Aktuell Ägypten 01. Dezember 2016

Bei der Arbeit festgenommen

Bei der Arbeit festgenommen

Fotojournalist Mahmoud Abu Zeid arbeitete unter dem Künsternamen "Shawkan" für internationale Medien in Ägypten

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Der 28-jährige Fotograf Shawkan wurde gefoltert und misshandelt, ihm droht die Todesstrafe. Seit der Ägypter vor mehr als drei Jahren festgenommen worden ist, sitzt er unschuldig in Haft.

Von Julia Gerlach

Wuschellocken, ein verwegenes Grinsen und dieser irritierende Künstlername: Shawkan. Der ägyptische Fotograf, der mit richtigem Namen Mahmoud Abu Zeid heißt, ist jemand,
den man nicht vergisst. Das erste Mal haben wir uns am 1. Juli 2013 getroffen – in einer turbulenten Zeit.

Proteste in der Türkei

Am Tag zuvor waren Millionen von Menschen in ganz Ägypten auf die Straße gegangen und hatten gegen die Regierung des Muslimbruders Mohammed Mursi demonstriert.
Die Armeeführung unter General Abdel Fattah al-Sisi hatte Mursi ein Ultimatum gestellt. Ganz Ägypten hielt die Luft an.

Gemeinsam arbeiteten Shawkan und ich an einer Reportage für das Magazin "Focus". Wir besuchten die Demonstrierenden und die Organisatorinnen und Organisatoren des Aufstands, junge Revolutionäre. Wir gingen auch zu den Anhängern Mursis. Auf beiden Seiten fanden wir Angst und Hass. Shawkans Fotos aus diesen Tagen spiegeln diese Emotionen wider.

Am 3. Juli verkündete General al-Sisi im staatlichen Fernsehen die Absetzung von Mursi. Ab sofort solle eine Übergangsregierung das Land führen. Wir verfolgten diese Nachrichten in der Innenstadt von Kairo auf dem Tahrir-Platz. Kaum hatte al-Sisi die Absetzung verkündet, verwandelte sich das Geschehen in eine gigantische Party – und wir mittendrin. Shawkan feierte und fotografierte zugleich. Am nächsten Morgen war er so übernächtigt, dass wir unsere Termine verpassten. Fast hätte der Andruck verschoben werden müssen, weil die Fotos nicht fertig waren.

Im Trubel der Ereignisse des Sommers 2013 verlor ich ihn aus den Augen. Erst sechs Monate später meldete er sich: "Ich bin im Gefängnis, seit Monaten. Bitte hilf mir!" Er war
bereits am 14.August 2013 festgenommen worden, als Sicherheitskräfte die Protestlager der Anhänger des abgesetzten Präsidenten Mursi räumten.

"Skawkan"

"Als er an jenem Morgen hörte, dass die Polizei mit der Räumung der Protestlager begonnen hat, schnappte er seine Kamera und raste hin. Er lebt für seine Fotografie!", sagt seine Mutter. Sie ist stolz auf Shawkan. Die Eltern stammen aus einem Dorf am Nil. Sie haben es geschafft, dass ihre beiden Söhne an der Universität studieren. Die Mutter blättert in einem Fotokatalog: Shawkans Bilder waren bereits in mehreren Ausstellungen zu sehen, häufig fotografierte er auch für ausländische Medien.

Wie alle freien Medienschaffenden in Ägypten arbeitete er auf eigenes Risiko. Die Journalistengewerkschaft nimmt Freelancer nicht auf. "Shawkan wurde mit vielen anderen Journalisten festgenommen. Die anderen wurden schnell wieder freigelassen, nur er nicht. Er konnte nicht beweisen, dass er Journalist ist", erklärt Shawkans Bruder, der auch weiß, wie der Name Shawkan entstanden ist: "Er hat schon immer eine ziemliche Show um seine Fotografie gemacht und war sozusagen der Show-King. Da sich das doof anhört, machten wir daraus Shawkan."

Der Bruder hat alles getan, was ein Bruder tun kann: Er organisierte einen Anwalt, gab unzählige Interviews und unterstützte internationale Solidaritätskampagnen. Der Fall Shawkan war Gegenstand von Gesprächen auch deutscher Politiker mit der ägyptischen Regierung. Schließlich hat er für deutsche Medien gearbeitet. Menschenrechtsorganisationen und Pressevereinigungen setzten sich für ihn ein. Briefe wurden geschrieben. Protestnoten übergeben. Bislang ohne Erfolg.

Briefmarathonfall 2016: Journalist Mahmoud Abu Zeid (Shawkan) ist im Gefängnis, weil er Fotos gemacht hat

Briefmarathonfall 2016: Journalist Mahmoud Abu Zeid (Shawkan) ist im Gefängnis, weil er Fotos gemacht hat

Die Anklage

Auf den Tag genau zwei Jahre verbringt Shawkan in Untersuchungshaft: ohne Anklageerhebung. "Wir hatten gehofft, dass er entlassen wird", sagt sein Bruder bei einem Treffen. Aber am zweiten Jahrestag der Festnahme erhebt die Staatsanwaltschaft offiziell Anklage gegen Shawkan und mehr als 700 weitere Personen, die im Zusammenhang mit der Räumung des Protestlagers im August 2013 festgenommen
worden sind.

Gegen Shawkan werden neun konstruierte Anklagepunkte erhoben, darunter "Mitgliedschaft in einer verbotenen Gruppe" und "Mord". Im Falle einer Verurteilung droht ihm die Todesstrafe. Während der Haft ist er misshandelt und gefoltert worden, sein Verfahren läuft nicht fair ab. Zusammen mit ihm sind hohe Funktionäre der Muslimbruderschaft angeklagt, auch ihr ehemaliger Führer Mohammed Badia.

"Das verheißt nichts Gutes. Die Urteile werden sicher hart ausfallen", befürchtet sein Bruder. Er ist mutlos. Er weiß nicht mehr, was er tun soll. Pressekampagnen und Solidaritätskundgebungen, Politikeroffensiven und internationaler Druck. Nichts hat bislang geholfen.

Auch ich komme mir extrem hilflos vor. Weil mir nichts anderes mehr einfällt, kaufe ich ein Päckchen Süßigkeiten. Als Geschenk für Shawkan. Sein Bruder soll es ihm bei seinem nächsten Gefängnisbesuch mitbringen.

In einem offenen Brief aus dem Gefängnis schreibt Shawkan 2015: "Ich habe Angst, dass man uns ägyptische Journalisten im Gefängnis vergisst." Tatsächlich hat die
internationale Medienaufmerksamkeit für die Menschenrechtslage in Ägypten deutlich nachgelassen.

Es gibt nur wenige Bilder von Shawkan aus den letzten drei Jahren. Sie zeigen einen jungen Mann, der von mehreren Hungerstreiks und einer unbehandelten Hepatitis C gezeichnet ist. Nur eines scheint sich an ihm nicht verändert zu haben: sein unvergessliches und sehr verwegenes Grinsen.

Werden Sie aktiv: Beteiligen Sie sich am Amnesty-Briefmarathon und fordern Sie Shawkans Freilassung!

Jetzt mitmachen auf www.briefmarathon.de

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