Amnesty Journal Deutschland 21. März 2018

"Es geht darum, weiterzumachen"

Briefe

Kein Ende in Sicht. Briefe zur Freilassung des seit 1989 im Todestrakt inhaftierten Taiwanesen Chiou Ho-shun.

Wenn Amnesty von willkürlichen Festnahmen, Morddrohungen, Verschwindenlassen, Folter oder bevorstehenden Hinrichtungen erfährt, startet die Organisation eine sogenannte Urgent Action (UA). Hannelore Uthoff aus Salzgitter hat in den vergangenen drei Jahrzehnten Zehntausende dieser Eilaktionen verteilt. Mit 84 Jahren gibt sie nun ihr Amt ab.

Interview: Hannah El-Hitami

Sie haben in den vergangenen 33 Jahren sage und schreibe 46.464 Urgent Actions verteilt. Wie kamen Sie zu dieser ­Aufgabe?

Meine Tochter hatte in der Amnesty-Gruppe in Salzgitter die Verteileraufgabe übernommen. Sie ging dann für ein Jahr als Austauschschülerin nach Kanada, sodass ich die Aufgabe übernommen habe. Das war im Frühjahr 1985. Als sie zurückkam, bin ich einfach dabeigeblieben. Ich hatte mich ja schon eingearbeitet. Und darum geht es letztendlich: dass man kontinuierlich weitermacht.

Was machen Sie, wenn Ihnen die neuen UAs aus dem Amnesty-Sekretariat vorliegen?

Immer wenn ich aus Berlin – oder früher Bonn – die UAs bekomme, trage ich sorgfältig die Nummer, das Datum, das Land und den letzten Appell in meine lange Liste ein. Dahinter schreibe ich die Namen derjenigen, an die ich die UA weiterleite. Ich weiß natürlich nicht, ob sie dann auch Appellbriefe schreiben. Ich selbst schreibe keine Briefe mehr, sondern beschränke mich seit 1990 auf die Verwaltung. Ich brauche eine halbe Stunde, um fünf UAs einzutragen, einzutüten, zu frankieren und weiterzugeben. Das mache ich alle zwei Tage, aber ich schaue jeden Tag nach, ob etwas Dringendes dabei ist.

Wer sind die Menschen, an die sie die UAs verteilen?

Anfangs hatte ich pro UA immer drei Leute, die Briefe geschrieben haben. Nun ist die Zahl von 44 auf 26 zurückgegangen. Einige kenne ich, andere haben mir einfach eine Postkarte geschickt, auf der stand: "Ich bin bereit, eine UA oder zwei pro Monat zu schreiben." Zu Weihnachten habe ich immer einen kleinen Gruß verschickt und bekam auch von manchen Post ­zurück. Aber die meisten kenne ich nicht persönlich.

Gab es eine UA, die Sie besonders bewegt hat?

Einmal ging es um ein Mädchen in Afghanistan, dem nach einer Vergewaltigung durch einen Mullah ein sogenannter Ehrenmord drohte. Das fand ich so unmöglich, dass ich die UA mehrfach kopiert und einzelne Personen gezielt aufgefordert habe, sich um diese Sache zu kümmern. Dieser Fall hat mich derart aufgeregt, dass ich mehr verteilt habe als sonst.

Was hat Sie über so eine lange Zeit hinweg motiviert, weiterzumachen?

Ich habe einfach Spaß daran gehabt. Es ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe, die ich in meinem Alter gut machen kann. Deswegen bin ich besonders lange dabeigeblieben, auch als ich andere Aktivitäten allmählich aufgeben musste. Amnesty hat mich auch immer über Erfolge, wie etwa Freilassungen, informiert. Die habe ich dann vervielfältigt und an die UA-Schreiberinnen und -Schreiber weitergeleitet – als Mutmacher, damit das Schreiben nicht nur Frust macht. Ich bedauere schon, dass am Ende doch so wenige Menschen freigelassen und so viele hingerichtet wurden.

Warum geben Sie Ihr Amt jetzt ab?

Ich bin inzwischen 84 Jahre alt und möchte das gerne in jüngere Hände geben. Ich muss ja auch rechtzeitig die Unter­lagen übergeben und erklären, wie alles funktioniert. Gott sei Dank habe ich einen Nachfolger in Braunschweig gefunden. Demnächst treffen wir uns und ich erkläre ihm, wie ich die ­Liste geführt habe.

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