Aktuell Iran 28. Mai 2019

Mutiger Einsatz gegen obligatorische Verschleierung

Porträt einer Frau mit Kopftuch vor einer Wand gestapelter grünen Kisten

Die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh im Dezember 2014 in Teheran

Eine mutige Bewegung kämpft offen und kreativ gegen die obligatorische Verschleierung im Iran. Die Behörden antworten repressiv mit Prügel- und Haftstrafen.

Stell dir vor, du bist eine Frau und führst ein relativ normales Leben. Du fährst mit der U-Bahn oder dem Bus zur Arbeit oder zur Uni. Du triffst die Menschen, mit denen du befreundet bist. Du hast möglicherweise ein Smartphone und postest gerne Selfies in den Sozialen Medien. Und manchmal hast du vielleicht sogar die Möglichkeit, am Strand spazieren zu gehen und lässt dir die frische Meeresluft um die Nase wehen. 

Kein Stück Haut darf sichtbar sein

Und jetzt stell dir vor, dass du nicht einfach so vor die Tür treten kannst. Sondern, dass du erst einmal dafür sorgen musst, dass dein Haar vollständig mit einem Kopftuch bedeckt ist und kein Stück Haut deiner Arme und Beine mehr unter deiner Kleidung hervorguckt.

So heftig es sich auch anhört: ein Verstoß gegen diese Regeln könnte ernste Konsequenzen für dich haben. Du weißt, dass deine Kleidung und dein Körper von Fremden beurteilt werden, sobald du das Haus verlässt.

Du musst Kontrollpunkte der "Sittenpolizei" passieren: Hier entscheiden Staatsbeamte, ob du womöglich gegen die strengen Kleidungsregeln für Frauen verstoßen hast. Fällst du bei dieser Kontrolle durch, läufst du Gefahr, festgenommen oder gar gefoltert und zu einer Haftstrafe oder Stockhieben verurteilt zu werden. 

Noch bevor du das Haus verlässt, musst du also jeden Tag überlegen, welches Risiko du bereit bist einzugehen. Möchtest du heute anziehen was du willst? Oder lieber auf der sicheren Seite bleiben, um Festnahme, Übergriffigkeit und Ausschluss vom Arbeitsplatz oder der Universität zu vermeiden?

Kein düsteres Hirngespinst, sondern Realität

All dies mag sich wie eine Szene aus einem dystopischen Roman anhören, doch für Millionen von Frauen und Mädchen im Iran ist es Realität. Der Staat kontrolliert den weiblichen Körper.

Und so werden Frauen und Mädchen gezwungen, ihre Haare mit einem Kopftuch zu bedecken. Dies gilt bereits ab dem Alter von sieben Jahren. Wer sich weigert, wird vom Staat als kriminell betrachtet.

Die iranische Sittenpolizei überwacht die gesamte weibliche Bevölkerung – 40 Millionen Frauen und Mädchen. Diese staatlichen Kräfte patrouillieren in der Stadt und können Frauen nach eigenem Ermessen anhalten, um ihre Kleidung zu kontrollieren. Beurteilt wird unter anderem, wie viele Haarsträhnen zu sehen sind, wie lang die Hose oder der Mantel ist und wie stark die Frau geschminkt ist. 

Wer ohne Kopftuch unterwegs ist, riskiert Festnahme, Stockhiebe oder eine Haft- und Geldstrafe. Das "Verbrechen"? Die Wahrnehmung des Rechts, sich seine Kleidung frei aussuchen zu können. 

Selbst eine Frau, die Kopftuch trägt, läuft noch Gefahr, gegen das Verschleierungsgesetz zu verstoßen, wenn beispielsweise einige Haarsträhnen zu sehen sind oder wenn die Sittenpolizei der Ansicht ist, ihre Kleidung sei zu bunt oder zu enganliegend. 

Wegen Kleidung mit Schlagstöcken malträtiert

Es gibt unzählige Berichte darüber, wie Einsatzkräfte Frauen ins Gesicht geschlagen, sie mit Schlagstöcken malträtiert und in Polizeiwagen gezwungen haben, weil sie ihre Kleidung nicht guthießen.  

