Aktuell Indien 25. Juli 2018

"Die Regierung macht uns zu unfreien Menschen"

Interview mit Mathew Jacob von People’s Watch
Porträtfoto von Mathew Jacob

Mathew Jacob, Programmdirektor der indischen Nichtregierungsorganisation People's Watch, bei seinem Besuch des Amnesty-Sekretariats in Berlin im März 2018

Die Organisation People’s Watch setzt sich für Menschenrechte in Indien ein. Deshalb wird sie von den Behörden schikaniert. Für ihren mutigen Einsatz wurde People’s Watch von der deutschen Amnesty-Sektion mit dem Menschenrechtspreis 2016 ausgezeichnet. Im Interview berichtet Mathew Jacob, Programmdirektor von People’s Watch, von der aktuellen Lage in Indien, inwiefern der Preis die Organisation veränderte und woher er die Kraft nimmt, weiterzumachen.

Wie sieht die aktuelle Lage der Zivilgesellschaft in Indien aus?

Die Regierung schränkt die Rechte der Bevölkerung nach wie vor enorm ein. Jeder, der sich gegen die Regierung oder den Hindu-Nationalismus äußert, bekommt Probleme. Selbst wenn es sich nur um einen Kommentar in sozialen Netzwerken handelt. Sie will alles kontrollieren und entscheidet, wer studieren darf und was. Gefährlich ist vor allem, dass Verstöße gegen Menschenrechte noch immer nicht hinterfragt, verfolgt oder bestraft werden. Menschen, die die Rechte anderer verletzen, müssen nichts fürchten. Indien gehört zu den Ländern, in denen 2017 die meisten Journalistinnen und Journalisten umgebracht wurden.

Wofür setzt sich People’s Watch ein?

Unser Schwerpunkt liegt auf der Unterstützung von Folteropfern und Minderheiten sowie der Strafverfolgung nach Verstößen gegen die Menschenrechte. Die indische Verfassung beinhaltet das Recht, sich frei zu äußern, zu versammeln und zu protestieren. Die Regierung enthält uns diese Rechte jedoch vor und macht uns damit in gewisser Weise zu unfreien Menschen. People’s Watch kämpft dafür, dass die Menschen in Indien die Rechte wahrnehmen können, die ihnen die Verfassung gibt.

Der Gründer und Leiter von People’s Watch, Henri Tiphagne, bekam im April 2016 den Amnesty-Menschenrechtspreis verliehen. Was änderte sich dadurch für die Organisation?

Für unsere Menschenrechtsarbeit ausgezeichnet zu werden, hat uns darin bestärkt, weiterzumachen und uns nicht unterkriegen zu lassen. Obwohl sich Organisationen wie unsere friedlich für die Menschenrechte einsetzen, sieht uns die Regierung als Bedrohung an. Auch uns warf sie vor, mit anderen Ländern im Austausch über Menschenrechte zu stehen und Indien dabei in ein schlechtes Licht zu rücken. Sie sperrte unsere Konten und entzog uns die Lizenz, mit der wir ausländische Beiträge annehmen und verwenden können. Uns war sofort klar, dass die Regierung diesen Schritt veranlasst, um uns einzuschüchtern, und vor allem, um uns zu schwächen. Da der Staat uns finanziell nicht unterstützt, sind wir auf internationale Mittel angewiesen, das weiß auch die Regierung. Indirekt wollte sie uns sagen, dass wir aufhören sollen und dass wir verloren haben. Dennoch ist keiner aus unserer Organisation ausgetreten. Durch den Amnesty-Menschenrechtspreis fanden wir neue Motivation, uns weiter für die Durchsetzung der Menschenrechte einzusetzen. Die Auszeichnung hat uns gezeigt, dass man uns wahrnimmt und wir nicht allein sind.

Wie wird sich die Lage in Indien in den nächsten Jahren entwickeln?

Das ist schwer einzuschätzen. Deshalb ist es umso wichtiger, sich für die Demokratie stark zu machen. Die Menschenrechte zu verteidigen, sehe ich als eine Verantwortung an, die wir alle haben – egal, wer oder wo wir sind. Wenn wir uns nicht gegen die Ungerechtigkeit einsetzen, werden wir keine Gerechtigkeit bekommen.

Was genau gibt Ihnen die Kraft, trotz Einschüchterungen weiter für die Durchsetzung der Menschenrechte zu kämpfen?

Die größte Kraft ist meine Hoffnung. Ich gebe den Glauben nicht auf, dass wir viel erreichen können, wenn sich verschiedene Institutionen und Menschen zusammentun, um für ihre Rechte zu kämpfen.

 

Das Interview führte Alexandra Birkenhauer

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