Amnesty Journal Namibia 22. September 2017

Bedauern ohne zu bezahlen

Die Namibierin Gustavine Tatjari in traditionellem Gewand mit einem Kind auf dem Schoß.

Traditionsbewusst. Gustavine Katjari, März 2017.

Mehr als 100 Jahre nach dem Völkermord an den Herero sperrt sich die Bundesregierung noch immer gegen ­Entschädigungszahlungen an Namibia.

Von Andrzej Rybak, Okakarara

Sie trägt einen Glockenrock, eine Bluse mit Puffärmeln und ein kunstvoll drapiertes Kopftuch, dessen Ecken wie Rinderhörner abstehen. Alles in grünbraun. Gustavine Katjari hat die traditionelle Tracht der Herero-Frauen angezogen, um den Gast aus Deutschland zu empfangen.

Ende des 19. Jahrhunderts hatten rheinische Missionare dem spärlich bekleideten Hirtenvolk der Herero im damaligen Deutsch-Südwestafrika die neue Garderobe verordnet. Noch heute tragen die Herero die seltsam unmodernen Kleider mit afrikanischen Stoffen zu besonders feierlichen Anlässen. Doch Katjaris Geschichte ist traurig: "Meine Haut ist viel heller als die der anderen Herero", sagt die 67-Jährige. "Meine Großmutter wurde damals von einem deutschen Soldaten vergewaltigt. Diese Schande konnte ich nie verstecken: Deutsches Blut fließt in meinen Adern."

Nur eines von Abertausenden Kriegsverbrechen, die zwischen 1904 und 1908 beim ersten Völkermord des vergangenen Jahrhunderts verübt wurden – in deutschem Namen. Doch wer kommt dafür auf? Noch Generationen später zieren sich die ­einstigen Kolonialherren aus dem Norden – zum Nachteil der bitterarmen Herero. Deutschland spielt offenbar auf Zeit. Inzwischen ist klar, dass aus den Entschädigungen in diesem Jahr nichts mehr wird, obwohl die Bundesregierung das als Ziel ausgegeben hatte.

Immerhin: Deutschland gab im Sommer 2015 den Genozid nach mehr als 100 Jahren zu. Das sorgte auch international für Respekt. Seitdem verhandelt eine deutsche Delegation unter ­Leitung des ehemaligen CDU-Generalsekretärs Ruprecht Polenz mit der namibischen Regierung über Form und Höhe einer Entschädigung. Nachdem vor einem guten Jahr der Bundestag den Völkermord der Türkei an den Armeniern geißelte, schien klar: Wer dort moralisch den Zeigefinger hebt, muss auch beim Genozid im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika handeln.

Doch weit gefehlt. Während die Herero den Deutschen inzwischen Arroganz vorwerfen, tut die deutsche Seite die namibischen Ansprüche als Wunschdenken ab. Berlin denkt bei der Entschädigung nämlich höchstens an einzelne Projekte der Wiedergutmachung. Namibische Zeitungen berichten hingegen von Reparationsforderungen aus Windhoek in Höhe von 25 Milliarden US-Dollar, mehr als das Dreifache des Bruttoinlandsprodukts.

Ein Kompromiss ist vorerst nicht in Sicht. Im Juni hat die deutsche Regierung ihre Stellungnahme an Namibia übergeben – als Verschlusssache. Sie betrachtet die Angelegenheit als rein völkerrechtliches Problem: Demnach sind Genozide erst seit ihrer Aufnahme in das Völkerstrafrecht 1948 überhaupt justiziabel. Das dränge die moralische Verantwortung des deutschen Mordens zu sehr zur Seite, finden Kritiker wie der Hamburger Kolonialhistoriker Jürgen Zimmerer. Er hält die Geheimpolitik des Auswärtigen Amts für einen "Affront".

Die Namibierin Kaitjindire Tjerije in traditionellem Gewand, Okakarara, März 2017

Kaitjindire Tjerije in Okakarara, März 2017.

Einige Herero wollen sich nicht länger hinhalten lassen. ­Herero-Chief Vekuii Rukoro und der Nama-Vertreter David ­Frederick haben deshalb im Januar 2017 bei einem New Yorker Gericht eine Sammelklage gegen die deutsche Regierung eingereicht. Rukoro fordert zudem direkte Verhandlungen zwischen Berlin und den Herero, da er der namibischen Regierung nicht traut. Von den 20 Millionen Euro, die 2004 von der damaligen Entwicklungsministerin Heide Wieczorek-Zeul (SPD) in einem Sonderfonds zu Verfügung gestellt wurden, "haben wir keinen Cent gesehen", sagt der Stammesvordere, der zur politischen Opposition in Namibia gehört.

Dabei ist die Schuldfrage eindeutig. Historiker zitieren als Beleg einen "Brief an die Herero" des Oberkommandierenden der deutschen Schutztruppe, Generalleutnant Lothar von Trotha, vom 2. Oktober 1904:

"Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh ­erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen. Dies sind meine Worte an das Volk der Herero."

