Amnesty Journal Deutschland 12. Juli 2023

Unabhängiger Menschenrechts­journalismus

Sechs verschiedene Cover des deutschen Amnesty-Journals aus den letzten 50 Jahren.

Cover des deutschen Amnesty-Journals aus den letzten 50 Jahren

Seit 50 Jahren erscheint das Amnesty Journal, auch wenn es anfangs Amnesty International Informationen hieß. Über Erfolge, "deprimierende Themen" und die Geschichte eines Heftes, das längst nicht mehr nur gedruckt wird.

Von Maik Söhler

Zum Geburtstag zuerst ein ehrliches Bekenntnis: Die Ausgabe 7/73 aus dem Juli 1973 ist vermutlich nicht die erste, sondern nur die älteste uns erhalten gebliebene Ausgabe des Journals. Es hat wahrscheinlich davor schon Ausgaben gegeben. Aber in keinem unserer Archive war ein solches Heft zu finden, und auch ein Aufruf an unsere Leser*innen, mal im Keller oder Regal nachzusehen, verhallte ohne Echo.

So nehmen wir eben die Ausgabe 7/73 zum Anlass, um das 50-jährige Erscheinen des Amnesty Journals zu feiern, das damals Amnesty International Informationen hieß, danach AI Informationen, AI Info, AI Journal, schließlich Amnesty Journal. Umfasste die Ausgabe 7/73 noch zwölf Seiten reinen Text in Schwarz-Weiß, so kommen die meisten Ausgaben des Jahres 2023 mit mehr als 80 Seiten daher – Farben, Bilder und Grafiken inklusive.

Schnörkellose Ansprache

Was anfangs einmal im Monat gedruckt wurde, erscheint seit 2008 alle zwei Monate, dafür aber als Print-Aus­gabe, E-Paper, App für unterschiedliche Betriebssysteme und online auf amnesty.de/journal.

Sieht man sich die ersten Ausgaben der Jahre 1973 bis 1975 an, dann bestechen sie durch eine schnörkellose Direktansprache: In diesem oder jenem Land gibt es Menschenrechtsverletzungen, und Amnesty International fordert die Verantwortlichen auf, das zu beenden. Daneben stehen viele Texte in eigener Sache; sie betreffen Probleme der Buchhaltung, des internationalen Austauschs, oder sie dokumentieren, was der ehrenamtliche Vorstand in Deutschland gerade zu sagen hatte. Jahrzehntelang gehörten solche Beiträge zum Journal wie die Druckerschwärze. Später wurden sie in der Mitte des Heftes gebündelt, dieser Teil hieß dann "Intern". Seit 2008 informierte "Intern" als eigenes Magazin über die Belange der Mitgliedschaft. Mittlerweile ist es nur noch im Intranet zu finden.

Wera Reusch, die Anfang der Nuller Jahre Journal-Redakteurin war, erinnert sich: "Wir haben mit eineinhalb Stellen jeden Monat ein Journal produziert – alles geplant und redigiert, viel selbst geschrieben, uns um alle Fotos gekümmert. Gleichzeitig haben wir jeden Monat ein gedrucktes Intern produziert und waren im Urlaubs- oder Krankheitsfall auch die Vertretung der Pressestelle." Auch einige Nachteile analoger Zeiten sind Reusch im Gedächtnis geblieben:

"Die Beiträge der Mitglieder kamen mit der Post und mussten abgetippt werden. Unsere Korrekturleserin schickte ihre handschriftlichen Anmerkungen Blatt für Blatt per Fax, wenn nicht gerade Papierstau oder die Rolle zu Ende war."

Mit ihr und schon lange vor ihr hatte Harald Gesterkamp mit Überarbeitung und Produktionschaos zu kämpfen. Von Ende 1991 bis Anfang 2002 war er Journal-Redakteur. "1991 war das AI Info ein reines internes Mitteilungsblatt, redaktionell aufbereitet wurden nur Berichte aus der Amnesty-Zentrale in London". Gesterkamp sah es als seine Aufgabe an, das Journal professioneller zu machen. Und tatsächlich erwuchs aus seinem Anspruch mit der Zeit auch ein professionell gemachtes Heft. Immer häufiger gelang der Blick über den Tellerrand, erste externe Autor*innen schrieben fürs Journal.

