Amnesty Journal Griechenland 04. Oktober 2021

Bretter, die die Welt bedeuten

Drei Männer stehen auf einem sandigen Platz beim Cricket-Spiel, einer von ihnen schlägt gerade, wobei eine kleine Staubwolke entsteht.

Ein Stück alte Heimat: Flüchtlinge aus Pakistan beim Cricketspiel (Rhodos, Griechenland).

Sie nehmen es sportlich: Viele Pakistanis haben ihr Land verlassen. Einige hat es nach Rhodos verschlagen. Das ist kein Zufall, denn dort finden sie Arbeit, Solidarität, Gemeinschaft. Und Cricket.

Aus Rhodos von Frauke Gans

Eben war es noch völlig still auf dem Sandplatz im Park am Stadtrand von Rhodos. Bis plötzlich von allen Seiten Männer in Grüppchen auf das Feld laufen und sich Begrüßungen auf Urdu zurufen, der Amts- und Verkehrssprache Pakistans. Nach kurzem Geplänkel verteilen sie sich und spielen unter lautem Jubel Cricket, ihren Nationalsport.

Tourist_innen erwarten auf Rhodos lange Strände, antike Mauern und griechisches Urlaubsflair. Diese Hoffnung wird nicht enttäuscht. Durch die von der Sonne aufgeheizten uralten Gassen wehen duftende Grillschwaden, und aus den offenen Hauseingängen dringt griechische Musik. In fast jeder Blickrichtung liegt das überwältigend blaue Meer.

Von dort sind Tanveer und Abbas gekommen. Nach einem Gewaltmarsch, der sie aus Pakistan durch den Iran und die Türkei führte. Ihr Ziel war immer die kleine Insel Rhodos. Außer ­etwas Kleidung, Geld und einem Handy hatten sie ein Stück alte Heimat im Gepäck: Cricket. Spaziergänger_innen auf der Insel stolpern deshalb manchmal von der griechischen Szenerie in eine pakistanische.

Zu Hause wartet die Familie auf Geld

Denn wenn sich Teams zum abendlichen Schlagabtausch treffen, verwandeln sich die Parks der Ägäis zu Sportplätzen der pakistanischen Diaspora. Viele Pakistanis fliehen vor Armut und Gewalt. Auf Rhodos finden manche, was sie gesucht haben. Zwischen ihren Stimmen sind auch griechische und englische zu hören: Die Leidenschaft für ihre Sportart baut Brücken auch zu anderen Interessierten.

Tanveer und Abbas hielten es für ein Abenteuer, als sie in Sheikhupura und Rawalpindi aufbrachen, um auf Schleichwegen all die Grenzen in Richtung Europa zu überqueren. Auch der Rest ihres Cricketteams war mit naiven Vorstellungen losgelaufen. "Unterwegs wurde uns bewusst, auf was wir uns eingelassen hatten. Wir sind auf der Route verhaftet und verprügelt worden. Aber es gab kein Zurück. Zu Hause wartet die Familie auf Geld, denn es fehlt an Arbeit und einem staatlichen Sozialsystem", ­erklärt Tanveer, während er auf seine Position schlendert.

Neben Pinien, Palmen und Eichen säumen antike Mauern die Cricketellipse, in der sich das zusammengewürfelte Team eingefunden hat. Einige sind im traditionellen Kaftan erschienen, andere in Arbeitsuniform. Das Altersspektrum reicht von Spielern, die gerade ihre Pubertät hinter sich gelassen haben, bis zu Rentnern. Die Stimmung auf dem Sandplatz ist ausgelassen. Sie alle haben viel riskiert, um dort zu stehen.

Tanveer deutet auf einen Mitspieler, der sich bis auf Bauchnabelhöhe hinter zwei Brettern positioniert hat: Sie dienen als Alternative zu den "Stumps", Holzstäben, die es beim Cricket umzuwerfen gilt, und die es auf Rhodos nicht gibt. "Als er in ­Pakistan aufbrach, war seine Tochter vier Jahre alt." Seit fünf Jahren arbeite er in Europa und schicke das Geld an seine Familie. "Er kann nicht nach Hause fliegen, um sie zu besuchen, weil seine Aufenthaltserlaubnis hier abgelaufen ist." Würde er nach Pakistan reisen, müsste er mit Hilfe von Schleppern den lebensgefährlichen Rückweg antreten, um wieder an seine insgesamt drei Arbeitsplätze in Griechenland zu kommen. Skype-Telefonate erleichtern die Trennung. Und natürlich Cricket.

Drei junge pakistanische Männer stehen auf einer sandigen Fläche und spielen Cricket; einer von ihnen wirft gerade, die anderen blicken konzentriert in die Flugrichtung des Balles.

Erklärt manchmal Zuschauer_innen die Regeln: Abbas als Werfer (Rhodos, Griechenland).

