorganisation Shakti ­Samuha in Kathmandu als Rezeptionistin – und holt nebenbei die Schule nach. Fast alle Frauen hier haben ähnlich Schlimmes erlebt. Shakti Samahu unterhält ein Frauenhaus, in dem die Überlebenden, wie sie sich selbst bezeichnen, zunächst unterkommen können. Sie erhalten dort psychologische Hilfe, können sich untereinander austauschen und an Handarbeits- und Computerkursen teilnehmen.

Rettung im Rotlichtviertel

Rund ein halbes Dutzend Organisationen in Nepal kümmern sich inzwischen um verschleppte Frauen und Kinder sowie um Arbeitsmigranten, die ausgebeutet wurden. Maiti Nepal, die größte von ihnen, hat Checkposten entlang der Straßen nach ­Indien eingerichtet. Die Mitarbeiterinnen, viele davon einst selbst verschleppt, inspizieren dort die Busse nach Frauen die ­allein reisen, keine Papiere haben oder sich auffällig verhalten.

Shakti Samuha und Maiti Nepal koordinieren auch häufig gemeinsame Rettungsaktionen in Indien. In Nepal selbst bringen sie die Behörden dazu, Razzien in den Rotlichtvierteln durchzuführen. Denn nicht wenige der verschleppten Frauen und Mädchen landen auch in zwielichtigen Bars von Kathmandu, einer Stadt mit immerhin einer Million Einwohnern.

An einem Freitagabend machen sich Ashish Dulal und zwei weitere männliche Mitarbeiter von Shakti Samuha hier bereit für eine Undercover-Aktion. Sie wollen einige Bars in einem berüchtigten Viertel Kathmandus auskundschaften. Sie geben sich als Kunden aus. Bald werden sie fündig. In einem der typischen Etablissements dauert es keine zwei Minuten, da hat jeder von ihnen ein Mädchen neben sich sitzen. Selbst dicke Schminke kann ihr Alter nicht verdecken: "Kaum älter als 13, 14 Jahre", schätzt Dulal.

Er versucht, cool zu tun und fläzt sich breitbeinig in das abgewetzte Sofa. Dann ruft Dulal ein schüchternes Mädchen mit gelbem Kleid und weißen Converse-Sneakers zu sich. Sie ist die einzige, die kein Make-up trägt und kaum einen Ton herausbringt, obwohl sie die Kunden zum Trinken animieren soll. "Sie war ganz sicher neu dort", erklärt Dulal später.

Er fragt nach ihrer Telefonnummer, auch die anderen Männer sammeln die Nummern ihrer Amüsiermädchen ein. "Wir geben unsere Informationen an die Polizei weiter und hoffen", sagt Dulal, "dass sie bald eine Razzia organisieren."

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