Amnesty Journal Mexiko 10. Mai 2019

Roman "Milena": Die andere Seite der Globalisierung

Strichcode-Tatoo am Handgelenk

Menschenhändler haben das Handgelenk einer 19-Jährigen tätowiert und sie zur Prostitution gezwungen.

Der mexikanische Schriftsteller Jorge Zepeda Patterson schildert in seinem Roman "Milena", wie Zwangsprostitution und internationaler Menschenhandel funktionieren.

Von Maik Söhler

Es ist zynisch, im organisierten Menschenhandel zuerst den Handel und danach den Menschen zu sehen. Insofern ist "Milena", der neue Roman des mexikanischen Schriftstellers Jorge Zepeda Patterson, ein äußerst zynisches Buch. 

Denn Patterson erzählt zwar auch die Geschichte der jungen Kroatin Alka Mortiz, die im Alter von 16 Jahren aufbricht, um in Berlin als Kellnerin zu arbeiten, und dabei in die Fänge einer ukrainisch-russischen Menschenhändlermafia gerät. Als Zwangsprostituierte findet sie sich unter dem Namen Milena im spanischen Marbella und später in Mexiko-Stadt wieder. Außer der Schilderung der Misshandlung einer jungen Frau, die stellvertretend für viele steht, rückt der Autor aber vor allem eine scharfe Analyse der unternehmerischen Seite des Menschenhandels ins Zentrum.

Patterson schafft es auf diese Weise, detailliert und präzise die Zwangsverhältnisse zu beschreiben, unter denen aus einem unterworfenen und geknechteten Wesen Kapital wird. Nach ihrer Entführung wird Alka tagelang in einen Schrank gesperrt, Hunger und Durst werden so lange als Waffe gegen sie eingesetzt, bis sie am Ende ihrer Kraft ist und sich der Zwangsprostitution unterwirft. Nur wenig später, aus Alka ist inzwischen Milena geworden, heißt es über die Zuhälter: "Niemand konnte die Wachmänner der Nachlässigkeit bezichtigen. Die dort untergebrachten Mädchen – zwischen zwölf und zwanzig, je nach Saison – waren eine hochwertige Geldanlage, und genau so wurden sie auch behandelt."

Ein mexikanischer Verleger kann Milena schließlich aus der Prostitution befreien, sie wird seine Geliebte. Als der Verleger stirbt, will die Mafia ihr "Eigentum" zurück – auch, weil Milena ein Büchlein bei sich führt, in dem Informationen über das Netzwerk des internationalen Menschenhandels zu finden sind. Die Tochter des Verlegers und einige ihrer Freunde versuchen, Milena zu schützen, während die Mafia und ihre politischen Protektoren in Mexiko auf Menschenjagd gehen. 

Pattersons "Milena" ist in weiten Teilen ein Thriller, der von Leidenschaft und Hass, Freundschaft und Verrat sowie von Strategie und Taktik in einem ungleichen Kampf erzählt. Immer wieder finden sich Passagen, die vom Verhältnis zwischen Freiern und Prostituierten erzählen, aus einer männlichen Perspektive auf käuflichen Sex, die in Frauen nur eine Ware sieht: "Ich bin richtig neidisch auf die Nutten. Geld zu kriegen fürs Ficken, das ist doch toll, oder?", sagt etwa ein Bischof. Ein Finanzdirektor stellt gleich einen "Geschäftsplan" auf, um selbst ins Prostitutionsgewerbe einzusteigen.

"Milena" ist eine harte und zugleich gut zu lesende Studie über sexuelle Ausbeutung.

Jorge Zepeda Patterson: Milena. Aus dem mexikanischen Spanisch von Nadine Mutz. Elster, Zürich 2019. 528 Seiten, 24 Euro.

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