Amnesty Journal 22. November 2021

Für Menschenrechte, gegen Rassismus? Antirassismus verlangt mehr

Eine junge schwarze Frau mit Mundnasenschutz sitzt auf einer Bank auf einem Platz und hebt ihre linke Hand und ballt sie zu einer Faust.

Feven Kidane, Vancouver: "Ich war 16 Jahre alt und wurde zu einer Party eingeladen. Ich kam dort an, aber die Gastgeberin sagte, ich müsse wieder gehen. Ich ging die Treppe hinunter, und zwei ihrer Freunde kamen hinter mir her. Sie schlugen mich und beschimpften mich mit dem N-Wort."

Mein Weg zum Antirassismus ist unübersichtlich, voller verpasster Chancen, Bedauern und Entschuldigungen. Doch ich will ihn weitergehen.

Von Alex Neve

Ich weiß nicht, wo genau ich mich auf der Straße befinde, die zum Antirassismus führt. Ich weiß, dass ich mich auf den Weg gemacht habe, dass das Ende noch nicht in Sicht ist und dass ich unterwegs den Verkehrsschildern nicht immer die nötige Aufmerksamkeit gewidmet habe. Ich bin falsch abgebogen und habe auch Pausen eingelegt, für die keine Notwendigkeit bestand. Eine antirassistische Haltung ist mein Anspruch und meine Verantwortung, doch noch bin ich an diesem Ziel nicht angelangt. Dafür, und für vieles mehr, entschuldige ich mich. Ich bin fest entschlossen, es besser zu machen und ehrgeiziger zu sein.

In jüngster Zeit haben besorgniserregende Vorfälle individueller Rassismuserfahrungen und Fälle von systemischem Rassismus innerhalb von Amnesty International viel öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Tatsächlich nimmt die Debatte über Rassismus und andere Fragen im Hinblick auf das Wohlergehen der Mitarbeiter_innen von Amnesty International innerhalb der globalen Bewegung bereits seit mehreren Jahren an Fahrt auf. Dies gilt auch im weiteren Sinne für die Menschenrechtsbewegung – was auch richtig und nötig ist.

Zu lange war es den meisten Menschenrechtsorganisationen und vielen Menschenrechtsverteidiger_innen möglich, jedes Gefühl von Verschulden bzw. Verantwortlichkeit für Rassismus zu umgehen. Denn wir setzen uns doch gegen Rassismus ein! Wie kann es daher möglich sein, dass wir ihn aufrechterhalten oder verkörpern? Ich bin mir sicher, dass das in weiten Teilen auch mein eigenes Selbstbild war. Diese verleugnende Haltung müssen wir ablegen und uns auf einen Weg der Veränderung begeben.

Das ist unumgänglich und ist auch der Grund, weshalb es nicht ausreicht, wenn ich schlicht um Entschuldigung bitte – Entschuldigung dafür, dass ich bisher zu langsam war beim Zuhören, Lernen und Verändern meiner Einstellung. Worauf es ankommt, ist, dass ich die Ursachen verstehe. Warum war ich so langsam? Was stand dem Zuhören, Lernen und Verändern im Weg? Zuletzt haben Schwarze, Indigene und andere von Rassismus Betroffene durch die "Black Lives Matter"-Bewegung auf den Rassismus aufmerksam gemacht, der uns alle im täglichen Leben umgibt. Gemeint ist nicht nur der offensichtliche Rassismus seitens der Polizei, sondern der tief verwurzelte Rassismus, der überall und auch in uns selbst anzutreffen ist.

Das ist bei mir angekommen. Sicherlich bedeutet das, dass ich schon vor langer Zeit hätte dazulernen und mich verändern sollen. Als jemand, der sich für die Menschenrechte einsetzt, nickte ich, stimmte zu und beklagte die Zustände. Und ich handelte. Mit Überzeugung und Entschlossenheit, in Partnerschaft und Solidarität mit Menschenrechtsverteidiger_innen, Familien und Gemeinschaften nahm ich mich zahlreicher Rassismusfälle an.

Doch wie stand es mit den Lektionen und Veränderungen für mich? Habe ich mir ehrlich Gedanken gemacht über meine Rolle und meine Verantwortung? Es fängt langsam an, wenn auch viel zu spät. Und es gibt nur eine einzige Erklärung für diese Langsamkeit. Ich gestehe ein, dass es Rassismus selbst ist, der mich daran gehindert hat, meinen eigenen Rassismus anzugehen.