Doch iranische Frauen müssen nicht nur die Kontrolle durch den Staat über sich ergehen lassen. Der diskriminierende und entwürdigende Kopftuchzwang hat dazu geführt, dass sich auch Männer aus der Gesellschaft dazu berufen fühlen, die Werte der Islamischen Republik durchzusetzen: Sie schikanieren Frauen und greifen sie in der Öffentlichkeit an. 

So werden Frauen und Mädchen täglich von Unbekannten, die sie als "Huren" beschimpfen und sie zwingen, ihr Kopftuch zurechtzurücken, willkürlich geschlagen und mit Pfefferspray angegriffen. 

Mutige Gegenbewegung 

In den letzten Jahren hat sich im Iran eine Gegenbewegung zur obligatorischen Verschleierung gebildet. Frauen und Mädchen zeigen mutig ihren offenen Widerstand: indem sie sich still an öffentlichen Orten platzieren und ihr an ein Stock gebundenes Kopftuch hochhalten, oder indem sie sich selbst filmen, wie sie mit offenen Haaren die Straße entlanggehen – etwas, das für viele von uns selbstverständlich ist.  

Auch viele Männer haben sich dieser Bewegung angeschlossen. Ebenso Frauen, die sich selbst dafür entschieden haben, Kopftuch zu tragen. Denn der Bewegung geht es um die freie Wahl: das Recht jeder Frau, frei entscheiden zu können, was sie anziehen möchte, und zwar ohne Furcht vor Schikane, Gewalt, Drohungen oder Inhaftierung.

Zeichnung einer Figur hinter Gefängnisgittern

Mindestens 48 Personen, die sich für Frauenrechte einsetzen, sind seit Januar 2018 festgenommen worden

Das Ausmaß und der Einfluss dieser Bewegung beunruhigen die iranischen Behörden sehr, sodass diese mit harter Hand gegen die Aktiven vorgehen. Seit Januar 2018 sind mindestens 48 Personen, die sich für Frauenrechte einsetzen, festgenommen worden – darunter auch vier Männer. 

Einige wurden gefoltert und in Gerichtsverfahren, die bei Weitem nicht den internationalen Standards für faire Verfahren entsprachen, zu Gefängnis- oder Prügelstrafen verurteilt. 

Wer Frauen und Mädchen, die kein Kopftuch tragen möchten, zu Kriminellen macht, praktiziert eine extreme Form der Diskriminierung.

Inhaftiert für die Verteidigung von Frauenrechten

Gesetze zur obligatorischen Verschleierung verstoßen gegen eine ganze Reihe von Menschenrechten, so zum Beispiel die Rechte auf Gleichstellung, Privatsphäre, freie Meinungsäußerung und Glaubensfreiheit. Das Verschleierungsgesetz erniedrigt Frauen und Mädchen und beraubt sie ihrer Würde und Selbstachtung.  

Nasrin Sotoudeh

Eine der vielen mutigen Frauen, die sich offen gegen das iranische Verschleierungsgesetz zur Wehr setzen, ist Nasrin Sotoudeh, eine bekannte Menschenrechtsanwältin. Im März 2019 wurde sie in zwei unfairen Gerichtsverfahren zu insgesamt 38 Jahren und sechs Monaten Haft sowie zu 148 Stockhieben verurteilt.

Viele der gegen sie erhobenen Anklagen basieren auf ihrer Kritik an der obligatorischen Verschleierung, dem Ablegen ihres Kopftuchs bei Gefängnisbesuchen und ihrer anwaltlichen Verteidigung von Frauen, die friedlich gegen das Verschleierungsgesetz protestiert haben. Unter anderem wird ihr vorgeworfen, "zu Verdorbenheit und Prostitution angestiftet" zu haben. Nasrin Sotoudeh muss 17 Jahre ihrer Haftstrafe verbüßen.

