Amnesty Journal Deutschland 16. Dezember 2022

Digitales Gedenken

Kein Vergessen: Mit Stolpersteinen wie diesem will Gunter Deming an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern (Berlin, Budapester Straße).

Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte 1992 den ersten Stolperstein. 30 Jahre später erinnern europaweit mehr als 90.000 dieser Gedenksteine an die Opfer des Nationalsozialismus. Apps führen das Gedenken im Digitalen fort.

Von Tobias Oellig

Seit 1992 erinnert der Künstler Gunter Demnig mit sogenannten Stolpersteinen an das Schicksal von Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verschleppt, vertrieben, ermordet oder in den Suizid getrieben wurden: Jüd*innen, Sint*izze und Rom*nja, Homosexuelle, politisch Verfolgte, Zeug*innen Jehovas und Opfer der sogenannten Euthanasie. Demnig und Helfende verlegen die kleinen Betonquader mit einer Messingplatte auf der Oberseite auf dem Gehweg vor den letzten, frei gewählten Wohnorten der Verfolgten. Auf der Platte erinnert eine Gravur mit dem Namen, den Lebensdaten sowie dem Sterbeort an das Schicksal der Opfer. Gunter Demnig will auf diese Weise den Millionen Menschen, die vom NS-Regime zu Nummern degradiert und vernichtet wurden, ihre Identität zurückgeben und die Erinnerung an sie wachhalten.

Größtes dezentrales Mahnmal der Welt

In den vergangenen 30 Jahren haben Demnig und Freiwillige europaweit mehr als 90.000 Stolpersteine verlegt. Sie gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Demnigs Arbeit erfuhr seither viel Zuspruch. Oftmals regte sich aber Widerstand, auch in der jüdischen Gemeinde. Für viel Aufsehen sorgte die Kritik Charlotte Knoblochs, der ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland. Sie empfand die Verlegung der Pflastersteine als eine Entwürdigung der Opfer, weil ihr Andenken auf diese Weise "mit Füßen getreten" werde. Demnig ließ sich nicht abhalten und konterte gleichermaßen bildlich: Um die Inschrift der Steine auf dem Gehweg lesen zu können, müssten die Menschen sich bücken – sich also vor den Opfern verbeugen. Und alle, die über die Steine gingen, würden mithelfen, die Erinnerung blank zu polieren.

Ein Mann mit Hut kniet auf einem Gehweg vor einer Baustellenabsperrung und verlegt Steine im Kopfsteinpflaster vor seinen Füßen, eine Frau beobachtet ihn dabei und ein Kind macht ein Foto mit einem Handy.

Gunter Deming bei der Arbeit: Die Stolpersteine gelten als größtes dezentrales Mahmal der Welt.

Den allerersten Stein verlegte Demnig am 16. Dezember 1992 vor dem Kölner Rathaus. Anlass dafür war der 50. Jahrestag des Befehls von Heinrich Himmler, Sint*izze und Rom*nja aus Köln zu deportieren. In dem Bundesland, in dem das Projekt seinen Anfang nahm, wird Demnigs Werk nun digital erweitert. "Stolpersteine NRW" ist ein Projekt des Westdeutschen Rundfunks (WDR). Via App und als Browser-Anwendung ermöglicht es einen interaktiven Zugang zum Thema Nationalsozialismus. Die Hintergrundinformationen des Projekts stammen unter anderem aus der israelischen Shoah-Gedenkstätte Yad Vashem, dem Gedenkbuch des Bundesarchivs, den bis zu 30 Jahre alten, analogen Stolpersteinakten und aus handschriftlichen Notizen von Gunter Demnig.

Digitale Stolpersteine

App und Website machen die Geschichten der Menschen hinter den inzwischen knapp 16.000 Stolpersteinen in Nordrhein-Westfalen digital erlebbar. Auf der Website sind die Stolpersteine verknüpft mit computergestützten Zusatzinformationen wie Texten, Illustrationen und historischen Fotos, kurzen Hörspielen oder Grafiken. Auch Gedenken ist möglich: An jedem einzelnen Stein kann man eine digitale Kerze anzünden. Kuratierte Routen leiten per GPS von Stolperstein zu Stolperstein. Ein interaktiv verknüpftes Glossar liefert Hintergrundinformationen.

Das Projekt "Stolpersteine NRW" bietet darüber hinaus reichlich kostenloses Lehr- und Arbeitsmaterial zum Download für Schulen und zahlreiche Anregungen für Lehrer*innen, wie sie das Thema in verschiedenen Schulfächern vermitteln können. Ganz im Sinne Gunter Demnigs wird so dafür gesorgt, dass das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus Zukunft hat. Ans Aufhören denkt übrigens auch der inzwischen 75-jährige Künstler noch lange nicht: Im Juni 2023 will er den 100.000-sten Stein verlegen.

Zum Projekt: https://stolpersteine.wdr.de

Tobias Oellig ist freier Reporter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International  wieder.

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