Amnesty Journal Deutschland 25. Mai 2022

Ausgezeichnet und angefeindet

Porträt eines jungen Mannes mit sehr kurzem lockigen Haar und Hornbrille, der lächelt; er trägt einen kurzen Bart.

Setzt sich dafür ein, dass Geflüchtete in Deutschland bleiben können: Mohammed Jouni

Mohammed Jouni setzt sich dafür ein, dass Geflüchtete in Deutschland bleiben können. Dafür hat er das Bundesverdienstkreuz erhalten – und jede Menge Hass.

Von Böbe Barsi

An einem Abend im Oktober wartet auf Mohammed Jouni zu Hause ein Brief. Der 36-jährige Sozialarbeiter macht den Umschlag auf, liest den Text ein paar Mal und googelt dann die Bedeutung von "Verdienstmedaille des Verdienst­ordens". Absender des Briefs ist das Bundespräsidialamt, das ihn über seine Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz informiert – die höchste Anerkennung für bürgerschaftliches Engagement in Deutschland.

Jouni ist ein Berliner Aktivist libanesischer Herkunft, der 2005 die Selbstorganisation Jugendliche ohne Grenzen (JoG) mitbegründete. Als Lobbygruppe junger Geflüchteter spielte sie eine zentrale Rolle, als 2007 die sogenannte Altfallregelung verabschiedet wurde. Sie ermöglichte es vielen geduldeten Geflüchteten, die seit Langem in Deutschland lebten, ein Bleiberecht zu erhalten. Unter anderem wegen seines Beitrags zu diesem Gesetz wurde Jouni ausgezeichnet.

Flucht als unbegleiteter Minderjähriger

Er kam mit zwölf Jahren selbst als unbegleiteter Minderjähriger nach Deutschland. Aufgrund der politisch instabilen Lage in den 1990er Jahren hielten seine Eltern den Libanon für einen unsicheren Ort. Kurz nachdem seine Eltern 1998 nachgekommen waren, wurde sein Vater von der Familie getrennt und in den Libanon abgeschoben. Später kam er nach Deutschland ­zurück und lebte dort mehr als sieben Jahre lang ohne Papiere. Jounis Mutter, die zum Zeitpunkt der Abschiebung schwanger war, wurde mit ihren vier Kindern in ein Lager gebracht. Für die Familie war das keine einfache Zeit. "Ich bin mir absolut ­bewusst, was das für einen Wert hat, was meine Eltern für uns ­getan haben", sagt Jouni.

Zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes im November 2021 lud er Menschen ein, die eine zentrale Rolle in seinem Leben in Deutschland spielten. So etwa die Anti-Rassismustrainerin Sanchita Basu, die ihm und anderen mit ihrem Engagement zum Vorbild wurde: "Sie half uns zu verstehen, dass Rassismus eine Struktur ist, die eine lange historische Kontinuität hat", sagt Jouni. Auch Walid Chahrour, der Leiter des Beratungs- und Betreuungszentrums für junge Geflüchtete und Migrant*innen in Berlin (BBZ) zählte zu den Gästen. "Dank ihm fing ich an zu begreifen, dass ich Rechte habe und mich beteiligen kann."

Dank ihm fing ich an zu begreifen, dass ich Rechte habe und mich beteiligen kann.

Walid
Chahrour
Leiter des Beratungs- und Betreuungszentrums für junge Geflüchtete und Migrant*innen in Berlin (BBZ)

Die Freude über die Auszeichnung wurde jedoch bald getrübt. Am Tag der Verleihung veröffentlichte die Zeitung taz ein Interview mit Jouni. Kurz darauf gab es hasserfüllte Kommentare in den Online-Netzwerken. In kürzester Zeit fand sich der Bundesverdienstkreuz-Aktivist in einem Shitstorm wieder. Jouni hat sogar Morddrohungen per E-Mail erhalten. Er erstattete Strafanzeige. Nun ermittelt die Polizei.

Jouni erzählt, es habe gedauert, bis er sich vom ersten Schock erholt habe. Doch inzwischen könne er all dem sogar ­etwas Positives abgewinnen: "Ich betrachte diese Hassnachrichten auch als Bestätigung unserer Arbeit und meiner Überzeugung", sagt er. Einfach war seine Arbeit nie: "Das Zusammen­leben mit anderen Menschen ist immer kompliziert. Konflikte treten immer auf, wo Menschen sich begegnen, egal ob wir es wollen oder nicht." Wichtig sei es, Wege zu finden, mit Konflikten und Herausforderungen produktiv umzugehen.

Böbe Barsi ist freie Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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