Generalleutnant Lothar von Trotha
Oberkommandant der deutschen Schutztruppe

Katjari, die unfreiwillige Nachfahrin eines Deutschen, kann sich noch gut an ihre Großmutter erinnern und an die lange Narbe über deren rechter Brust: "Erst als ich erwachsen wurde", erzählt die großgewachsene Frau, "habe ich von meiner Mutter erfahren, dass der Soldat mit seinem Bajonett auf die Großmutter einstach, als sie sich wehrte." Für Katjari ist klar: "Wir haben eine Wiedergutmachung verdient." Es geht ihr um ein bisschen Gerechtigkeit: "Durch den Völkermord haben wir 80 Prozent der Bevölkerung, unser Land und unsere Herden verloren." Vor dem Krieg waren die Herero eine der mächtigsten Volksgruppen in Namibia. Seitdem konnten sie sich weder wirtschaftlich noch politisch vollständig erholen. In Namibia haben heute die Ovambo das Sagen, die fast die Hälfte der Bevölkerung stellen.

Direkt hinter dem Zaun von Katjaris kleinem, sauber gefegtem Hof geschah die wohl größte Tragödie in der Geschichte der Herero. Hier, ganz in der Nähe des Waterbergs, fand am 11. August 1904 die Schlacht statt, bei der deutsche Soldaten etwa 40.000 Herero- und Nama-Krieger niedermetzelten.

Die Soldaten verfolgten die Überlebenden, die mit ihren ­Familien nach Osten flohen und töteten dabei Männer, Frauen und Kinder. Danach riegelten sie alle Wasserstellen ab und ließen Tausende in der Omaheke-Wüste verdursten. Etwa 80.000 Herero starben. Auch die Nama, von den Deutschen verächtlich als "Hottentotten" bezeichnet, mussten leiden. Die deutschen Truppen töteten rund 10.000 Nama – etwa die Hälfte des Volkes. Weitere wurden in Konzentrationslager gesteckt oder vertrieben.

Die Herero streiten inzwischen über die Entschädigungen. In Okakarara , einer ihrer wichtigen Städte im Norden Namibias, wird das Gerichtsverfahren im fernen New York mit Skepsis beäugt. »Chief Rukoro spricht nur für einen Teil von uns«, sagt Herero-Aktivist Ueriuka Tjikuua. "Die Klage in New York ist sinnlos, schon zwei Mal wurde eine ähnliche abgewiesen." ­Tjikuua hat sich intensiv mit dem Thema befasst. Er hat in Deutschland studiert und arbeitete viele Jahre bei den Vereinten Nationen. "Die namibische Regierung ist die einzige Instanz, die die Verhandlung mit Deutschland führen kann", sagt der 65-jährige Rentner. "Berlin muss aber dafür sorgen, dass keine Entscheidungen ohne Beteiligung der betroffenen Gruppen getroffen werden."

Individuelle Entschädigungen an einzelne Nachkommen hält Tijkuua für "politisch nicht durchsetzbar"– und auch nicht für wünschenswert. "Das Geld wäre schnell verpulvert, ohne nachhaltigen Entwicklungseffekt", sagt er. Stattdessen solle ­Berlin ein umfassendes Förderprogramm auflegen. "Ich werde davon nichts mehr haben", sagt Tijkuua. "Aber vielleicht bekommen meine Enkel eine bessere Ausbildung."

Die Liste der Projekte, mit denen Deutschland das karge Leben der Herero aufbessern könnte, ist lang, aber natürlich nicht  geeignet, historisches Unrecht wiedergutzumachen: Schulen und Krankenhäuser, bessere Straßen, moderne Tiefbrunnen, Wasserreservoirs. Oder mehr Land für Rinder. Vor allem aber mehr Jobs, denn auch in dem 4.000 Einwohner zählenden ­Okakarara hat nicht mal jeder Fünfte eine feste Arbeit.

In Namibia leben heute etwa 200.000 Nachfahren von ­Herero und Nama, doppelt so viele wie vor dem Genozid. Doch sie haben zu wenig Land für ihr Vieh. "Wir brauchen mehr Land, um unsere Bevölkerung zu ernähren", sagt Kaitjindire Tjerije, die zur Königsfamilie Kamba Zembi gehört. "Die deutsche Regierung müsste die deutsch-namibischen Farmen aufkaufen und das Land den Herero geben." Für Tjerije wäre das ein Akt historischer Gerechtigkeit, denn viele der Farmer sind Nachkommen von deutschen Siedlern und Beamten, die das Land der Herero geraubt haben.

Die deutschstämmigen Farmer aber wollen nicht gehen. ­Viele sind in Namibia geboren und fühlen sich hier zu Hause. Wie Harry Schneider-Waterberg. Sein Groß­vater ist 1909 nach Namibia ausgewandert, die Familie bewirtschaftet die  Farm mit Blick auf den sagenumwobenen Waterberg mittlerweile in der dritten Generation. "In Namibia gibt es genug Land, es stehen heute mehr 'weiße Farmen' zum Verkauf als die Regierung erwerben kann", sagt Schneider-Waterberg.

Mehrere Höfe sind im Rahmen der Landreform in den vergangenen Jahren  an die Herero und andere Volksgruppen zurückgegeben worden, doch das Unrecht bleibt. Und die Angst vor neuen Spannungen. "Wir wollen nicht, dass sich bei uns so etwas wiederholt wie in Simbabwe", betont die 61-jährige Tjerije. Dort wurden vor 15 Jahren viele weiße Farmer von landlosen schwarzen Bauern – angestiftet durch die Regierung von Robert Mugabe – gewaltsam vertrieben.  "Während der letzten Dürre haben wir Teile unserer Herden verloren, und kein Farmer war bereit, mit uns sein Wasser zu teilen", sagt Tjerije.

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