Amnesty Journal Georgien 25. September 2018

Raus aus dem Gefängnis

Ein Junge steht auf einem Aussichtspunkt und schaut durch ein Fernglas

Anderer Blickwinkel. Oberhalb von Tiflis.

Georgien ist Gastland der Frankfurter Buchmesse. Aus diesem Anlass wurden zahlreiche Werke erstmals ins Deutsche übersetzt. Sie zeigen eine politisch engagierte Literaturszene.

Von Maik Söhler

Eingeklemmt zwischen Russland im Norden und der Türkei im Südwesten liegt Georgien am Rande Europas. Die EU bemüht sich um eine vorsichtige Annäherung, die aber weder die Regionalmacht Türkei noch den Kaukasus-Hegemon Russland vergrätzen soll. Umgekehrt klemmt Georgien Abchasien und Südossetien ein, die als Teile des Landes angesehen werden, aber seit Jahren schon abtrünnig sind und von Russland in ihrem Streben nach staatlicher Unabhängigkeit unterstützt werden.

Wer nun denkt, Georgien sei allein aus geopolitischen Gründen von Interesse, der kann sich auf der Frankfurter Buchmesse eines Besseren belehren lassen. Das Gastland wird sich dort ­vielschichtig präsentieren, wie ein Blick in die zahlreichen Neuerscheinungen aus und über Georgien zeigt. An die hundert Werke sind 2018 auf den Markt gekommen, darunter Koch- und Weinbücher, Atlanten, Reiseführer und historische Darstellungen, aber auch erstmals ins Deutsche übersetzte Literatur – ­Anthologien, Lyrik, Essays, Kurzgeschichten, Märchen und ­Kinderbücher sowie zahlreiche Klassiker.

Streben nach Unabhängigkeit

Einer dieser Klassiker ist Tschabua Amiredschibis "Data Tutaschchia. Der edle Räuber vom Kaukasus". In den frühen 1970er Jahren in der Sowjetunion erschienen und auf Anhieb bei russischen und georgischen Leserinnen und Lesern gleichermaßen beliebt, erzählt der Roman auf knapp 700 Seiten von ­Gerechtigkeit und Freiheit. In einer Mischung aus Robin-Hood-Geschichte und traktatähnlicher Reflexion schildert er die Unabhängigkeitsbestrebungen Georgiens im Schatten des zaristischen Russlands. Hinzu kommen philosophische Diskurse um Gemeinsinn und Individualität sowie Befreiungsprosa, die sich gegen das repressive Zarenregime und sein System aus Polizei, Kosaken, Spitzeln und Tausenden Gefängnissen richtet.

"Gefängnisrevolten sahen wir als unabdingbaren Teil der allgemeinen Volksbewegung an. Es ging uns darum, die Grundlage der bestehenden Rechtsordnung – die Gefängnisse – einzureißen. Können Sie sich einen Polizeistaat vorstellen, in dem die Empörung der Massen eine solche Macht gewinnt, dass sogar die Gefängnisse unter dem Druck dieser Empörung bersten?", fragt ein Zeitgenosse des Protagonisten Data Tutaschchia.

Es ist kein Zufall, dass Teile des Werkes im Gefängnis spielen, saß sein Schöpfer Amiredschibi doch zwischen 1944 und 1959 in russischer Haft. Erst nach der Entlassung und Rehabilitation in der Post-Stalin-Ära konnte er sich bis zu seinem Tode im Jahr 2013 dem Schreiben widmen. Wer wenig Zeit hat, sich mit der georgischen Literatur zu beschäftigen, sollte zumindest sein Werk lesen.

System Gulag und Ende der Sowjetunion

Ebenfalls im Gefängnis spielt Lewan Berdsenischwilis Buch "Heiliges Dunkel. Die letzten Tage des Gulag", und auch dieses Werk ist biografisch geprägt. Berdsenischwili verbrachte die Jahre 1984 bis 1987 als politischer Häftling in einem Gefangenen­lager, nachdem man ihn wegen "antisowjetischer Agitation und Propaganda" verurteilt hatte. Als sich Georgien aus der unter­gehenden Sowjetunion befreite, wurde er Direktor der georgischen Nationalbibliothek und später auch Parlamentsabgeordneter.

