Amnesty Journal Deutschland 04. Juni 2018

Genervt von den Vorwürfen

Fußballfans auf der Tribüne im Stadion umgeben von einer Rauchwolke

Randale, Bambule, Cottbuser Schule! Energie-Fans im Stadion der Freundschaft, Januar 2016

Rechte Fangruppen geben den Ton an bei Energie Cottbus. Das stört moderate Anhänger des Klubs – doch sehen sie eher die Medien als Gegner als die Nazis in den eigenen Reihen.

Von Hannah El-Hitami, Cottbus

Als schwarz vermummte Fans von Energie Cottbus im April 2017 beim Spiel gegen den SV Babelsberg 03 den Platz stürmten, saß Urmel zu Hause vor dem Fernseher. Während im Gästeblock der Hitlergruß gezeigt und "Arbeit macht frei!" skandiert wurde, dachte sie sich: "Oh Gott, warum denn schon wieder wir?"

Urmel heißt eigentlich Bianca Eifert-Koch, ist 29 Jahre alt und seit Juli 2017 die gewählte Sprecherin der Cottbuser Fanszene. Dass rechtsextreme Gruppierungen aus Cottbus ausgerechnet das Spiel gegen den antirassistisch engagierten Potsdamer Verein störten, wundert sie nicht. "Wer provozieren will, der fährt natürlich zu so einem Spiel", sagt sie ruhig und ohne zu überlegen an einem spielfreien Nachmittag im Stadion der Freundschaft. "Es ist halt nur schade, dass es wieder uns trifft."

Ein gutes Jahr liegt das Skandalspiel zwischen dem SC Babelsberg 03 und dem FC Energie Cottbus nun schon zurück. ­Besondere Empörung erregte damals, dass der Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) beide Vereine zu Geldstrafen wegen ­Pyrotechnik verdonnerte, Hitlergrüße und antisemitische Rufe der Cottbuser jedoch ungestraft ließ. Die Vorfälle sorgten in ganz Deutschland für Schlagzeilen. "Fanszene von Energie Cottbus im Griff von Rechtsextremen" titelten die Potsdamer Neuen Nachrichten, "Im Würgegriff der Rechten" der Spiegel.

Neu ist das Thema nicht. In Cottbus existiert schon seit ­vielen Jahren eine starke rechtsextreme Szene – in der Stadt und im Stadion. Als besonders gefährlich gilt die Ultra-Gruppe Inferno Cottbus, gegen die der Staatsschutz ermittelt. Deren Mitglieder waren seit 1999 aktiv, ehe sie sich im Mai 2017 offiziell auflöste, nur um im Anschluss zu versuchen, die verbliebene Fanszene unter eigener Führung zu vereinen. Die Polizei geht von etwa 100 Mitgliedern und einem Kern von zehn bis zwanzig "Rädelsführern" aus, die Straftaten wie Körperverletzungen begehen. Der Verein selbst hat sich seit den Vorfällen beim Brandenburg-Derby in Babelsberg immer wieder gegen Rechtsextremismus positioniert. Runde Tische wurden ins Leben gerufen und Gremien für Vielfalt gegründet. Doch allmählich ist die Fan- und Fußballszene genervt vom Nazistempel.

Das leidige Thema Rechtsextremismus

An diesem Frühlingsnachmittag steht Urmel am Zaun des leeren Stadions der Freundschaft. Über ihren glatten blonden Haaren trägt sie eine eng anliegende schwarze Mütze, auf die ein kleines rot-weißes Megaphon und "Fansprecher FCE" genäht sind. Urmel war in ihrer Jugend ein Riesenfan von "Urmel aus dem Eis" und ließ sich den Namen sogar auf ihr Fußballtrikot drucken. Seitdem nennt sie kaum noch jemand Bianca. Im Stadion der Freundschaft sah sie mit zwölf Jahren ihr erstes Spiel. Energie verlor. Trotzdem wurde sie zum ersten FCE-Fan ­ihrer Familie und zwei Jahre später einer der ersten weiblichen Ultras in Cottbus.

