Amnesty Journal Deutschland 27. November 2020

Gefährliche Diskriminierung

In einem Krankenhausgang laufen Schwestern, eine Schwester guckt aus einer Tür heraus und lächelt.

Weißer Kittel, weißer Blick? Rassismus gibt es auch im Gesundheitswesen.

Wenn Belange von Schwarzen und People of Color nicht ­berücksichtigt werden, kann das tödliche Folgen haben. Auch und gerade in der Medizin.

Von Till Schmidt

Malone Mukwende macht bereits zu Beginn seines Medizin­studiums eine ernüchternde Entdeckung. Ihm fällt auf, dass Krankheitssymptome im Unterricht und in den Lehrbüchern ­lediglich an weißer Haut dargestellt werden. Der damals 19-Jährige will das ändern. Im Jahr 2019 beginnt er Fotos von Hautkrankheiten bei Schwarzen und People of Color für die Online-Datenbank "Black and Brown Skin" zu sammeln und veröffentlicht im Juni 2020 zusammen mit zwei Mitarbeitern der University of London das dermatologische Online-Handbuch "Mind the gap". Über die sozialen Medien wird es international bekannt.

Dass Schwarze und People of Color in Unterrichtsmaterialien unterrepräsentiert sind und damit diskriminiert werden, ist nicht das einzige Problem. Auch medizinisch führt es zu erheblichen Schwierigkeiten, wenn die Vielfalt menschlicher Haut­farben nicht berücksichtigt wird. Krankheitssymptome können auf dunkler Hautfarbe anders aussehen als auf heller, sagt Mukwende in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Spiegel und kritisiert, dass hierzu wenig Wissen vermittelt werde. Im schlimmsten Fall würden Menschen nicht richtig behandelt werden, wenn diese Unterschiede keine Berücksichtigung finden. "Hautausschlag, Blutergüsse oder blaue Lippen können wichtige Indizien für schwere Krankheiten sein", sagt Mukwende. Eine Fehldiagnose könne tödliche Folgen haben. Berichte zeigen, dass das Thema auch an deutschen Universitäten zu wenig berücksichtigt wird.

"Du gehörst nicht dazu"

Belange von Schwarzen und People of Color finden in der Medizin insgesamt zu wenig Beachtung. Das bestätigt auch die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Amma Yeboah. Sie kritisiert, dass wissenschaftliche Studien fehlten, die sich mit dem Zusammenhang von Gesundheit und Rassismus in Deutschland beschäftigen: "Menschen schreiben und diskutieren ja über Rassismus – aber in der Medizin herrscht ein Schweigen." Zwar gebe es Untersuchungen, die sich mit der Situation von "Menschen mit Migrationshintergrund" auseinandersetzen. Jedoch sei dies unzureichend.

Menschen schreiben und diskutieren über Rassismus – aber in der Medizin herrscht Schweigen.

Amma
Yeboah
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie

Schwarze und People of Color spüren das im Alltag. Die examinierte Krankenschwester und Social-Justice-und-Diversity-Trainerin Adiam Zerisenai führte für ihre soziologische Masterarbeit Interviews mit Schwarzen Krankenschwestern. Ihre Interviewpartnerinnen berichteten über rassistische Aussagen und Zurückweisungen von Schwarzen Patientinnen und Patienten durch medizinisches Fachpersonal.

So sei etwa ­einem neurochirurgischen Intensivpatienten eine ansteckende Krankheit unterstellt worden, obwohl er gar keine Symptome hatte. Seine Hautfarbe sei von weißen Kolleginnen und Kollegen permanent erwähnt worden, obwohl sie medizinisch ohne Relevanz war. Adiam Zerisenai sieht dies als ein typisches Beispiel von rassistischem Othering, der ausschließenden Unterscheidung zwischen einem "wir" und dem "anderen".

Auch den gesundheitlichen Einflüssen solcher Formen von Alltagsrassismus werde zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. "Als Schwarze Person in Deutschland zu leben, ist ein ständiger Stressfaktor", sagt Zerisenai. "Das fängt zum Beispiel schon damit an, in der Straßenbahn von unbekannten Personen ständig 'anders' oder als 'Ausländer' definiert und somit rassifiziert zu werden." Die Botschaft dieser subtilen Formen der Ausgrenzung laute ganz klar: "Du gehörst nicht dazu." Solche Erfahrungen führten in jedem Fall zu einer verstärkten psychischen Belastung, sagt Amma Yeboah. Hinzu kommen offenere Formen desRassismus, etwa Diskriminierung bei der Wohnungssuche oder physische Gewalt.

Alltagsrassismus und Gesundheitsfolgen

"Jede Erfahrung, aus der menschlichen Gemeinschaft ausgestoßen zu werden, ist eine Gewalterfahrung und kann traumatisch wirken", sagt Yeboah. Die Verarbeitung solch schmerzhafter Erfahrungen koste Energie, die dann in anderen Bereichen des Lebens fehle – etwa wenn es um Freundschaften gehe oder um den Beruf. Und dieser Zeitmangel, da sind sich Expertinnen und Experten sicher, erzeugt neuen Stress.

"Die Stress- und Trauma-Forschung sind die wichtigsten Forschungsbereiche zu den Auswirkungen von Alltagsrassismus auf die Gesundheit", sagt Yeboah. Sie geht davon aus, dass Alltagsrassismus auch verstärkt zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck als Stressreaktion führt. Diese Erkrankungen würden häufig relativ spät diagnostiziert, da Betroffene Arztbesuche oft hinauszögern – wegen institutioneller Hürden und traumatisierender Erfahrungen von Gewalt.
In Deutschland mangele es auch an Therapien, die sich kritisch mit Rassismus und Machtstrukturen befassen, kritisiert Adiam Zerisenai. "Manchmal werden über Jahre hinweg Therapeutinnen und Therapeuten gesucht oder Therapien werden ­beendet, weil in diesen Rassismus, Sexismus oder auch Homophobie reproduziert werden", sagt Zerisenai.

"Perfide Bestrafung"

Weißen Therapeutinnen und Therapeuten fehle häufig der Blick für die Problemlagen, mit denen Schwarze und People of Color im Alltag konfrontiert sind. "Große Teile der tagtäglichen Arbeit gegen Rassismus sind für Menschen außerhalb der Community unsichtbar", schildert Zerisenai. Letztlich seien es häufig die direkt Betroffenen, die in therapeutischen Räumen antirassistische Arbeit leisten. Dabei gehe es darum, sich über Erfahrungen und Ärzte auszutauschen, die Betroffenen zu stärken und zu stabilisieren. Amma Yeboah hält es für ein "Armutszeugnis in einem reichen Land wie Deutschland", dass sich viele Schwarze und People of Colour, "am Rande des offiziellen Gesundheitssystems organisieren müssen". Da diese genauso wie Weiße in die Pflege- und Krankenkassen einzahlen, stelle dies eine "perfide Bestrafung" dar.

Während der Black-Lives-Matter-Proteste und der Covid-19-Pandemie wurde über den Zusammenhang von Rassismus und Gesundheit medial verstärkt berichtet. Yeboah ist skeptisch, was sich tatsächlich verändern wird. "Wir können Rassismus als ein System verstehen, das Todesurteile fällt. Dieses System bestimmt, wer wann wie stirbt. Und wenn die Leute durch die rassistische Gewalteinwirkung nicht sofort sterben, dann ist ihre Lebensqualität im Vergleich zur Gesamtbevölkerung manchmal sehr schlecht, sodass sie vorzeitig sterben", sagt Yeboah.

Till Schmidt ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

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