Ich hatte fast 21 Jahre lang eine Führungsposition bei Amnesty International Kanada inne. Ich war also auch in Jahren bei Amnesty beschäftigt, als mehr Erfahrungsberichte und Kritik hinsichtlich Rassismus laut wurden. Ich möchte mich daher von vornherein vorbehaltlos für Fälle entschuldigen, in denen ich Rassismus nicht erkannt, nicht verstanden oder nicht in Angriff genommen habe. Ich entschuldige mich dafür, dass ich als Führungsperson, als Kollege und als Freund nicht genug getan habe. Es gibt keine Rechtfertigung.

Meine Absicht ist es keinesfalls, mein Verhalten zu entschuldigen, umzudeuten oder zu erklären. Natürlich sind viele Komplexitäten und Nuancen im Spiel. Es gibt Raum für Missverständnisse. Einige mögen sich fragen, weshalb ich nicht über die wertvolle Arbeit spreche, die wir gemeinsam geleistet haben, um die Menschenrechte zu fördern. Arbeit, mit der Rassismus oftmals verurteilt und bekämpft wurde; Arbeit, die in vielen Fällen zu Veränderungen geführt hat. Ich honoriere diese Arbeit und bin sehr stolz auf sie. Doch das ist es nicht, womit sich mein Kopf und mein Herz heute befassen.

Vielmehr schreibe ich all dies, um mich mit meiner eigenen Verantwortung des Zuhörens, Lernens und Veränderns zu befassen. Und ich möchte einige Überlegungen teilen. Ich schreibe diese Zeilen ausdrücklich nicht, um Zeit und Raum einzunehmen, sondern als eine bescheidene Darlegung für andere, die sich auf einem ähnlichen Weg befinden.

1. Privilegien

Es ist leicht und mittlerweile alltäglich, sich den Kampf gegen weiße Privilegien als Hashtag auf die Fahnen zu schreiben. Ich bin mir bewusst, dass ich noch viel tun muss, um die Auswirkungen meiner eigenen enormen Privilegien anzuerkennen, zu verstehen und langsam zu bewältigen. Ich bin ein 59-jähriger weißer Anwalt, ein Kolonist und Cis-Mann aus dem Globalen Norden, der nicht mit Behinderungen lebt, der der Mittelschicht angehört, gesund ist, eine gute Bildung genossen hat, heterosexuell und verheiratet ist, Kinder hat und ein Haus besitzt. Meine gesamte Identität, meine Erfahrungen und damit auch meine gesellschaftliche Einstellung und Weltanschauung ist mit meinen Privilegien durchtränkt.

Ein junger Schwarzer Mann mit Mundnasenschutz trägt T-Shirt und eine leichte Jacke und steht mit den Händen halb in den Hosentaschen seiner Jeans vor einer Menschenmenge auf einem Platz.

Sheriff Jaiteh, 26, Surry: "Als ich nach Vancouver kam, sagten die Leute, hier gebe es keinen Rassismus. Mir ist klar geworden, dass er häufig nicht offen zutage tritt, aber es gibt rassistische Mikroaggressionen. Schwarze sind nicht die einzigen, die das trifft. Schauen Sie sich die indigene Ge- meinschaft in Vancouver an. Oder die asiatische Gemeinschaft."

Doch habe ich wirklich verstanden, welchen Einfluss das auf meine Menschenrechtsarbeit hat? Gestehe ich mir ein, wie privilegiert mein Bildungs- und Karriereweg gewesen ist? Ist mir bewusst, inwiefern meine weiße Privilegiertheit meine Fähigkeit beeinträchtigt, das gesamte Ausmaß an rassistischer Ideologie zu bemerken, das unsere Gesellschaft durchdringt und unsere Institutionen verzerrt – selbst die Institutionen, deren Ziel es ist, die Menschenrechte zu schützen? Bin ich mir sicher, dass mein Engagement für die Menschenrechte nicht von einem Weißer-Retter-Komplex überschattet wird? Habe ich verinnerlicht, was andere meinen, wenn sie auf meine Privilegien aufmerksam machen?

Auf jeden Fall habe ich dies mit der Zeit mehr und mehr versucht. Wenn ich jedoch ehrlich darüber nachdenke, merke ich, dass ich diesen Anspruch nicht selten verfehle. Ich denke hier an die zahlreichen Menschen aus aller Welt, die an vorderster Front die Menschenrechte verteidigen und die ich kennenlernen durfte. Wie oft habe ich gesagt, dass ihr Mut und ihre Widerstandskraft mich inspirieren und dass ich mich glücklich schätzen kann, meiner Menschenrechtsarbeit nachgehen zu können, ohne – wie sie – um mein Leben oder die Sicherheit meiner Kinder fürchten zu müssen. Schlicht anzuerkennen, dass ich mich glücklich schätzen kann, ist nicht dasselbe wie meine Privilegiertheit anzuerkennen und mich aktiv mit ihr auseinanderzusetzen.