Mitte der 1990er Jahre wurde das Journal dann farbig. Zuerst gab es eine Farbe pro Heft, später mehr. Und auch positives Feedback auf die Arbeit von Amnesty wurde im Heft gesammelt. So entstanden die "Erfolge". Ende der Neunziger folgte ein eigenes Redaktionsstatut, das seitdem die Eigenständigkeit des Journals betont und absichert. Der damalige Generalsekretär Volkmar Deile hielt "uns den Rücken frei", erinnert sich Gesterkamp und verweist auch darauf, dass er politisch in einer "guten Zeit" für ­Amnesty International gearbeitet habe. "Nach dem Mauerfall gab es für die Menschenrechte viele Fortschritte", sie seien "auch international kaum infrage gestellt worden, anders als heute."

Prozess gegen Colonia Dignidad

Gesterkamp ist stolz auf eigene Recherchen und im Amnesty-Archiv gefundene Dokumente zur Colonia Dignidad in Chile. Als Beweismittel sollten sie noch wichtig werden in einem Prozess, den die Colonia Dignidad gegen Amnesty führte. Nach zwei Jahrzehnten gewann Amnesty den Prozess.

"Eine hohe journalistische Qualität" bescheinigt Gesterkamp dem heutigen Journal, und exakt die gleichen Worte wählt Anton Landgraf, der von 2004 bis 2016 als Journal-Redakteur arbeitete. Weil es unabhängig sei, könne es "Menschenrechtsjournalismus machen und Themen teilweise früher als renommierte Zeitungen oder Magazine in den Blick nehmen". Hinzu kämen ein Fokus auf die Arbeit von Amnesty und ein klares Layout, das seit mehr als 17 Jahren der freie Gestalter Heiko von Schrenk verantwortet.

Für Landgraf gehört die Ausgabe 12/1 zum Jahreswechsel 2008/09 zu den Highlights der Journal-Geschichte: Damals wurde gemeinsam mit dem Greenpeace Magazin ein Heft zum Thema 60 Jahre Menschenrechte produziert. Optisch ein Meilenstein, "aber die Greenpeace-Kolleg*innen fanden die Amnesty-Themen so deprimierend, dass sie das nicht wie­derholen wollten". Umso wichtiger bewertet er die Ausgabe 1/2016 ("Was uns Mut macht"), die positive Themen und konstruktive menschenrechtliche Ansätze versammelte.

Tops und Flops

Neben den Tops gehören auch die Flops zum Journal: Diverse Botschaften afrikanischer Länder dürften sich in den Zehner Jahren über verwechselte Flaggen in einer Fußball-WM-Beilage ebenso gewundert haben wie später die Histori­ker*in­nen Chiles, dessen Militärherrscher Augusto Pinochet im Journal kurzerhand einem Nachbarland zugeschlagen wurde. Wundern durften sich auch die Abonnent*innen des Journals, als die Printauflage im Jahr 2019 plötzlich von 100.000 auf Null gesetzt wurde und die Leser*innen aus dem Nichts heraus aufgefordert wurden, sich für ein gedrucktes Heft oder ein E-Paper per Newsletter zu entscheiden. Immerhin: Fast 19.000 Leser*innen entschieden sich seither neu für die gedruckte Version, mehr als 93.000 erhalten mittlerweile den Newsletter.

Das sind, nach 50 Jahren, gute Zahlen für das Amnesty Journal. Und auch die Verbreitung unserer Artikel auf der Website und in Online-Netzwerken kann sich sehen lassen. Das liegt nicht zuletzt da­ran, dass seit mittlerweile fünf Jahrzehnten auch viele unsichtbare Hände und Köpfe am Journal mitarbeiten. Ohne die qualitätssichernde Unterstützung aus dem Haupt- und dem Ehrenamt von ­Amnesty International wäre das Amnesty Journal sicher nicht das, was es ist.

Maik Söhler ist Chefredakteur des Amnesty Journals.

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