Abbas stellt den Engländer im Team vor: "Schräg hinter mir, das ist Jon." Der begutachtet grinsend seine blutende Hand: "Das kommt davon, wenn man ohne Handschuh fängt." Jon stammt aus dem Süden Englands und lebt ebenfalls auf Rhodos. Aber er kam mit einem Ferienflieger. Irgendwann setzte er sich an den Spielfeldrand, und Abbas bat ihn, mitzuspielen. "Wer das Feld betritt, lässt alles andere hinter sich. Probleme und soziale oder kulturelle Unterschiede verschwinden beim Cricket. Es ist eine Lebensart." Als Abbas ihn ansprach, lief Jon ohne zu zögern in Richtung Abschlag, wo ihm ein Cricketschläger in die Hand gedrückt wurde, den er voller Bewunderung inspizierte: "Sieht aus wie aus dem Fachgeschäft." Das gilt auch für den Ball, den er eben ohne Handschuh gefangen hat.

Haben sie die Ausrüstung etwa im Rucksack über die Berge und das Mittelmeer geschleppt? Abbas lacht: "Nein, so verrückt nach Cricket ist vermutlich niemand. Aber zu unserem Glück gibt es auf Rhodos kleine Asia-Läden, in denen wir die Utensilien bestellen können." Ein Handschuh gegen blutige Finger fehlt zwar noch, genau wie die "Stumps". Aber vorerst erfüllen die Bretter ihren Zweck.

Von Symi nach Rhodos

Auf der Insel Symi gestaltete sich die Beschaffung der Cricketausrüstung kniffliger. Bereits Ende der 1990er Jahre erreichten Flüchtlinge die winzige Nachbarinsel von Rhodos. Es waren ­Afghanen, die in pakistanischen Camps aufgewachsen waren, nachdem sie mit den Eltern in den 1980er Jahren vor dem Angriff der sowjetischen Armee geflohen waren. In Griechenland suchten sie eine Heimat, fanden auf der kleinen Felseninsel eine vorübergehende Bleibe und für ihr Cricketspiel das einzig flache Fleckchen: ein Feld inmitten der steinigen Umgebung.

Symi besteht ansonsten nur aus steilen Hängen, an die sich bunte Häuser schmiegen. Die Traumkulisse lockt jedes Jahr Tausende Tourist_innen auf die Insel. Doch weil es hier weit und breit keine Asia-Läden gab, mussten zunächst selbst geschnitzte Schläger aus Olivenholz und Bälle aus alten Kabeln als Ausrüstung dienen. Bis einige der vielen Engländer_innen, die im Sommer die Insel besuchen, entweder Ausrüstung mitbrachten oder sie per Post an Inselbewohner_innen schickten, die sie dann an die Spieler weitergaben. So konnte bald auch auf der felsigen Insel Cricket gespielt werden.

Ohne Aufenthaltserlaubnis keine Wiedereinreise

Bis auf zwei Afghanen, die auf Symi ihre große Liebe fanden, haben inzwischen alle die Insel wieder verlassen. Dagegen war Rhodos für Tanveer, Abbas und die Cricketmannschaft von Beginn an ihr finales Ziel. Doch warum wollten sie ausgerechnet hierher? "Weil bei uns Teamwork auch jenseits des Spielfelds wichtig ist", erklärt Abbas. "Wenn jemand aus Pakistan einen Ort findet, an dem man sicher leben kann und Arbeit findet, dann folgen Freunde und Familienmitglieder. Sie können dann bei der Ankunft erst mal bei ihm unterkommen und sich später gegenseitig unterstützen."

Anders als Abbas und Tanveer, die Poloshirts und Jeans tragen, laufen einige Spieler in dünnen Hemden aus einem der China-Läden über das Feld. "Meine Familie in Pakistan hat einen Bauernhof und Landbesitz", erzählt Tanveer. "Aber viele haben keinen Grundbesitz. Unser Fänger hat zum Beispiel kaum Geld, muss aber vier minderjährige Schwestern zu Hause versorgen. Das bisschen, was er hatte, ging an die Schlepper. Einige haben sogar Schulden, weil sie sich das Geld für die Reise leihen mussten. Wenn die Familie eines Neuankömmlings in Pakis­tan dringend Hilfe braucht, legen wir zusammen, bis er etwas verdienen kann. Auch der Weg hierher ist gemeinsam sicherer. Unser jüngster Mitreisender war 13 Jahre alt. Wir haben auf ihn aufgepasst."
 

Eine Gruppe von pakistanischen Männern hat sich zu einem Gruppenfoto aufgestellt auf einer sandigen Fläche, hinter ihnen stehen grüne Bäume und Büsche.

Spiel der Heimat: Tanveer, Abbas und andere Cricketspieler aus Pakistan (Griechenland, Rhodos).