Ich habe längst noch nicht alle Lektionen gelernt, und es ist nur richtig, in dieser Hinsicht nie auszulernen. Was ich weiß, ist, dass meine eigene weiße Privilegiertheit und das rassistische Gedankengut, das der Gesellschaft und unseren Institutionen zugrunde liegt, den Rahmen bildet für alle meine folgenden Überlegungen.

2. Inklusion und Raum

Habe ich die richtigen Fragen gestellt? Wer ist in diesem Moment mit am Tisch, in diesem Meeting, in dieser Kampagne? Und: Wer ist nicht hier, und warum ist das so? Wieso befinden sich nur weiße Gesichter im Raum? Egal, wie sorgfältig ich versucht habe, den vorhandenen Raum zu teilen, so habe ich doch sicherlich auch häufiger als geboten, Raum eingenommen, der nicht meiner war, und in der Folge andere außen vor gelassen oder verdrängt.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich begonnen habe, mich aktiver und bewusster zu fragen: Wer ist hier im Raum, wer sitzt am runden Tisch, und wer war nicht eingeladen? Ich weiß, dass ich mich diese Dinge oft gefragt habe und dass mir das wichtig war. Ich weiß auch, dass es Jahre gab, in denen mir diese Fragen nicht automatisch bewusst waren. Das hätte anders sein sollen.

Es tut mir leid, dass ich nicht durchgehend mehr Platz gemacht habe. Rückblickend bereue ich auch, dass ich meine Rolle als Generalsekretär von Amnesty Kanada nicht früher abgegeben habe. Meine Position war eine der profiliertesten Rollen in der kanadischen Menschenrechtsbewegung, und sie war mehr als zwei Jahrzehnte lang mit einem Mann besetzt, der sie dem starken Rückenwind seiner Privilegien zu verdanken hatte. Ich sichere aufrichtig zu, mir noch sorgfältiger bewusst zu machen, welchen Raum ich einnehme, wie ich diesen Raum nutze und mit wem ich ihn teile.

3. Prioritäten

In der routinemäßig überlasteten Welt der Menschenrechtsarbeit ist es allzu einfach, die Ablehnung neuer Vorschläge zu verteidigen, indem man Argumente anbringt wie "Wir haben nicht genügend Kapazitäten und Ressourcen". Derartige Argumente haben die Arbeit, die zur Bewältigung von Rassismus nötig ist, ausgebremst. Dies hat wieder mit Inklusion und Raum zu tun: Denn wer hat den Plan angefertigt, die Prioritäten beschlossen und die Ressourcen zugewiesen und wie? Und wer hat der Arbeit gegen Rassismus erst keine Priorität eingeräumt?

Ein schwarzer Mann mit Mundnasenschutz steht in einer Großstadt auf einer Brücke ans Geländer gelehnt, hinter ihm sind andere Menschen, jemand hält eine Handtrommel und einen Trommelstock in die Luft.

Winston Heron, 52, Vancouver: "Die Veränderung, die wir brauchen, beginnt in unserem Schulsystem. Bildung ist eine Institution. Wir müssen dort anfangen."

Im Jahr 2018 hinterfragten einige Kolleg_innen bei mir, warum Amnesty kein aktives Arbeitsprogramm gegen Rassismus in Kanada habe, insbesondere hinsichtlich der Polizeiarbeit. Meine erste Reaktion berief sich auf genau diese vier Worte: Plan, Prioritäten, Kapazität und Ressourcen. Doch wer auf einen Mangel an Kapazitäten und Ressourcen verweist, vermeidet eine ehrliche Konfrontation mit der Tatsache, dass meine eigene weiße Privilegiertheit sowie die der Organisation über viele Jahre hinweg stark dazu beigetragen haben, dass nicht bereits vor langer Zeit Kapazitäten für eine umfassendere Antirassismus­arbeit geschaffen wurden.

