Amnesty Journal Deutschland 22. November 2018

Mundart macht's Maul auf

Zwei Männer spielen Gitarre

Der Musiker Roland Hefter mit seiner Band.

Der Rechtsruck in Bayern hat die Musikszene alarmiert. Von Heimatmusik über Reggae bis Rap sind in den verschiedensten Genres Protestsongs entstanden.

Von Daniel Bax

Bayern ist in Bewegung. Der Rechtskurs der CSU und der Einzug der AfD in den Landtag haben auch die lokale Musikszene aufgeschreckt und zu musikalischen Statements für eine offene und solidarische Gesellschaft motiviert.

Das erfolgreichste war wohl der Song "Mia ned" der Initiative "Künstler mit Herz" rund um den Münchner Mundart-­Liedermacher und Musik-Kabarettisten Roland Hefter. Der 50-jährige Sänger mit den schulterlangen strähnigen Haaren, der gern Lederhose trägt, ist ein Lokalmatador, der sonst eher harmlos-humoristische Lieder über "Urlaub auf der Wiesn" oder "Dirndlschleifen" singt. Doch die AfD hat ihn so aufgeregt, dass er sich in dem Song "Mia ned" intensiv mit ihrem Programm auseinandergesetzt hat.

Zum Blaskapellen-Schunkelrhythmus zitiert er die Positionen der AfD zu Gleichberechtigung, Klimaschutz, Inklusion und öffentlich-rechtlichem Rundfunk und kommentiert sie sarkastisch. Im Video sieht man ihn mit einem Freund telefonieren, der ihm eröffnet, die AfD wählen zu wollen, woraufhin der Musiker die Treppe hinunterhastet, sich eine Gitarre greift und auf der Straße einen Protestmarsch beginnt. Mit der Zeit schließen sich ihm immer mehr Menschen an, die Gruppe wird immer größer, man lacht und tanzt. "Des, was die wirklich woin, wui koa echter Bayer ham", lautet sein Fazit. Auf YouTube erzielte der Clip Hunderttausende Aufrufe, auf Facebook über zwei Millionen. 

Auch der bayerische Reggaebarde Hans Söllner ließ sich zu einem musikalischen Kommentar zum Rechtsruck hinreißen. Mit der Blaskapelle Banda Internationale (Amnesty Journal 08-09/2017) aus Dresden, die dort regelmäßig bei Anti-Pegida-Kundgebungen auftritt, nahm er den schmissigen Song "Rassist" auf. Im Refrain schimpft Söllner: "Du scheiß Rassist, schau, dass di schleichst, des is mei Heimat und ned dei Reich." Anders als Roland Hefter ist Söllner schon lange für seine deftigen politischen Seitenhiebe auch gegen die CSU bekannt. Weil er sich seit jeher öffentlich für die Legalisierung von Marihuana einsetzt, wurden gegen den bajuwarischen Rastafari aus Bad Reichenhall schon mehrfach Ermittlungsverfahren wegen des ­Besitzes von Betäubungsmitteln eingeleitet.

In München wiederum schlossen sich 18 Rapper zusammen, um einen gemeinsamen Track gegen die AfD und gegen rechte Hetze aufzunehmen. Das Stück trägt den programmatischen ­Titel "#wirsindmehr", unter dem das Protestkonzert gegen die rassistischen Ausschreitungen in Chemnitz stattfand. Die Initiatoren des Münchner Songs, Jens Hellmund alias Yen aka Audijens, Robby Classic und RaKeem, sind lokale Szenegrößen. Auf Old-School-Beats mit Philly-Soul-Sample zeigen sie gemeinsam mit anderen Rappern der AfD den Stinkefinger. "Menschen, die ertrinken, sind Menschen, die ertrinken", rappt Sleezy. "So etwas verpflichtet zum Helfen und verbindet."

