Amnesty Journal Katar 17. Juni 2021

Gemeinsam am Ball bleiben

Das Bild zeigt das Innere eines Fußballstadion, im Vordergrund die Silhouetten mehrere Bauarbeiter, die ein Baugerüst abbauen

Bauarbeiten am Al-Bayt-Fußballstadion, das für die Fußball-WM 2022 in der Nähe der katarischen Hauptstadt Doha errichtet wird (April 2019).

Keine Frage der nationalen Kultur, sondern eine der internationalen Verantwortung: Arbeitsschutz, Menschenrechte und die Fußball-WM in Katar 2022.

Ein Kommentar von Lisa Anke und Claudia Hülsken

Seit Katar als Austragungsort für die Fußballweltmeisterschaft der Männer 2022 ausgewählt wurde, steht das arabische Emirat im Zentrum internationaler Kritik. Denn bei der Errichtung neuer Stadien, Hotels und Flughäfen werden Bauarbeiter aus Ländern wie Bangladesch, Indien und Nepal ausgebeutet; in einigen Fällen kommen ihre Arbeitsbedingungen sogar Zwangsarbeit gleich. In den vergangenen zehn Jahren sind zahlreiche Menschen bei Bauarbeiten ­gestorben.

Nach internationalem Druck wurden zwar Reformen initiiert, diese werden jedoch nur unzureichend überwacht und umgesetzt. Das katarische Regime versucht, mit oberflächlichen und strategischen Reformen von negativen Schlagzeilen abzulenken und über die Strahlkraft einer Fußball-WM das eigene Image aufzupolieren.

Ausbeutung ausländischer Arbeitskräfte

Auch deutsche Fußballfunktionäre lassen sich von den Reformbemühungen blenden und neigen mitunter zu Fehleinschätzungen: So kommentierte der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München, Karl-Heinz Rummenigge, die katastrophale Menschenrechtslage in Katar mit den Worten, es sei "dort eine andere Kultur und Religion vorhanden". Selbst bei manchen Fans des Vereins stößt das auf Unverständnis. Alexander Fischer, der Pressesprecher des Bayern-Fanclubs "Club Nr. 12", stellt klar: "Bei den Umständen in Katar und der dortigen Menschenrechtslage will absolut keine Vorfreude oder Begeisterung auf das Turnier aufkommen."

Mit seiner Kritik steht er nicht allein; während Fußballfans zum WM-Boykott aufrufen (z.B. www.boycott-qatar.de), hat ein niederländischer Rasenspezialist seine Lieferung bereits abgesagt.

Doch würde ein Boykott des Events zu einer Verbesserung der Menschenrechtslage in Katar beitragen? Trägt womöglich jeder einzelne Fußballfan zu Hause am TV eine Mitverantwortung an der Ausbeutung, weil die Konsument_innen Teil des Profifußballsystems sind, das an ökonomischen Interessen ausgerichtet ist?

Die Menschenrechtsverletzungen im Vorfeld der WM 2022 in Katar sind Teil eines größeren Problems. Neben den Arbeitskräften auf den Baustellen gibt es noch zahlreiche Arbeitsmi­grant_in­nen, die in Privathaushalten schuften und dort ausgebeutet, teilweise misshandelt und sogar Opfer sexualisierter ­Gewalt werden.

Ein Boykott, der sich nur auf den Sport bezieht, würde das strukturelle Problem nicht lösen. Das gesamte Wirtschaftssystem Katars baut auf der Ausbeutung ausländischer Arbeitskräfte auf.

Der Druck muss von außen kommen. Die WM ist eine Gelegenheit, um internationale Aufmerksamkeit auf das Land zu lenken. Das Fanbündnis "ProFans" fordert den DFB dazu auf, die WM-Teilnahme abzusagen. Die kritischen Fans betonen: "Fußball ist mehr als nur ein Spiel. Fußball ist auch: gesellschaftliche und soziale Verantwortung."

Noch erfolgversprechender könnte es sein, sich gemeinsam für Regeln im internationalen Profifußball einzusetzen, die da­rauf abzielen, die Menschenrechte in WM-Austragungsländern tatsächlich einzuhalten. Dafür braucht es Druck auf die FIFA und nationale Fußballverbände, damit sie ihren Einfluss zur Verbesserung der Menschenrechtslage und zum Schutz von Arbeitnehmer_innen in Katar geltend machen.

Arbeitsrechtliche Reformen dürfen nicht nur auf dem Papier existieren, sondern müssen umgesetzt und überwacht werden. Faire Löhne müssen garantiert werden, der Zugang zur Justiz muss gewährleistet sein, und die Straflosigkeit ausbeuterischer Arbeitgeber_innen muss enden. Arbeitskräfte in Katar brauchen unsere Solidarität. Kurzum: Für die Menschenrechte müssen wir gemeinsam am Ball bleiben.

Lisa Anke und Claudia Hülsken sind in der Amnesty-Themenkoordinationsgruppe Gewerkschaften aktiv.

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