Natürlich sind Ressourcen und Kapazitäten begrenzt, und Amnesty musste schon immer schwierige Entscheidungen bezüglich Prioritäten treffen. Doch obwohl wir uns der Diversität verpflichtet haben, waren bei Amnesty Kanada über die Jahre hinweg nur sehr wenige Schwarze angestellt oder im Vorstand vertreten. Es ist daher keine Überraschung, dass eine Priorisierung und Zuweisung von Mitteln für Antirassismusarbeit nicht in der Organisation verankert war. Dies haben wir als Organisation zu verantworten. Ich gestehe ein, dass ich vor vielen Jahren nicht genug getan habe, um die Antirassismusarbeit im Herzen unserer Menschenrechtsprioritäten zu verankern.

4. Hören, Sehen und Handeln

Das Verbot von Rassismus ist ein wichtiger Eckpfeiler der universellen Menschenrechte. Tatsächlich ist Rassismus der Inbegriff eines Menschenrechtsthemas, bei dem die Verstöße allgegenwärtig und die Verantwortlichen nicht nur staatliche Akteure, sondern wir alle sind.

Ich weiß, dass ich zu oft nichts gegen eine rassistische Äußerung oder Handlung unternommen habe, dass ich bei einer ­unangemessenen Bemerkung mit rassistischem Unterton vielleicht unbehaglich das Gesicht verzogen oder bedeutungsvolle Blicke mit einer Kollegin gewechselt habe, wenn jemand anderes etwas sagte oder tat, das auf einem rassistischen Klischee ­basierte, mich aber nicht dagegen ausgesprochen und nichts ­gegen eine Mikroaggression unternommen habe, der ich beigewohnt oder von der ich später erfahren habe.

Doch was möglicherweise noch bedeutsamer ist: Wie oft habe ich weniger offenkundige, aber oftmals heimtückischere Fälle von Rassismus übersehen, Situationen, die rassistische Machtdynamiken widerspiegelten: Wessen Arbeit wurde nicht anerkannt, oder wer wurde nicht zu einer Besprechung oder Veranstaltung eingeladen? Ich habe all das nicht bemerkt und nicht darauf reagiert, weil ich nicht aufmerksam hingesehen habe; vermutlich deshalb, weil mir meine weiße Privilegiertheit die Sicht versperrte.

Ich werde künftig keine Ausflüchte mehr machen für Tatenlosigkeit, oder schlimmer, Teilnahmslosigkeit.

Die Neugestaltung der Menschenrechtsarbeit

Nur weil ich als Person und Amnesty International und andere Menschenrechtsgruppen als Organisationen uns der Bekämpfung von Menschenrechtsverletzungen und der universellen Achtung der Menschenrechte verschrieben haben, was das Verbot von Rassismus einschließt, heißt das nicht, dass wir das immer auf die zielführendste Art und Weise tun oder auf diesem Weg den Rassismus nie aufrechterhalten bzw. zu ihm beitragen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR) vor langer Zeit tatsächlich als allgemein und universell angenommen haben. Gleichzeitig müssen wir uns bewusst machen, was von Rassismus betroffene Wissenschaftler_innen schon lange betonen: Wer zu Beginn dieses Weges im Jahr 1948 mit am Tisch saß, und wer absichtlich ­außen vor gelassen wurde, und was das für uns heute bedeutet.

Die UNO hatte damals 58 Mitglieder. Das Ausmaß der Ausgrenzung war schwindelerregend und reflektierte die Tatsache, dass unter dem rassistischen Joch des Kolonialismus nur einige ausgewählte Länder frei und vertreten waren: drei Staaten südlich der Sahara (Südafrika unter der Apartheid, das sich bei der Abstimmung für die AEMR enthielt; sowie Äthiopien und Liberia, die beide für die Erklärung stimmten), sieben Länder des ­Nahen Ostens und Nordafrikas und sieben Länder aus ganz Asien. Nicht an diesem Tisch vertreten waren die ­indigenen ­Gemeinschaften und ihre Ansichten. Die Erklärung über die Rechte der indigenen Völker wurde erst 59 Jahre später angenommen.

In den 73 Jahren seit der Annahme der AEMR hat sich das Konzept der Universalität in vielerlei Hinsicht bewährt, was sich an der globalen Verbreitung von Menschenrechtskonzepten, -einrichtungen, -instrumenten, -sprecher_innen und -verteidiger_innen ablesen lässt. Doch stellen sich nicht nach wie vor ungelöste, grundlegende Fragen hinsichtlich Macht, Freiheit und Gleichberechtigung aus der Zeit, als alles begann, und bezüglich der Einschränkungen, unter denen diese Rechte damals formuliert wurden? Wissenschaftler_innen und Aktivist_innen mit Rassismuserfahrung stellen sich diese Fragen schon seit Jahrzehnten. Das internationale Menschenrechtssystem hat größtenteils und kollektiv darin versagt, diese Kritik zu verinnerlichen und anzupacken; ein erneutes Beispiel für Rassismus als Hürde zur Bewältigung von Rassismus.