Eine blonde Frau steht vor einer Wand, auf der mit roter und weißer Farbe Zahlen und Buchstaben gemalt sind.

Stimme der Fans. Bianca Eifert-Koch alias Urmel

"Damals saß ich ganz rechts oben", sagt sie und zeigt auf die Osttribüne des leeren Stadions. An der Südtribüne ist ein Banner über die Sitze gespannt: "Energie für Vielfalt und Toleranz" steht rot auf weißem Hintergrund. Heute steht Urmel bei Spielen an der Nordwand, dem einzigen Bereich mit Stehplätzen, dem Bereich der Ultras. Dort hat trotz der offiziellen Auflösung die rechte Ultra-Gruppe Inferno Cottbus das Sagen. Sie bestimmt, wer Transparente aufhängen darf. Lange Zeit gab es von Seiten der Cottbuser Fans deshalb keine Spruchbänder gegen Rassismus. Denn wer sich engagierte, lief Gefahr, von Inferno ­gewalttätig bedroht zu werden. So wurde Ende Mai beim Landespokalfinale - wieder in Babelsberg - ein Banner der Gruppe "FC Energie Fans gegen Nazis" vom Zaun gerissen.

Doch davon will Urmel nichts hören. "Wir wissen doch nicht mal, ob die Leute bei den Ausschreitungen gegen Babelsberg Energie-Fans waren", sagt sie mit einem Lächeln auf den Lippen. Ihre Mission ist klar: das Image der Cottbuser aufzupolieren, das leidige Thema endlich abzuhaken. Sie formuliert ihre Sätze knapp und deutlich, ihre Augen weichen dem Blick nicht aus – Urmel weiß, mit welchen Vorurteilen ihre Fans zu kämpfen haben. Dass es die Rechtsextremisten gibt, will sie nicht leugnen, doch machten diese nur einen ganz kleinen Teil der Fanszene aus. "Mit diesem Ruf haben wir schon immer zu kämpfen. Da ist es leicht für die Medien, uns wieder zum Buhmann zu machen. Aber jetzt wollen wir uns wehren."

In Cottbus existiert ein etabliertes Wirtschaftsnetzwerk aus Neonazis, Hooligans und Rockern.

Robert
Claus
Rechtsextremismusforscher

Nicht alle nehmen das Problem mit den Neonazis so auf die leichte Schulter wie Urmel. 120 Kilometer nordwestlich von Cottbus im Berliner Stadtteil Kreuzberg lebt Rechtsextremismusforscher Robert Claus. Er beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit Rassismus im deutschen Fußball und forscht bei der Kompetenzgruppe Fankulturen und sportbezogene soziale Arbeit. "Inferno Cottbus ist seit Jahren als extrem rechte Hooligangruppe bekannt", sagt Claus. "In Cottbus existiert ein etabliertes Wirtschaftsnetzwerk aus Neonazis, Hooligans und Rockern, die zusammen Kampfsport machen und im Security-Business arbeiten. Inferno ist Teil davon."

In der 100.000-Einwohnerstadt in der Lausitz sind laut ­Radio Berlin-Brandenburg (rbb) 52 Sicherheitsfirmen mit 2.000 Mitarbeitern tätig – viele von ihnen mit Berührungspunkten zur rechten Szene, so Claus. Und was hat der Fußball damit zu tun? Der passe da wunderbar hinein, weil der FC Energie Cottbus das wichtigste Identifikationsobjekt in Cottbus sei, sagt ­Robert Claus. Nirgends sonst kämen am Wochenende mehrere Tausend Menschen zusammen. "Dort können rechte Gruppierungen junge Leute rekrutieren. Natürlich teilen die kein Parteiprogramm im Stadion aus, sondern sie bieten strategisch ein Gemeinschaftsgefühl an, eine Erlebniswelt aus Gewalt, Zusammengehörigkeit, Drogen und Männlichkeit."