Die Haltung der AfD zu Flüchtlingen ist auch das, was Roland Hefter am meisten empört, auch wenn er das Thema in seinem Song gar nicht erwähnt. "Das Allerschlimmste im Parteiprogramm ist, dass sie die Seenotrettung abschaffen wollen", sagte der Mundartsänger der konservativen Tageszeitung Münchner Merkur. "Das finde ich so unmöglich, Menschen bewusst absaufen zu lassen, nur um andere abzuschrecken, nicht nach Europa zu kommen. Das finde ich so was von furchtbar, unmenschlich und unchristlich."

Musik- und Filmtipps

Iranisch-israelische Liebe

Liraz Charhi ist eine bekannte israelische Schauspielerin und Sängerin iranischer Herkunft. Ihre Eltern emigrierten beide kurz vor der Islamischen Revolution von 1979 aus dem Iran. Sie selbst wuchs in Israels persisch-jüdischer Gemeinschaft auf, in der die Traditionen des Herkunftslandes gepflegt wurden. In Los Angeles, wo sie sich mehrfach zu Dreharbeiten aufhielt, tauchte sie in die dortige persische Exil-Community "Tehrangeles" und deren Musikszene ein. Dort wird die Erinnerung an die Stars der Schah-Ära, wie die legendäre Sängerin Googoosh, die nach der Revolution den Iran verlassen musste, um ihre Karriere weiter verfolgen zu können, noch sehr hochgehalten. Auf ihrem Album "Naz" erinnert Liraz an diese "verlorenen Stimmen des Iran", die nach der Revolution nur noch vor einem gleichgeschlechtlichen Publikum oder gar nicht mehr auftreten durften. Das Album ist in gewisser Weise ein feministisches Manifest, das die Freiheit iranischer Frauen feiert. Auf Songs wie "Shirin Joon" und "Nozi Nozi" verbindet sie die altmodischen Melodien mit den zeitgemäßen, frischen elektronischen Beats des Produzenten Rejoycer aus Tel Aviv. Im Song "Nozi Nozi" macht sie sich über das iranische Konzept des "Noz" lustig, der immer freundlichen Ehefrau, die ihren Ehemann auf subtile Weise nach ihrer Pfeife tanzen lässt. "Naz" schlägt ein neues Kapitel in den kulturellen Liebesbeziehungen zwischen ­Israel und Iran auf, die vom ritualisierten Säbelrasseln der Regierungen regelmäßig übertönt werden.

Liraz: Naz (Dead See Recordings / Indigo)

Politik goes Pop

Mathangi "Maya" Arulpragasam alias M.I.A. wurde als Kind eines Mitbegründers der tamilischen Unabhängigkeitsbewegung Tamil Tigers in Sri Lanka geboren. Früh floh sie mit ihrer Mutter nach London. Sie landete in der Musikszene und verband Street Art und alle erdenklichen Kulturen zu einem einzigartigen Konglomerat aus Dancehall, Electrobeats und mindestens zwanzig anderen Stilen. Noch heute nimmt sie, egal wo ihre Auftritte sie hinführen, mit lokalen Musikern Platten auf – ohne zu wissen, was dabei herauskommt. Sie weiß alles über Mode und was ihre Zeichen den Menschen bedeuten, läuft selbst aber am liebsten im Jogginganzug herum. Ihre Kunst versteht sie als dezidiert politisch: Die Parteinahme für die Rebellengruppe Tamil Tigers stößt auf Kritik, wenn nicht Zensur. Mehrfach wurden ihre Videos auf You­Tube und anderen Portalen zur Überarbeitung oder Kürzung zurückgegeben oder gleich gelöscht. In einem mitreißenden Dokumentarfilm zeigt Regisseur Stephen Loveridge anhand von Archivmaterial aus den vergangenen 22 Jahren, darunter viele Bilder und Videos aus dem Familienarchiv, wie Politik als Popmusik funktionieren kann. M.I.A. steht ständig auf Kriegsfuß mit Musikindustrie und Medien, fordert Gerechtigkeit und die Einhaltung der Menschenrechte, und die Kamera läuft stets mit. Loveridges Porträt ist ein treibender Mix aus Musikfilm, Migrationsgeschichte und politischer Standpunktforschung jenseits simpler Ikonenverehrung. Ab ins Kino!