"Heiliges Dunkel" spielt in einem Strafgefangenenlager in der russischen Republik Mordwinien, während die Perestroika, die das Ende der Sowjetunion einleiten wird, schon in der Ferne aufscheint. Berdsenischwili tritt als Ich-Erzähler auf und schildert voller Humor die Gefängnishierarchie, die Briefzensur und seine nicht immer unproblematischen Mithäftlinge. Eine wichtige Rolle im Gefängnisalltag spielen Musik, Fußball, Philosophie, Literatur und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die er als "die Bibel der politischen Häftlinge" bezeichnet. "Heiliges Dunkel" ist ein Buch, in dem derbe Flüche und fein ziselierte Ironie harmonisch zusammenfinden.

Auch Aka Morchiladzes "Der Filmvorführer" spielt überwiegend zu der Zeit, als Georgien zur Sowjetunion gehörte. Der ­Protagonist Beso ist dabei, erwachsen zu werden, und seine Zukunftsaussichten sind alles andere als rosig. Just in dieser Phase wird er von der Roten Armee eingezogen und nach Afghanistan geschickt. Dass er den Krieg überlebt, verdankt er seinem Freund, dem ­alten Filmvorführer Islam Sultanow, der ihm auch nach seiner Rückkehr in allen Lebensfragen beisteht.

Wählte Morchiladze in seinem Roman "Reise nach Karabach" (Amnesty Journal 06-07/2018) mit Gio eine Hauptfigur aus der Hauptstadt Tiflis, so begibt er sich dieses Mal aufs Land. Beso lebt im Westen Georgiens in einem Dorf, in dem familiäre und ländliche Traditionen, lange Wege und Langeweile das Dasein prägen. "Der Filmvorführer" ist ein ruhiger Roman über Liebe, Freundschaft und Nähe in einer Welt, die sich mit dem Ende der Sowjetunion rasant verändert.

Abtrünnige und Aufbrüche

Die Sowjetunion hinter sich gelassen hat Gela Tschkwanawa in "Unerledigte Geschichten", nicht aber den Einfluss Russlands. Sein Roman handelt von der Region, auf die der georgische Staat seit 1993 keinen Einfluss mehr hat und die sich, von Russland unterstützt, als "Republik Abchasien" eigenstaatlich gibt. Im Amnesty-Report 2017/18 heißt es dazu: "Die russischen Streitkräfte und die De-facto-Behörden der abtrünnigen Regionen ­Abchasien und Südossetien schränkten die Bewegungsfreiheit über die Verwaltungsgrenzlinie hinweg weiterhin ein. Sie nahmen zahlreiche Personen wegen ›illegalen‹ Grenzübertritts ­vorübergehend fest und verurteilten sie zu Geldstrafen."

Im Zentrum des Romans steht Sochumi, die abchasische ­Geburtsstadt des Autors, in der 1993 Tausende Georgier von ­abchasischen Separatisten, russischen und tschetschenischen Kämpfern ermordet wurden. "Unerledigte Geschichten" zeigt, wie schwierig das Gedenken an jenes Massaker bis heute ist.

Ganz auf die Gegenwart bezogen ist hingegen die Lyrikerin Bela Chekurishvili. Ihr Gedichtband "Barfuß" kreist um die ­Annäherung Georgiens an den Westen und die Visafreiheit, die Reisen in die EU vereinfacht. "Wir sind ein Teil von dieser Luft geworden, wir sind die Traumerfüller unserer Ahnen, wir selber sind der offene Raum, wir selber sind die überschrittenen Grenzen. Und freie Pässe sind wir selber auch." In Chekurishvilis Reimen ist die Sowjetunion nur noch Erinnerung, aktuell hingegen ist der Aufbruch, die Veränderung, die Unsicherheit, das Alte zu verlassen und das Neue noch nicht erreicht zu haben.

Tschabua Amiredschibi: Data Tutaschchia. Aus dem Georgischen von Kristiane Lichtenfeld. Kröner, Stuttgart 2018. 696 Seiten, 29,90 Euro.

Lewan Berdsenischwili: Heiliges Dunkel. Aus dem Georgischen von Christine Hengevoß. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2018. 264 Seiten, 25 Euro.

Aka Morchiladze: Der Filmvorführer. Aus dem Georgischen von Iunona Guruli. Weidle, Bonn 2018. 136 Seiten, 19 Euro.

Gela Tschkwanawa: Unerledigte Geschichten. Aus dem Georgischen von Susanne Kihm und Nikolos Lomtadse. Voland & Quist, Dresden 2018. 240 Seiten, 20 Euro.

Bela Chekurishvili: Barfuß. Aus dem Georgischen von Norbert Hummelt und Lika Kevlishvili. Wunderhorn, Heidelberg 2018. 90 Seiten, 19,80 Euro.

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