Keine Strafen für Hitlergrüße

Ende April im Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion in Berlin ­Bezirk Prenzlauer Berg: Ein Jahr nach den Krawallen gegen die linken Babelsberger spielt Energie Cottbus heute gegen den ­Berliner BFC Dynamo. Ein Sicherheitsspiel, denn beide Vereine sind in der Vergangenheit durch ihre rechten und gewaltbereiten Fans aufgefallen. Mario Pinkert ist aus Dessau angereist, um das Spiel zu beobachten. Schon bei seiner Ankunft hat er zwei Ordner aus Cottbus gesehen, die Kleidung von Thor Steinar ­anhatten – ein Erkennungsmerkmal der rechtsextremen Szene. Das will er jetzt gleich dem Verein melden.

Pinkert ist seit Anfang 2018 Antirassismusbeauftragter des Nordostdeutschen Fußballverbands. Er soll die Fans im Stadion beobachten und dokumentieren, wenn es rassistische Gesten, Äußerungen oder Banner gibt. Seine Ausrüstung: ein Smartphone mit Kamera. Pinkert zeigt Bilder, die er bei vergangenen Spielen geschossen hat. Eines zeigt ein dunkelrotes Banner mit der Aufschrift "Semnonen", daneben ein stilisierter Baum in Form eines T. Die meisten, so Pinkert, wüssten gar nicht, dass der sogenannte Weltenbaum oder Irminsul ein rechtes Symbol sein könnte, das auch während des Nationalsozialismus verwendet wurde.

Auch beim Spiel im Jahn-Stadion hängt das Banner mit dem Weltenbaum im Block der BFC-Fans. Pinkert ist überzeugt, dass die meisten Fans gar nicht wissen, wie problematisch manche ihrer Banner und Sprüche seien. "Einmal ­hatte jemand ein T-Shirt an, auf dem 'Blut und Ehre' stand", erinnert er sich in nuschelndem Dessauer ­Dialekt. "Derjenige hat nicht mal gewusst, was das ­bedeutet – der fand einfach nur das T-Shirt schön."

Ein Mann blickt in die Kamera, hinter ihm sieht man Teil eines Stadions und einen Fabrikschornstein

Alles im Blick? NOFV-Funktionär Mario Pinkert

Pinkert strahlt fast immer, nur wenn man ihn auf das Skandalspiel zwischen Babelsberg und Cottbus anspricht, schaut er traurig. Der Antirassismusbeauftragte war an jenem Tag im April 2017 Spielbeobachter. Er war es, der dem Sportrichter einen Babelsberger Fan meldete, der "Nazischweine raus!" gerufen hatte. Er war es auch, der behauptete, keine Hitlergrüße gesehen oder antisemitische Parolen gehört zu haben. "Ich kann natürlich nur das dokumentieren, was ich persönlich wahrnehme", betont er immer wieder – und dass er sich seit Jahren in Dessau gegen Rassismus ­engagiere. Die Reaktion der Babelsberger, zu denen er immer einen guten Kontakt gepflegt habe, enttäuscht Pinkert. Er sei irritiert über den Vorwurf, bewusst weggeschaut zu haben. "Wenn ich hier oben am Stadionrand stehe, kann ich doch nicht wissen, ob jemand in 200 Metern Entfernung 'Nazis raus!' oder 'Heil Hitler!' ruft. Das kann keiner!"

Vor Spielbeginn schaut sich Mario Pinkert die Sicherheitskontrollen an den Einlässen an und beobachtet, wie gründlich die Ordner Taschen durchsuchen. Denn der 55-Jährige hat schon einiges erlebt: Männer etwa, die im eigenen Körper Leuchtstäbe ins Stadion schmuggeln. "Mehr Details muss ich da glaube ich nicht nennen." Pinkerts Augen lachen hinter der Brille. In seinem linken Ohr steckt ein goldener Ring. Unter ­seinem Arm hält er stets eine Mappe.