"Matangi/Maya/M.I.A." USA/GB/Sri Lanka 2018.

Regie: Stephen Loveridge. Seit 22. November im Kino

Kritisch musikalisch

Ganz in der Tradition lateinamerikanischer Cantautores steht die kolumbianische Sängerin Marta Gómez. Seit ihrem Studium am Bostoner Berklee College of Music lebt sie in den USA, hat seit 2001 mehrere Alben veröffentlicht und dafür zwei Grammys gewonnen. Ähnlich wie die großen Sängerinnen des Nueva Canción Violeta Parra und Mercedes Sosa bereichert sie ihre sanften akustischen Balladen mit folkloristischen Anleihen aus den vielfältigen Stilen des südamerikanischen Kontinents. In ihren filigranen Kompositionen, die sich zwischen Folk, Jazz und Pop bewegen, begegnet einem das Echo kolumbianischer Cumbias, argentinischer Zambas, ­peruanischer Landos und mexikanischer Boleros. Panamerikanisch war auch der Ansatz, vor zwei Jahren ihren Song "Para la Guerra, Nada" ("Für den Krieg: rein gar nichts") über Skype mit Künstlern aus verschiedenen Ländern, von Argentinien über Peru bis Kolumbien, einzuspielen. Damit machte sich die Künstlerin für den Waffenstillstand in ihrem Heimatland Kolumbien stark, mit dem 2016 der über 50 Jahre währende Konflikt mit der Guerilla beendet wurde. "La Alegria y el Canto" ("Die Freude und der Gesang") ist ihr zwölftes Album, auf dem sie Alltagsgeschichten, persönliche Betrachtung und Sozialkritik verbindet. Denn eine sozialkritische Haltung ist für lateinamerikanische Cantautores selbstverständlich.

Marta Gómez: La Alegria y el Canto (Aluna) 

Frachtgut Flüchtlinge

Markus Imhoof ist auf eigentümliche Weise zum Thema Migration gekommen. Als er ein Kind war, nahmen seine Eltern ein italienisches Flüchtlingskind bei sich in der Schweiz auf. Mit dieser Erinnerung im Hinterkopf wirft er einen Blick auf die aktuelle europäische Flüchtlingspolitik. Für seinen Film "Eldorado" begab er sich auf ein Schiff der italienischen Kriegsmarine vor der libyschen Küste mit Hunderten von Bootsflüchtlingen an Bord. Nachtsichtgeräte, Wärmebilder, Scheinwerfer, Helikopter: Imhoof zeigt eine industrielle Infrastruktur, den Apparat, der der Rettung dient. Die verängs­tigten Gestalten in den Booten wirken dabei seltsam allein gelassen, beinahe wie Frachtgut. Dann das Flüchtlingslager in Italien: Wer dort wieder herauskommt, landet in der illegalen Landarbeit. Der Tomatenanbau floriere aufgrund der Migration, kommentiert der Regisseur. Dabei haben es die Männer mit der Feldarbeit vergleichsweise noch gut. Frauen werden häufig zur Prostitution gezwungen. Die produzierten Nahrungsmittel werden in die Länder Afrikas zurückexportiert, wo sie per Niedrigpreis die heimischen Märkte zerstören. "Eldorado" arbeitet mit krassen Bildern: Auf die grob-­expansive Agrarpolitik der Europäischen Union gehört ein grober Keil. Der Film erhielt bei der Vergabe des diesjährigen Amnesty-International-Filmpreises auf der Berlinale eine lobende Erwähnung.

"Eldorado". CH/D 2018. Regie: Markus Imhoof, DVD, 14,99 Euro

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