Amnesty Journal Ägypten 21. März 2018

Der Superkandidat

Doppeldecker-Bus mit Wahlplakaten von Präsident Sisi fährt durch Kairo, oben drauf schwenken Menschen Ägyptenflaggen

Abgefahrener Präsident. Kairo im Mai 2014.

Gehirnwäsche wie in George Orwells Roman "1984" prägt die Medien Ägyptens seit dem Sturz Mohammed Mursis, schreibt der ägyptische Talkshow-Star Bassem Youssef.

Im März 2014 entschied Sisi sich endlich, für das Amt des Chefdiktators zu kandidieren. All jene, die sich immer geweigert hatten, von einem Putsch zu sprechen, sagten nun voller Stolz: "Ja, klar war es ein Putsch, und das ist auch gut so: Es ist eine Diktatur, aber wir brauchen sie." Doch wenn Leute wie wir, die Sisi offen kritisierten, von einer Militärherrschaft sprachen, bezeichnete man uns als Verräter. Viele Kollegen in den Medien haben ihre Jobs verloren, nur weil sie leise angedeutet hatten, was alle insgeheim ohnehin wussten.

In diesem Frühjahr verliehen auch die religiösen Autoritäten der koptischen Kirche und der Al-Azhar-Moschee ihre offiziellen Heiligensiegel an Sisi. Hochrangige muslimische Azhar-Gelehrte zogen Parallelen zwischen Sisi und den Gefolgsleuten des Propheten Mohammed, einige rückten ihn gar in eine Reihe mit ­anderen Propheten.

"Als Sisi diese Kirche besuchte, war es so, als ob Jesus selbst gekommen wäre", sagte das Oberhaupt der koptischen Kirche. "Sisi ist schon im Alten Testament erwähnt, die Zeichen sind eindeutig", erklärte ein anderer Priester.

Der Papst der koptischen Kirche schickte seine Priester nach Amerika, als Sisi die Vereinten Nationen besuchte, um die Kopten zu Solidaritätsadressen für Sisi zu bewegen – und um den USA zu zeigen, wie sehr sein Volk ihn liebte. Die meisten Kopten, die sich daran beteiligten, lebten schon Jahrzehnte in Amerika, nachdem sie Ägypten wegen religiöser Verfolgung verlassen hatten – und gezwungen worden waren, in den USA Asyl zu beantragen, weil das Militärregime sie verfolgte. Dasselbe Regime, das sie nun unterstützten. Und dasselbe Militär, das im Oktober 2011 bei Protesten vor der Zentrale des staatlichen Fernsehens in Kairo 26 Christen überrollt hatte.

Schon mal was vom Stockholm-Syndrom gehört? Nein, im Ernst, irgendetwas stimmt mit uns Ägyptern nicht.

Damals waren alle Wände mit Plakaten von Sisi zugepflastert, auch auf Brücken, Gebäuden, Autos hingen die Bilder. Es heißt ja, dass die Anzahl und Größe der Fotos eines Führers ­umgekehrt proportional sind zur Freiheit eines Landes.

Eine Zeitung brachte damals sein Foto mit der Schlagzeile: "Christus, der Erlöser". Cool, oder, einen Präsidenten zu haben, der, sollte er ermordet werden, drei Tage später wieder aus dem Grab aufersteht?

Eigentlich würde man ja meinen, dass jeder Medienmacher, der auch nur ein bisschen etwas auf sich hält, die Tatsache kritisieren würde, dass wir die Augen verschlossen vor dem, was passierte. Keineswegs! Tatsächlich war es so, dass einer der beliebtesten Talkshow-Moderatoren zugab, dass er keinerlei Probleme damit habe, dass sich der Zustand des Landes unter Sisi ständig verschlechtere. "Ja, ich habe Mursi kritisiert, als es Stromausfälle gab und die Wirtschaftskrise. Aber unter Sisi bin ich bereit, das zu ignorieren, weil wir ihn für eine weitaus höhere Sache unterstützen. Mursi wollte das Land verkaufen, er war ein Verräter. Aber Sisi ist ein Patriot. Wir sind bereit, die harten wirtschaftlichen Verhältnisse unter ihm auszuhalten."

Aus heiterem Himmel luden seriöse Nachrichtenmoderatoren und Talkshow-Gastgeber plötzlich Astrologen und Wahrsager in ihre Sendungen ein, um seine Sternzeichen zu deuten. Demnach würde Sisi der nächste Präsident sein. Allerdings gehörten angesichts dessen, was im Land passierte, keine beson­deren Begabungen dazu, darauf zu kommen, dass er faktisch ­bereits Präsident war. Stunden über Stunden an Filmmaterial gingen diese Ruhmsuchenden durch, um uns da draußen über "Zeichen" zu unterrichten. Einer von ihnen behauptete gar, dass Sisi in einem 3.000 Jahre alten Pergament auftauchte.