Lernen und zuhören

Was für das internationale Menschenrechtssystem gilt, gilt auch für Menschenrechtsorganisationen. Amnesty International beispielsweise wurde 1961 gegründet. Die Mitgliedschaft stammte fast ausnahmslos aus dem Globalen Norden, und das Mandat der Organisation beschränkte sich in den ersten 40 Jahren auf eine Handvoll wichtige bürgerliche und politische Rechte. Es stellt sich die Frage, ob diese historischen Gegebenheiten auch heute noch Spuren hinterlassen, die vielleicht sogar dafür sorgen, dass Elemente des systemischen Rassismus aufrechterhalten werden?

Ich möchte mich ernsthafter damit auseinandersetzen, wie die Einschränkungen und Fehlvorstellungen überwunden werden können, die uns in der Menschenrechtsarbeit davon abhalten, den Kern des fortdauernden Rassismus zutage zu fördern. Und, was am wichtigsten ist: Ich möchte von Wissenschaft­ler_in­nen, Expert_innen und Aktivist_innen, die von Rassismus betroffen sind, lernen und ihnen aufmerksam zuhören, denn sie müssen hierbei eine zentrale Rolle spielen.

Hier sind einige der Einschränkungen, die mir einfallen: Gleichheit ist der Grundstein der Menschenrechte. Wir betonen in der Menschenrechtsarbeit, dass kein Recht wichtiger ist als das andere. Das ist ein wichtiger Ansatz und verfehlt gleichzeitig einen Kernpunkt. Noch bevor die spezifischen und unteil­baren Rechte angesprochen werden, heißt es in der AEMR in ­Artikel 1: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren." Wenn wir dieses Grundversprechen nicht einlösen, können wir nichts anderes aufbauen. Geschlechtergerechtigkeit, Gleichbehandlung ohne Unterschied der ethnischen Zugehörigkeit, soziale Gerechtigkeit, Gleichwertigkeit von Menschen aller Fähigkeiten, volle und intersektionale Gleichberechtigung. Ohne Gleichheit ist die freie Meinungsäußerung bedeutungslos, Bildung eine Illusion, faire Gesundheitsversorgung nicht gegeben und das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person bestenfalls rudimentär gegeben.

Eine schwarze Frau mit einem Pullover mit dem Aufdruck "Black Magic" steht in einer Großstadt vor einem abgesperrten Platz, auf dem sich Menschen versammelt haben, und lächelt; sie trägt eine Baseballmütze.

Orene Askew, 37, Vancouver: "Ich bin gemischt. Das ist eine neue Wort- kombination, ich lerne sie gerade, afro-indigen. Ich habe auf einen Freund gewartet, bin zum Training gegangen und wurde nach meinem Führer- schein und meiner Zulassung gefragt, obwohl ich legal auf der Straße geparkt habe. Ich bin es leid, dass mir so etwas passiert."

Selbstbestimmung ist das erste gemeinsame Recht in den grundlegenden internationalen Verträgen, in denen es um ­bürgerliche und politische sowie um wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte geht. Es steht an der Spitze der interna­tionalen Menschenrechte, wird darüber hinaus jedoch nur ­spärlich betrachtet. Dabei ist dieses Recht derart grundlegend für so viele schwierige Ausprägungen des Rassismus und anderer Ungleichheiten in unserer Welt. Um die Verwirklichung des Rechts auf Selbstbestimmung voranzubringen, müssen wir uns mit Dekolonialisierung beschäftigen. Das Recht auf Selbstbestimmung mag oftmals politisch brisant oder umstritten sein, doch wir können es uns nicht leisten, dieses Recht länger zu ­ignorieren.

Nord und Süd

In zahlreichen Menschenrechtsverträgen wird die Bedeutung von Internationalismus und globaler Zusammenarbeit beteuert, allerdings nicht als verbindliche Vertragsbestimmung. Weltweit ist der Wohlstand in vielerlei Hinsicht so ungleichmäßig verteilt wie nie zuvor, und damit ist auch die Ungleichstellung so ausgeprägt wie noch nie. Dies zeigt sich schonungslos daran, wer in der weltweiten Corona-Pandemie leichten Zugang zu Impfstoffen hat. Wir müssen das Narrativ unbedingt vom Unterton der Wohltätigkeit, Hilfe und Unterstützung weglenken und stattdessen Verantwortlichkeit, Wiedergutmachung und ­Reparationen in den Mittelpunkt stellen.

