Artikel 2: Verbot der Diskriminierung

Gianni Jovanovic - "Als Rom bist du in Deutschland heute noch Außenseiter"

Gianni Jovanovic ist Aktivist und Initiator von "Queer Roma"

Jeder hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach etwa nach Rasse*, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.

Des Weiteren darf kein Unterschied gemacht werden auf Grund der politischen, rechtlichen oder internationalen Stellung des Landes oder Gebiets, dem eine Person angehört, gleichgültig ob dieses unabhängig ist, unter Treuhandschaft steht, keine Selbstregierung besitzt oder sonst in seiner Souveränität eingeschränkt ist.

Gianni Jovanovic - "Als Rom bist du in Deutschland heute noch Außenseiter"

Gianni Jovanovic bekam schon als Kind einen Pflasterstein ins Gesicht – mitten in der Nacht bei einem rassistischen Anschlag. Als schwuler Deutsch-Rom erlebt der Gründer der Initiative "Queer Roma" auch homofeindliche Diskriminierung, gegen die er ankämpft:

Mit Mitte 20 hatte ich mein Coming-Out und war auf schwierige Reaktionen gefasst. Aber letztlich ist man doch nie vorbereitet. Mein Vater war furchtbar aufgebracht, meine Mutter fiel auf der Stelle in Ohnmacht. Ihnen zuliebe habe ich mich zu einem Arzt schleifen lassen. Auch der konnte ihnen nichts anderes sagen, als dass mit mir alles bestens in Ordnung ist. Doch wie sollten sie das verstehen? Sie sind einfache Roma und leben in einer Community mit teils noch immer extrem konservativen Werten. Homosexualität gibt es bei uns nicht, so die Haltung der meisten.

Ich wusste, dass das nicht stimmt und dass mit mir "alles in Ordnung ist". Weil man die Strukturen aber verinnerlicht, in denen man aufwächst, habe ich mich gefügt: Mit 14 habe ich geheiratet, mit 16 wurde ich das erste Mal Vater, mit 18 das zweite Mal. Ich hatte damals keine Kraft, meinem Umfeld zu erzählen, wer ich wirklich bin. Ausgrenzung kannte ich schon auf ­anderer Ebene, ich brauchte meine Community als Halt.

Mit antiziganistischem Rassismus bin ich groß geworden. Ich habe eine Narbe an der Stirn, weil unsere Unterkunft in den achtziger Jahren mit Molotowcocktails beworfen wurde. Als Rom bist du in Deutschland heute noch Außenseiter. 80 bis 90 Prozent unserer Kinder werden auf Sonderschulen geschickt. Viele leugnen ihre kulturelle Identität, um nicht anzuecken. Auch meine Enkel werden in der Kita gehänselt. Diese Ausgrenzung kennen in der Community alle. Mein Anderssein aber verstehen auch die meisten Roma nicht: Es gibt rigide Vorstellungen von Männlichkeit, Rollenverhalten und Sexualität.

Mit 23 lernte ich einen Mann kennen, der meine große Liebe wurde. Er gab mir die Kraft, mein Doppelleben zu beenden. Mit der Zeit habe ich immer mehr Schwule, Lesben und Transmenschen aus der Roma-Community kennengelernt, darunter viele, die noch nicht bereit sind, ihre Identität öffentlich zu machen. Auch ihretwegen habe ich meinen Verein "Queer Roma" gegründet.

Nach Workshops bedankten sich euphorisierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer und warnten mich davor, dass ich durch mein öffentliches Coming-Out von allen Seiten stigmatisiert werden würde. Gerade auch intellektuelle und politisch aktive Roma sind erstaunlich homophob. Und die weiße deutsche Mehrheitsgesellschaft sieht hinter meiner Vielschichtigkeit meist auch nur den Rom. Ich will ein Bewusstsein jenseits dieser Zuschreibungen schaffen. Meine Familie hat mich inzwischen akzeptiert wie ich bin. Jetzt ist die Gesellschaft dran.

Protokoll: Elisabeth Wellershaus

YouTube-Video: Alltagsrassismus protokolliert - Stereotype aufbrechen, Unterschiede feiern

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Protokoll und Video wurden zunächst am 7. April 2017 als Teil der Serie "Alltagsrassismus protokolliert" auf www.amnesty.de veröffentlicht.

* Amnesty International verwendet den Originaltext der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR) in der offiziellen UN-Übersetzung. Diese Übersetzung verwendet noch den Begriff der "Rasse", den Amnesty International  ausdrücklich ablehnt. Die Vorstellung, Menschen ließen sich in bestimmte "Rassen" (unterschiedlicher "Wertigkeit") einteilen, war wesentlicher Bestandteil der rassistischen, menschenverachtenden Politik der deutschen Vergangenheit und widerspricht dem Geist der AEMR.

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