Amnesty Journal Indien 25. September 2018

Schüler der Menschen

Ein Mann mit Brille sitzt vor einer weißen Wand und blickt in die Kamera

Colin Gonsalves

Colin Gonsalves erstritt in Indien ein Recht auf Nahrung, das inzwischen in der Verfassung festgeschrieben ist.

Von Benjamin Breitegger

Colin Gonsalves Klienten können sich nicht mal ein Busticket zu seinem Büro leisten. Der indische Menschenrechtsanwalt kommt deshalb zu ihnen in die Dörfer oder in die Slums. Gonsalves vertritt die Armen und Benachteiligten: Menschen mit Behinderung, HIV-Positive, Tagelöhner, Indigene, Gefangene, Opfer von Umweltkatastrophen oder Menschenhandel. Ihnen möchte er zuhören, an ihrem "täglichen Kampf" teilhaben, wie er sagt.

Colin Gonsalves, 66, weißes Haar, gewinnendes Lächeln, ­arbeitet seit fast zwei Jahrzehnten am Supreme Court in Delhi. Er kämpft für die muslimischen Rohingya, die die indische Regierung vertreiben möchte, und vertritt Angehörige von Opfern der indischen Armee. 2001 feierte er seinen größten Erfolg: Er setzte das Recht auf Nahrung durch. Es steht seitdem in der indischen Verfassung. Kostenloses Mittagessen für Schulkinder, subventioniertes Getreide – all das gab es damals zwar theoretisch. Doch die Regierung setzte die Programme nicht um, was Gonsalves mit Statistiken nachwies. Heute erreicht das öffentliche Vertriebssystem für Lebensmittel mehrere Hundert Millionen Menschen. Und Gonsalves arbeitet dafür, dass es so bleibt. "In dem Moment, in dem man die Konzentration verliert, wird die Regierung sich von ihren Aufgaben zurückziehen", sagt er.

Politisiert wurde Colin Gonsalves in den siebziger Jahren. Während er Bauingenieurswesen studierte, streikten die Eisenbahner landesweit für den Achtstundentag und bessere Löhne. Die damalige indische Premierministerin Indira Gandhi ließ Eisenbahner und Oppositionelle festnehmen und verhängte den Ausnahmezustand, der zwei Jahre lang andauern sollte. Indien war in Aufruhr. Colin Gonsalves engagierte sich in der Gewerkschaft. "Ich war nun Teil der Arbeiter, die rechtliche Vertretung brauchten." Also schrieb er sich erneut an der Universität ein, diesmal für Jura, und arbeite schon vor Abschluss seines Studiums als Jurist. "Ich zog einen schwarzen Mantel an, band mir eine schwarze Krawatte um und argumentierte vor Arbeitsgerichten", erzählt er lachend. "Nur weil ich einen schwarzen Mantel und eine Krawatte trug, hieß das doch nicht, dass ich mich als Anwalt ausgab."

Eine Richterin hätte ihn schließlich augenzwinkernd darauf hingewiesen, er möge doch sein Studium abschließen. Das tat er, beschäftigte sich mit Arbeitsrecht, später mit Strafrecht. 1989 gründete er das Human Rights Law Network, ein Netzwerk aus rund 150 Menschenrechtsanwälten in Indien. Es bringt Klagen im öffentlichen Interesse ein. Das Wissen der Arbeiter werde genutzt, um ihre Rechte durchzusetzen, sagt Gonsalves. Im vergangenen Jahr gewann er für sein Engagement den Right Livelihood Award, auch bekannt als Alternativer Nobelpreis. "Die Auszeichnung kommt zu einer Zeit, in der Indien durch eine dunkle Zeit geht und Menschenrechtsaktivisten unter Druck gesetzt werden", sagte er, als er den Preis entgegennahm.

Seit 2014 ist in Indien Premier Narendra Modi an der Macht. "Die Regierung glaubt an Bürger zweiter Klasse, an die Herrschaft durch Gewalt", sagt Gonsalves. Doch er lässt sich nicht entmutigen. Klagen gegen Dammprojekte, durch die die Landbevölkerung vertrieben wird, würden er und seine Mitstreiter oft verlieren. Vergewaltigung in der Ehe ist in Indien noch immer kein Straftatbestand. Aber Gonsalves ist überzeugt: "Alle Rückschläge sind nur temporär." Es gebe diese Vorstellung, dass Juristen den Menschen das Recht beibringen, sagt er. Das sei komplett falsch. "Ich war immer Schüler, die einfachen Menschen waren meine Lehrer." Er betrachte seine Klienten immer als "Quelle des Wissens und der Weisheit".

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