Teamwork ist auch bei Mietverträgen gefragt. Die Mitglieder des Cricketteams, die gültige Papiere haben, unterschreiben für all jene mit, die ihren Duldungsstatus verloren oder nie erhalten haben. Früher war Griechenland recht freizügig, was Aufenthaltsgenehmigungen anging. Doch dann kam die Finanzkrise, und viele Griech_innen verließen ihr Land, um das zu suchen, was Tanveer und Abbas hier zu finden hofften: Arbeit und ein funktionierendes Sozialsystem. Doch weil die anderen EU-Staaten Griechenland mit den Flüchtlingen alleinließen, schränkte das Land die Aufenthaltsgenehmigungen ein. Für einige der Pakistanis auf Rhodos bedeutet das, dass sie ihre Familie nie wieder sehen können. Denn ohne Aufenthaltserlaubnis keine Wiedereinreise.

Geschlossenes Flüchtlingscamp

Es gab auf Rhodos eine Art Flüchtlingscamp, ein ­ehemaliges Schlachthaus im Hafen, zwei Kilometer Luftlinie vom Spielfeld entfernt. Das Gebäude hatte keine Fensterscheiben mehr und war mit Folien abgedichtet. Wenn der Andrang groß war, wurden zusätzlich Zelte aufgestellt. Doch keiner aus dem Cricketteam nahm Kontakt zu den Flüchtlingen auf. "Dort wohnten die, die nach Nordeuropa wollten", sagt Tanveer. "Denn Griechenland ist voll." Mittlerweile hat die Stadt das Camp aufgelöst, und die Menschen wurden nach Lesbos und Athen gebracht.

Doch Tanveer, Abbas und das Cricketteam haben auf Rhodos eine kleine Überlebensnische gefunden. Und ihr Zusammenhalt macht sogar Cricketmeisterschaften möglich. Dafür sind pro Spiel mindestens 22 Spieler nötig. "Dann treten zum Beispiel alle Pakis­taner aus Rhodos-Stadt gegen die aus Trianda von der anderen Inselseite an", erzählt Abbas. Für Laien ist das Cricketspiel schwer zu durchschauen, aber manchmal bleiben Spaziergänger_innen stehen, wenn die Spieler Luftsprünge machen oder durch die Staubwolken spurten.

Um die Anwohner_innen nicht zu nerven und weil einige Mitspieler keine Aufenthaltserlaubnis haben, wechseln Tanveer, Abbas und das Team regelmäßig das Spielfeld. Denn eine so große Ansammlung ausländischer Menschen, die keine Tourist_innen sind, könnte eine Polizeikontrolle zur Folge haben. Doch meist schaut die Polizei weg. Wer arbeitet und sich anpasst, wird eher nicht behelligt.

Mit Griech_innen in Kontakt kommen

"Meist werden wir höflich behandelt", erklärt Tanveer. "Ich habe hier als Tellerwäscher angefangen. Dann wurde mir das Kochen beigebracht. Manchmal gibt es Vorbehalte, weil ich aus einem islamischen Land stamme. Doch im Prinzip lässt man uns hier in Ruhe leben, wenn wir uns einfügen."

Am Spielfeldrand betrachtet eine Gruppe älterer Griech_innen skeptisch das Treiben. "Wozu sind denn die Bretter?" Abbas nimmt sich eine Auszeit, setzt sich mit auf die Bank und erklärt die Spielregeln. Bis ein Mann ihn unterbricht: "Stimmt es, dass du als Flüchtling 350 Euro im Monat vom Staat erhältst?" Mehr als das griechische Arbeitslosengeld, das nur ein Jahr lang bezahlt wird, und mehr als mancher an Rente bezieht. "Nein, ich bekomme nichts. Ich arbeite für mein Geld." Der Mann klopft Abbas anerkennend auf die Schulter.

"Die Situation ist nicht einfach für uns. Aber wir schätzen das Land, weil es ein funktionierender Rechtsstaat ist. Wird uns Unrecht getan, hilft uns die Polizei. Sind wir krank, werden wir im Krankenhaus mit Fürsorge und Respekt behandelt. Das ist in Pakistan keine Selbstverständlichkeit. Dort kommt man nur zu seinem Recht, wenn man Bestechungsgeld zahlen kann. Hier sind wir sicher", sagt Tanveer. "Ich hege keinerlei Groll gegen Pakistan", betont Abbas. "Doch unsere Zukunft liegt auf Rhodos. Hier wurden wir aufgenommen, hier haben wir Arbeit gefunden." Und er läuft zurück zu seinem Abschlagspunkt, um ein Stück seiner alten Heimat zu genießen.

Frauke Gans ist freie Journalistin.Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

HINTERGRUND

Pakistani in aller Welt

In Pakistan tragen ausgewanderte Landsleute den Namen "Overseas Pakistani". Derzeit fallen weltweit um die neun Millionen Menschen in diese Kategorie. Jedes Jahr stellen etwa 50.000 pakis­ta­ni­sche Staatsangehörige in anderen Ländern ­einen Asylantrag. Sie fliehen vor Diskriminierung, Unruhen, Korruption und miserablen Lebensumständen. Rund 19 Milliarden Euro fließen aus der Diaspora jährlich nach Pakistan zurück. Vor 15 Jahren umfassten diese Transfers nur gut vier Milliarden Euro.

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