Kriminalisierung ist menschenrechtlich gesehen ein aufge­ladenes Konzept. Wir verurteilen den Einsatz des Strafrechts zur Unterdrückung und Bestrafung von freier Meinungsäußerung, politischer Aktivität und Religionsfreiheit. Doch wir befassen uns nur zurückhaltend mit anderen Blickwinkeln auf Kriminalität und kritisieren nur zögerlich die Art und Weise, wie sie dazu verwendet wird, um Rassismus zu zementieren, Gleichbehandlung zu untergraben und Ungerechtigkeit aufrechtzuerhalten. Wir müssen uns fragen, was aus menschenrechtlicher Perspektive legitim kriminalisiert werden kann und was nicht. Zudem muss rigoros hinterfragt werden, welche Rolle die Polizei bei der Durchsetzung dieser "Straf"-Rechte spielt bzw. spielen soll.

Führungsstärke und Solidarität müssen sich besser ausgleichen, doch dies ist nur selten der Fall. Trotz erheblicher Fortschritte werden Menschenrechtskampagnen häufig immer noch vom Globalen Norden ausgerichtet. Immer regelmäßiger werden Fragen, Bedenken und Vorwürfe hinsichtlich Weißer-Retter-Komplexe laut. Die größere Frage ist, ob wir nicht allzu oft in unserer Menschenrechtsarbeit mit dem Finger von Norden gen Süden zeigen. Sollten wir nicht lieber die Konversation ausbalancieren, marginalisierte Personen und Gemeinschaften stärken und uns eingestehen, welche Verantwortung wir für herrschende Ungerechtigkeiten übernehmen müssen?

Macht, das Herzstück von allem. Nichts hat direkteren Einfluss auf die Menschenrechte als die Verteilung von Macht und wie sie eingesetzt, missbraucht und denjenigen vorenthalten wird, die am stärksten unter ihr leiden. Doch in der Menschenrechtsarbeit schleichen wir um dieses Thema herum. Halten ­alles "Politische" auf Distanz. Beziehen keine Stellung zu Ideo­logien, Wahlen, Militarisierung, Landesgrenzen, Wirtschafts­modellen, Handelsabkommen und obszöner Anhäufung von Reichtum. Menschenrechte statt Politik.

Mir sind der Wert und die Bedeutung von Unparteilichkeit bei der Verteidigung der Menschenrechte stark bewusst. Doch wenn wir nicht gleichzeitig einen Weg finden, Machtstrukturen anzugehen, spielen wir dann nicht eine Rolle in der Aufrecht­erhaltung von Systemen, die grundlegend rassistisch und von Menschenrechtsverletzungen gekennzeichnet sind? Das internationale Menschenrechtssystem muss sich direkter und auf der Basis von Grundsätzen wie Gleichheit, Selbstbestimmung, Internationalismus und Solidarität mit Macht auseinandersetzen.

Und nun?

Mein Weg hin zum Antirassismus. Fehler, zweifelsohne. Schaden, leider ja. Verpasste Chancen, sicherlich. Bedauern und ­Entschuldigung, absolut, aber nicht genug. Unvollkommen, ja. Übersichtlicher Weg, schön wär’s. Bereit zu lernen, erwartungsvoll und gespannt. Entschlossenheit, vollkommen und ebenfalls gespannt. Demut und ein wachsendes Bewusstsein, dazu verpflichte ich mich.

Mit freundlicher Genehmigung gekürzter, von Alexandra Reuer aus dem kanadischen Englisch übersetzter Nachdruck des Textes "Being for human rights and against racism does not, an anti-racist make", der im Mai 2021 in Alex Neves Weblog Moving Rights Along ­erschienen ist (www.alexneve.ca/blog).

Alex Neve, Jahrgang 1962, war zwei Jahrzehnte lang Generalsekretär von Amnesty International in Kanada. Seit dem Jahr 2020 unterrichtet er Internationale Menschenrechte an zwei kanadischen Universitäten.

Bilder: Der Fotojournalist Alec Jacobson hat im Juni 2020 Teilnehmer_innen einer antirassistischen Demonstration in Vancouver (Kanada) befragt, welche Erfahrungen sie mit Rassismus gemacht haben.

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