Aktuell Bosnien und Herzegowina 12. September 2017

Überlebende sexualisierter Gewalt warten auf Gerechtigkeit

Eine Frau sitzt auf einem Stuhl hinter der geöffneten Haustür

Eine Frau, die während des Krieges in Bosnien Opfer sexualisierter Gewalt wurde, sitzt vor ihrem Haus im nördlichen Bosnien im Mai 2017

Mehr als 20.000 Betroffene von sexualisierter Gewalt warten in Bosnien und Herzegowina auch 25 Jahre nach Kriegsausbruch noch immer auf Gerechtigkeit.

Mehr als 20.000 Überlebende leiden bis heute unter den verheerenden körperlichen und psychischen Folgen von Vergewaltigungen und anderen Formen sexualisierter Gewalt während des Krieges in Bosnien und Herzegowina. Auch zwei Jahrzehnte nach Ende des Krieges hat sich ihre Lage nicht wesentlich verbessert, wie ein heute veröffentlichter Amnesty-Bericht belegt. Die meisten Betroffenen leiden still am Rande der Gesellschaft ohne medizinische und psychologische Versorgung, ohne Entschädigung und soziale Unterstützung. 

Während des Kriegs hatten Soldaten und Paramilitärs tausende Frauen und Mädchen vergewaltigt. Viele Betroffene wurden versklavt, gefoltert und in Folge von Vergewaltigungen in sogenannten "Vergewaltigungslagern" schwanger.

Ausbleibende Aufarbeitung

Sanja, eine Betroffene, mit der Amnesty sprach, zeigte nach dem Krieg einen Soldaten an, der sie gefangen gehalten und wiederholt zusammen mit weiteren Kameraden vergewaltigt hatte. Polizei und Justizbehörden blieben untätig gegenüber dem Täter und Sozialdienste verkannten Sanjas Situation und leisteten keine Unterstützung. Gegenüber Amnesty sagte sie: "Ich traue niemanden mehr, insbesondere nicht dem Staat. Sie haben alle versagt."

Die begangenen Verbrechen werden von den bosnischen Behörden größtenteils geleugnet oder ignoriert. Amnesty International fordert die bosnische Regierung sowie die Regierungen in den Entitäten der muslimisch-kroatischen Föderation und der Republika Srpska auf, ihrer Verantwortung nachzukommen. Die Behörden und die Justiz müssen endlich konkrete und wirksame Schritte unternehmen für eine angemessene gesundheitliche und soziale Versorgung der Betroffenen, für ihre Entschädigung, für eine Aufklärung der begangenen Kriegsverbrechen und für eine Bestrafung der Täter.

Letzte Chance für Gerechtigkeit

Amnesty International recherchierte für den Bericht "'We need support, not pity:' Last chance for justice for Bosnia’s wartime rape survivors"  mehr als zwei Jahre, um aufzuzeigen, wie durch systematische Hindernisse und einen fehlenden politischen Konsens eine ganze Generation von Überlebenden Elend und Not ausgeliefert wird.

Seit 2004, als die Prozesse zu Kriegsverbrechen in Bosnien und Herzegowina begannen, sind weniger als 1 Prozent der geschätzten Fälle von sexualisierter Gewalt vor Gericht verhandelt worden. Insgesamt gibt es bisher nur 123 Fälle, in denen die Anklage sexualisierte Gewalt beinhaltet.

Eine Frau, die von Paramilitärs zu Hause und auf einer Polizeistation mehrmals vergewaltigt wurde, sagte gegenüber Amnesty: "Die meisten Überlebenden werden nicht lange genug leben, um Gerechtigkeit zu erfahren. In einigen Jahren werden den Gerichten die Fälle ausgehen. Es wird keine Überlebenden, Täter oder Zeugen mehr geben, um die Gerichtsverfahren zu durchlaufen."

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