Yasaman Aryani, Monireh Arabshahi und Mojgan Keshavarz

Im April 2019, kurz nach dem Urteil gegen Nasrin Sotoudeh, wurden Yasaman Aryani, sowie deren Mutter Monireh Arabshahi und Mojgan Keshavarz festgenommen. Sie hatten zuvor für den Internationalen Frauentag ein Video ins Internet gestellt, das großen Anklang fand.

Der Clip zeigt Monireh Arabshahi und Yasaman Aryani, wie sie ohne Kopftuch durch eine Teheraner U-Bahn gehen und Blumen an weibliche Passagiere verteilen. "Der Tag wird kommen, an dem Frauen nicht mehr kämpfen müssen", hört man Monireh Arabshahi sagen, während Yasaman Aryani einer Frau mit Kopftuch eine Blume übergibt und ihrer Hoffnung Ausdruck verleiht, eines Tages Seite an Seite mit ihr die Straße entlanggehen zu können, "ich ohne Kopftuch und du mit Kopftuch".

Einigen Quellen zufolge wird den beiden Frauen aufgrund dieses Videos unter anderem vorgeworfen, "Propaganda gegen das System verbreitet" und "zu Verdorbenheit und Prostitution angestiftet" zu haben.

Vida Movahedi

Vida Movahedi ist wegen einer friedlichen Protestaktion gegen das Verschleierungsgesetz zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden. Sie befindet sich seit Oktober 2018 in Haft. Damals hatte sie sich alleine und ohne Kopftuch auf dem Enghelab-Platz (Revolutionsplatz) in Teheran auf eine riesige Metallkuppel gestellt und bunte Luftballons geschwenkt.

Vida Movahedi ist eine von vielen Inhaftierten, die im Februar 2019 anlässlich des 40. Jahrestags der Revolution von 1979 durch den Religionsführer begnadigt worden sind. Die Gefängnisbehörden haben sich bisher jedoch geweigert, sie freizulassen.

Reza Khandan und Farhad Meysami

Reza Khandan, der Mann von Nasrin Sotoudeh, wurde im September 2018 festgenommen, nachdem er auf Facebook Beiträge über Menschenrechtsverletzungen im Iran gepostet hatte. Unter anderem ging es dabei auch um die Strafverfolgung von Frauen, die gegen den Kopftuchzwang protestiert haben.

Im Januar 2019 wurden er und Farhad Meysami wegen Unterstützung der Frauenrechtsbewegung gegen die obligatorische Verschleierung zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Ihre Verurteilung basierte auf den Vorwürfen "Verbreitung von Propaganda gegen das System" und "Versammlung und Verschwörung gegen die nationale Sicherheit". 

Macht mit – Jetzt!

Die Kontrolle über den Körper und das Leben von Frauen im Iran beschränkt sich nicht nur auf ihre Kleidung. Allerdings steht die Kleidung als sichtbares Element eindrucksvoll für die allgegenwärtige Unterdrückung von Frauen. Zudem stachelt das Verschleierungsgesetz zu Gewalt gegen Frauen an.

Aus diesem Grund hebt Amnesty International die mutigen Aktionen von Frauen und Männern hervor, die sich für ein Ende der obligatorischen Verschleierung im Iran einsetzen. Amnesty fordert von den iranischen Behörden, die wegen ihres Einsatzes für Frauenrechte Inhaftierten, umgehend freizulassen.  

Teile diesen Blogbeitrag auf Twitter, um deine Solidarität mit Millionen von iranischen Frauen und Mädchen auszudrücken, die jeden Tag um ihre Rechte kämpfen müssen. 

Das iranische Verschleierungsgesetz diskriminiert Frauen und kontrolliert ihre Körper. Frauen müssen ihre Kleidung frei wählen dürfen, ohne Angst vor Festnahme, Folter & Inhaftierung. @khamenei_ir In Solidarität mit Frauen im Iran! #NoForcedVeiling https://www.amnesty.de/informieren/aktuell/iran-mutiger-einsatz-gegen-obligatorische-verschleierung

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