Pinkert redet gern über seine Arbeit, erklärt, zeigt, nimmt sich Zeit. Er sieht sich als Vermittler. Ihm ist es wichtig, die Vereine zu sensibilisieren; handeln müssten sie dann auf eigene Verantwortung. Warum gerade er für den Job als Antirassismusbeauftragter geeignet ist? "Tja, das ist so eine Sache." Pinkert lacht verlegen. "Ich bin Gefängnisbeamter und habe in den letzten 25 Jahren multikulturell viel erlebt. Außerdem habe ich viele Freunde in Großstädten wie Hamburg oder Berlin. Auch dort habe ich viel erlebt und gesehen." Eine Situation habe ihn geprägt: 1994, Buxtehude. Mit einem Kumpel betrat er eine Kneipe. Darin: 90 Prozent Türken. "Erst waren wir skeptisch, aber dann hatten wir einen richtig tollen Abend mit denen", erinnert sich Pinkert. "Wir haben nun mal eine multikulturelle Gesellschaft, und da sollte man schon ­tolerant sein. Wenn Fans Leute mit anderer Hautfarbe beschimpfen, aber in der eigenen Mannschaft auch Spieler mit anderer Glaubensrichtung oder Hautfarbe sind, dann finde ich das sehr bedenklich."

Ein Problem der Gesellschaft?

Cottbuser, die sich von der rechtsextremen Szene distanzieren, haben es im letzten Jahr nicht leicht gehabt; genauso wie die Verantwortlichen aus Fußball und Fanszene. Der Verein sieht sich als Opfer von Nazis, die den Fußball zu ihrer Bühne machen. Die Fans haben keine Lust mehr auf pauschale Nazivorwürfe. Und die Polizei in Cottbus kann nur ­gegen einzelne Straftaten vorgehen, weil sie das Verhalten aller Fans neutral bewerten muss. "Sich zu treffen mit einer rechten Gesinnung ist keine Straftat", heißt es seitens der Beamten. Einen konkreten Plan, wie das rechtsextreme Problem im Fußball gelöst werden kann, hat niemand. Alle sind sich einig: das ist ein gesellschaftliches Problem. Und: Die Medien haben das Problem mit den Nazis völlig überzeichnet. Mag sein, dass die mediale Aufmerksamkeit nach dem Brandenburg-Derby etwas einseitig war – rechte Fans im deutschen Fußball gibt es nicht erst seit 2017 und nicht nur in Cottbus. Dennoch hat gerade jenes Spiel verdeutlicht, wie schwer sich Vereine und Verbände damit tun, Rechtsextremismus im Stadion angemessen zu dokumentieren und zu bestrafen.

Mario Pinkert quatscht vor Spielbeginn noch kurz mit seinem Kumpel von der Polizei. Bratwurstgeruch liegt in der Luft, die Tribünen im Jahn-Stadion füllen sich, wenn auch nur spärlich. Gleich geht es los. Die Cottbuser Fans bringen sich in Position, der Capo steigt auf den Zaun, der die Tribüne vom Spielfeld trennt. Er wird das gesamte Spiel mit dem Rücken zum Geschehen verbringen und die Fans zum Rufen, Klatschen und Trommeln anfeuern.

Anpfiff. Im Cottbuser Fanblock beginnt jemand die Trommel zu schlagen, ein Sprechchor von etwa 400 Anhängern wabert von der Tribüne Richtung Spielfeld. Arme recken sich in die Höhe – und klatschen im nächsten Moment. Keine auffälligen Gesten. Mario Pinkert steht ganz oben, auf der Presse- und VIP-Tribüne. Direkt links von ihm befindet sich der Gästeblock mit den Cottbusern. Würde Pinkert die Treppen bis ganz unten zum Spielfeld gehen, da, wo sich jetzt die Balljungen an den Zaun klammern, könnte er die Cottbuser Fans gerade so von der Seite sehen. Am gegenüberliegenden Spielfeldrand stehen und sitzen die BFC-Fans. Nur wenige große Banner sind aus der Distanz entzifferbar, Menschen noch viel weniger erkennbar. Die Sonne strahlt, Mario Pinkert kneift die Augen zusammen. Zwanzig Minuten später ist er verschwunden. Drinnen gibt es Wurst und Kuchen.

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