Die jungen Leute, die einst die Vorhut der Revolution bildeten, galten nun als schwarze Schafe. Dieselben Moderatoren, die sie früher in ihre Shows eingeladen hatten und das "neue, junge Ägypten, das in den Händen dieser jungen Leute wiedergeboren wurde", glorifizierten, griffen sie nun offen an. Und forderten die Alten und Senilen auf, über uns zu herrschen, weil die Jungen es verbockt hatten. Ein Journalist, der während der Revolution ganz vorne dabei war, die jungen Leute zur Machtübernahme anzutreiben, äußerte sich nun offen verächtlich. Er bezeichnete sie als dumm und dringend reformbedürftig. Derselbe Journalist, der das Militär für die Übernahme von Verschwörungstheorien kritisiert hatte, wandelte sich zu einem der Sprachrohre des Regimes, der die Idee verbreitete, dass diese ­Jugend als Werkzeug ebenjener Verschwörungen diene.

Ich konnte nicht anders, als mich daran zu erinnern, wie der Besitzer meines alten Senders mir einmal gesagt hatte, dass Ägypten mich nicht mehr brauche. Glaubte man den Medien, brauchte es auch die jungen Leute nicht mehr. Schließlich war der "Erlöser" da. Das Regime gab bekannt, dass es Wahlen geben würde, und Sisi gab bekannt, dass er tatsächlich Wahlkampf führen würde. Einen Wahlkampf jedoch, der für nichts warb.

Er brauchte das nicht. Es gab kein Programm, keinen Plan, aber egal, wen juckte das schon.

"Er muss uns nichts versprechen, er allein reicht schon aus" – so lautete tatsächlich die Erklärung eines Talkshow-Moderators. "Wie können Sie den Präsidenten um ein Programm bitten? Er braucht uns nicht, wir brauchen ihn", sagte ein anderer.

In meiner Show zeigte ich diese Videos, und die Zuschauer lachten. Aber in den Medien wurde ich bezichtigt, Ägyptens einzige Hoffnung lächerlich zu machen. War ich zu streng? Hätte ich darauf verzichten sollen, Sisi mit seinen Groupies in Zusammenhang zu bringen? Lag ich vielleicht einfach falsch? Das wäre vielleicht der Fall gewesen, wenn er nicht selbst in einem Interview gesagt hätte: "Ich wollte nicht antreten, die Massen haben mich darum gebeten. Sie haben mich unter Druck gesetzt. Sie können jetzt nicht kommen und mich um Versprechen bitten. Ich habe keine."

Die Betrügerei seiner Sprache war absurd. Den Anschein zu erwecken, ein unglückseliger Mann von der Straße zu sein, der nach oben gespült wurde, nur weil man ihn für einen Märtyrer hielt, war einfach nur wahnwitzig. Tatsache ist, dass er sich selbst rücksichtlos in seine Machtposition hochgekämpft hatte. Und nun tat er so, als ob man ihm dafür dankbar sein müsse. Und manche waren sogar extrem dankbar! Ich konnte es nicht fassen.

Zwei Jahre später besuchte ich eine Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump in einer kleinen Stadt in Georgia. Der Bürgermeister heizte die Stimmung an, um die Besucher auf die Ankunft des Donald vorzubereiten. Er schrie und jubelte und sagte dann einen Satz, der bei mir schmerzhafte Erinnerungen an Sisis absurde Wahlkampagne weckte. Er sagte: "Wenn Donald Trump nichts tun würde außer die Mauer zu bauen, würden Sie trotzdem für ihn stimmen?" Die Leute hörten gar nicht mehr auf zu brüllen vor Begeisterung.

Sisi hat uns nicht mal eine verfluchte Mauer versprochen.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors entnommen und übersetzt aus Bassem Youssef: "Revolution For Dummies. Laughing Through the Arab Spring", HarperCollins, New York, 2017.

Bassem Youssef ist ein ägyptischer Herzchirurg und politischer Satiriker, der mit seiner Sendung "Al Bernameg" in den ­Jahren nach dem Sturz Hosni Mubaraks 2011 Millionen von Zuschauern erreichte. Nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi legte er aus politischen Gründen zunächst eine Zwangspause ein, ehe er nach dem Sieg Sisis bei der Präsidentschaftswahl 2014 Ägypten aus Sicherheits­gründen verließ. Seitdem lebt er in den USA, wo 2017 der Dokumentarfilm "Tickling Giants" über ihn in die Kinos kam. Amnesty zeigt den Film am 19. April in Berlin, am 3. Mai in Hamburg und am 23. Okto­ber in München, siehe auch www.amnesty.de

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