Amnesty Journal Madagaskar 27. April 2021

Digitale Gesundheitsspardose

Eingang zu einem Krankenhaus, aus dem zwei Männer und eine Frau kommen.

Renovierungsbedürftig: Krankenhaus in Tomasina, Madagaskar (2014).  

Die medizinische Versorgung in Madagaskar ist schlecht – auf mehreren Ebenen. Längst nicht alle können sich Behandlungen leisten. Helfen soll dabei eine Software.

Von Heike Haarhoff

Wenn verunreinigtes Wasser und Mangelernährung zu Seuchen und lebensbedrohlichen Krankheiten führt, wenn ein simpler Beinbruch zum Risiko wird für eine bleibende körperliche Behinderung, dann gibt es "handfeste Probleme im Gesundheitssystem", sagt der Arzt Julius Emmrich von der Berliner Charité. Das gilt zweifellos für Madagaskar, den zweitgrößten Inselstaat der Welt und eines der ärmsten Länder Afrikas.

Auf 10.000 Einwohnerinnen und Einwohner kamen im Jahr 2014 etwa zwei Ärztinnen und Ärzte. Zum Vergleich: In Deutschland waren es im selben Jahr etwa 20 Mal so viele. Die Fruchtbarkeitsrate liegt bei vier Kindern pro Frau, entsprechend jung ist die Bevölkerung. Und die Lebenserwartung liegt mit durchschnittlich 67,5 Jahren weit unter der in westlichen Industrienationen. "Die medizinische Versorgung im Lande ist mit Europa nicht zu vergleichen und ist vielfach personell, technisch, apparativ und hygienisch hoch problematisch", schreibt das Auswärtige Amt.

"Mobile money" boomt

Dass nur zehn Prozent der madagassischen Bevölkerung krankenversichert sei, kommt erschwerend hinzu. "Wem es gelingt, trotz der widrigen Bedingungen einen Arzt zu finden, der kann sich häufig dennoch nicht behandeln lassen", sagt Julius Emmrich. Vielen fehlen finanzielle Rücklagen. Das Geld, das etwa Bäuerinnen und Bauern in den entlegenen Regionen verdienen, reicht oft nicht für die alltäglichen Besorgungen. Manche Familien nehmen ihre Kinder aus der Schule, um von den eingesparten Schulgebühren die Geburtshilfe für das nächste Baby zu finanzieren. Es ist ein Teufelskreis. Doch Emmrich weigert sich, "in herausfordernden Situationen einzig die Defizite wahrzunehmen". Er befasst sich seit Jahren mit der Entwicklung und dem Einsatz digitaler Methoden in der Entwicklungszusammenarbeit. Gemeinsam mit seinem Kollegen Samuel Knauss hat er eine Lösung.

Vor einigen Jahren, als er mit Knauss durch das Land reiste, fiel den beiden Medizinern auf, wie allgegenwärtig Handys im Alltag der Madagassen sind: Vor allem der "mobile money"-Markt boomt bei Jungen wie Alten, ganz unabhängig von ihrem sozioökonomischen Status. Vielerorts sind Telefongesellschaften auf dem besten Weg, die Banken als Zahlungsdienstleister abzulösen. "Kein Wunder", sagt Samuel Knauss, "die Bevölkerung ist extrem jung, das Durchschnittsalter liegt bei nicht einmal 20 Jahren". Und der Einstieg in das Bezahlgeschäft via Handy ist sehr viel einfacher als bei traditionellen Bankgeschäften. In einem Land, in dem jeder Dritte weder lesen noch schreiben kann, ist das ein wichtiges Argument.

Digitaler Sparstrumpf

Knauss, der bereits während seines Studiums in Berlin und an der Harvard Medical School ein Digital Health-Startup gründete, erkannte das Potenzial hinter der Mobilfunknutzung selbst in entlegenen Gebieten der Insel und hatte die Idee, sowohl das Ansparen als auch das Bezahlen von Gesundheitsdienstleistungen über das Handy abzuwickeln. Die beiden Mediziner nannten ihre mobile Gesundheitsspardose "mTOMADY", das madagassische Wort heißt so viel wie "stark" oder "gesund". Damit können Nutzerinnen und Nutzer zweckgebunden Geld ansparen, das sie später ausschließlich für Arztbesuche, Klinikaufenthalte und Medikamente ausgeben dürfen. "Die Vorteile liegen auf der Hand", sagt Julius Emmrich: Anders als ein herkömmlicher Sparstrumpf sei die mobile Spardose nicht zu knacken.

Zugleich sei die Plattform auch ohne Internet und über jedes noch so alte Handy nutzbar. Wie das funktioniert? "Überall im Land verkaufen Händler an sogenannten cash points Rubbelkarten", sagt Knauss. "Man rubbelt den Code frei, gibt ihn ein und schickt das eingezahlte Geld direkt auf sein Gesundheitskonto."

Seit dem Start von mTOMADY im Oktober 2019 haben sich mehr als 100.000 Menschen auf der Plattform registriert – und jede Woche kommen etwa 1.000 weitere dazu. Die Software wird auch von Krankenversicherungen und internationalen Hilfs- und Spendenorganisationen genutzt, um Beiträge elektronisch einzuziehen. Angeschlossene Ärzte und Ärztinnen sowie Gesundheitszentren können ihre Behandlungskosten direkt über die Plattform abrechnen.

Mehr als Entwicklungshilfe

"Das trägt natürlich auch zu einer besseren Transparenz bei", sagt Samuel Knauss. Wer Wucherpreise für eine Therapie verlangt, ist vergleichsweise leicht zu identifizieren, denn jede Behandlung, die über mTOMADY abgerechnet wird, ist nachvollziehbar, versichern die Mediziner. Auch Geld internationaler Organisationen, das für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung Madagaskars vorgesehen ist, würde seltener verschwinden oder zweckentfremdet.

Die Plattform wird von mehreren deutschen Institutionen gefördert. Sie will jedoch mehr sein als ein klassisches Entwicklungshilfeprojekt. "Uns geht es vor allem um die Augenhöhe mit unserem Team vor Ort", sagt Julius Emmrich. Mehrere Ökonominnen und Ökonomen Softwareentwickler_innen, Ärzte und Ärztinnen sowie Datenwissenschaftler_innen arbeiten in der madagassischen Hauptstadt Antananarivo an der Plattform. "Jeden Morgen um 9 Uhr haben wir eine virtuelle Teambesprechung mit diesen Kolleginnen und Kollegen vor Ort."

Entsprechend hoch ist die Akzeptanz: Mehr als 30 Krankenhäuser nutzen mTOMADY bereits; das Gesundheitsministerium will die Plattform demnächst in das nationale Gesundheitssystem integrieren. Wenn das geschafft ist, wollen Emmrich und Knauss versuchen, ihr Modell auch in anderen afrikanischen Ländern einzuführen – etwa in Ghana. Aber auch in Madagaskar bleibt noch genug zu tun: Selbst das beste Gesundheitssparbuch kann fehlendes medizinisches und pflegerisches Personal, schwierige hygienische Verhältnisse und andere Probleme nicht wettmachen.

Heike Haarhoff ist freie Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

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