Amnesty Journal Deutschland 04. November 2020

"Rein in den konstruktiven Streit"

Dunja Hayali sitzt auf einer Couch und blickt nach links und lächelt und gestikuliert mit den Händen während eines Gesprächs.

Dunja Hayali im Berliner Amnesty-Sekretariat am 28. September 2020. Die Journalistin wurde von Amnesty International mit dem Ehrenpreis des Marler Medienpreises Menschenrechte 2020 ausgezeichnet.

Die Journalistin Dunja Hayali geht für ihre Recherchen gern ­dahin, wo es weh tut – etwa auf Demonstrationen von ­Verschwörungstheoretikern und Corona-Leugnerinnen. Dabei wird sie häufig zur Zielscheibe für Anfeindungen und Hate Speech. Für ihren Mut verleiht ihr Amnesty International den Ehrenpreis des Marler Medienpreises Menschenrechte 2020.

Gespräch: Markus N. Beeko

Was bedeutet es für Sie, nicht nur eine öffentliche Person zu sein, sondern auch ein Role Model für viele junge Menschen?

Ich würde mich nie so sehen und auch nicht so beschreiben. Dennoch weiß ich, dass ich in dieser Rolle wahrgenommen werde. Daraus entsteht ein gewisser Druck und auch eine große Verantwortung. Es ist immer wieder ein Abwägen, inwieweit ich mich zu gewissen Dingen äußere. Es geht mir dabei immer um Haltung, Argumente, Inhalt, Erfahrung, nicht um Ideologien.

Woran orientieren Sie sich dabei?

Ich habe für mich eine Art Messlatte aufgelegt, und die versuche ich nicht einzureißen. Dazu gehört fair, offen, unparteilich und unparteiisch zu sein. Zu meinem Selbstverständnis als Journalistin gehört es weiterhin, rauszugehen zu den Menschen und ihren Geschichten. Ablehnung zu ertragen ist – bis zu einer gewissen Grenze – manchmal Teil meines Jobs. Wir leben in einem Land, wo jeder fast alles sagen darf. Das ist wichtig und richtig. Angriffe auf Journalisten wegen ihres Arbeitgebers, ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung oder was auch immer sind allerdings ein Armutszeugnis und für mich nicht akzeptabel.

Was geht Ihnen durch den Kopf auf Corona-Demos, über die Sie berichten?

Was vielen durch den Kopf geht: Was ist los mit diesen Menschen? Was treibt sie an? Schauen sie nur auf sich oder auch über den Tellerrand? Ich verstehe eine gewisse Ratlosigkeit und Hilflosigkeit. Und daraus resultierend auch Wut. Das Virus hat einige Menschen in sehr schwierige Situationen gebracht, und es ist nicht einfach, mit einer unklaren und sich ständig verändernden Faktenlage umzugehen. Ungewissheit auszuhalten, ist eine Herausforderung. Aber das, was wir in ­Teilen auf der Straße erleben, ist nicht mit einer einfachen ­Erklärung zu erklären oder mit "ich bin besorgt" oder "ich bin wütend" zu rechtfertigen.

Wie erklären Sie sich diese Wut der Menschen?

Ich glaube, manche verstehen nicht den Unterschied zwischen Hass, Hetze, Beleidigung, Morddrohung und einer Meinung – oder wollen ihn nicht verstehen. Deshalb muss das Unsagbare auch unsagbar und das Undenkbare auch undenkbar bleiben. Heutzutage wird ein Diskurs oft und schnell auf ein Dafür und ein Dagegen reduziert. Schublade auf, Schublade zu. Das gilt für alle Seiten, für alle Blasen in den asozialen Medien und zunehmend auch außerhalb. Das ist keine Art der Diskussion, wie ich sie führen möchte.

Was wäre stattdessen wichtig?

Wo ist denn das Sowohl-als-Auch und das Dazwischen? Die Frage ist, wo es Räume gibt, in denen wir uns begegnen können. Ich würde mir wünschen, dass wir mehr Orte der Begegnung schaffen, wo Menschen zusammenkommen, die aus unterschiedlichen Welten stammen: jung, alt, Stadt, Land, arm, reich. Ganz oft habe ich den Eindruck, dass wir uns ablenken lassen von den ganzen Nebengeräuschen und nicht mehr auf das schauen, was wichtig ist. Für Sie sind vielleicht andere ­Dinge wichtig als für mich. Wir müssen miteinander sprechen, anstatt immer zu denken, zu glauben, zu wissen, was der andere denkt oder will. Also, her mit dem Dialog, rein in den konstruktiven Streit.

Markus N. Beeko ist Generalsekretär von Amnesty International Deutschland e.V.

MARLER MEDIENPREIS MENSCHENRECHTE

DER PREIS

Mit dem Marler Medienpreis Menschenrechte werden Medienschaffende gewürdigt, die sich in ihrer Arbeit mit dem Themenfeld Menschenrechte befassen. Der Preis wird seit 2001 von Amnesty International vergeben. Ausgezeichnet werden Beiträge in den Sparten Magazin Inland, Magazin Ausland sowie Dokumentation Inland und Dokumentation Ausland. Zusätzlich werden Ehren- und Sonderpreise vergeben.

DIE PREISTRÄGER 2020

2020 ging der Ehrenpreis an die Journalistin Dunja Hayali. Der Sonderpreis wurde für den Beitrag "Aufbruch ins Ungewisse" (WDR) vergeben. Ausgezeichnet wurden außerdem die Dokumentationen "Kriegsverbrecher in Deutschland – Jagd auf Assads Schergen" (MDR) und "Das Wunder von Nairobi" (ZDF, Arte) sowie die Reportagen "Hilflos, obdachlos, chancenlos. Das Elend der Flüchtlinge in Italien" (Monitor, WDR) und "China Cables. Kommunistische Partei geht gegen Muslime vor" (Weltspiegel, NDR, BR).

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