Aktuell Irak 30. Juli 2014

"Wir haben alles zurückgelassen, um unser Leben zu retten"

Die Flagge der bewaffneten Gruppierung Islamischer Staat (IS). Das Foto wurde in der irakischen Stadt Mossul aufgenommen.

Die Flagge der bewaffneten Gruppierung Islamischer Staat (IS). Das Foto wurde in der irakischen Stadt Mossul aufgenommen.

28. Juli 2014 - Marvin ist ein 27-jähriger Buchhalter. Sein Leben und das seiner Familie wurde vergangene Woche völlig auf den Kopf gestellt, als Angehörige der Gruppierung Islamischer Staat (IS - ehemals ISIS) bei ihnen zuhause in Mossul im Norden des Irak auftauchten.

Von Donatella Rovera, Krisenbeauftragte von Amnesty International.

Die IS-Kämpfer, die mittlerweile die Stadt kontrollieren, stellten Marvin, seine betagten Eltern sowie seinen Bruder und seine Schwester vor eine drastische Entscheidung: zum Islam konvertieren, Dschizya (eine Steuer für nicht-muslimische Personen) bezahlen, die Stadt verlassen – oder geköpft werden. Dann malten die Kämpfer den arabischen Buchstaben "N" (für "Nasrani", Christen) an die Hauswand.

Wie viele anderen ChristInnen in Mossul blieb auch Marvins Familie keine Wahl. Mit ein paar Habseligkeiten bepackt verließen sie am nächsten Morgen die Stadt. "Als wir Mossul verließen, nahm IS uns unser Geld und unseren Schmuck ab. Jetzt haben wir keine Mittel mehr, um den Irak verlassen zu können, und auch in Mossul gibt es nichts mehr, zu dem wir zurückkehren könnten, denn unser Leben dort wurde zerstört", erzählte Marvin Amnesty International.

Marvins Schicksal hat sich in den vergangenen Wochen in der christlichen Bevölkerung und unter anderen ZivilistInnen in Mossul erschreckend oft wiederholt.

Auch die Familie von Abu Yussef war gezwungen, Mossul zu verlassen, nachdem man den Buchstaben "N" an ihr Haus gemalt hatte. Er und seine Frau Hanaa nahmen ihr Kind und ein paar Besitztümer mit sich und flohen nach Qaraqosh, einer hauptsächlich von ChristInnen bewohnten Stadt 30 Minuten östlich von Mossul unter der Kontrolle der kurdischen Peschmerga, die ein weiteres Vordringen von IS nach Osten verhindern.

Hanaa war Ärztin in einem Klinikum in Mossul, bevor IS die Stadt stürmte. Sie sagte: "Wir haben alles zurückgelassen, um unser Leben zu retten. Unsere Kinder sind mittlerweile so verängstigt, dass sie nachts schreiend aufwachen. Wir möchten den Irak verlassen, damit unsere Kinder eine Zukunft haben. Hier kann man nicht mehr leben. Alles, was wir aufgebaut haben, ist weg, und wir können unser Leben in Mossul nicht noch einmal retten. IS hat uns unser Leben genommen."

Drohungen und Angriffe

Schon seit Wochen mussten ChristInnen befürchten, in Mossul keine Zukunft mehr zu haben. Als ich die Stadt zwei Wochen nach der Übernahme der Kontrolle durch IS am 10. Juni besuchte, nahmen Drohungen und Angriffe gegen die christliche Gemeinschaft bereits zu. Viele waren zusammen mit Angehörigen anderer religiöser und ethnischer Gemeinschaften geflohen.

Viele BewohnerInnen der Stadt erzählten mir von ihren Ängsten, auch wenn einige versuchten, die Hoffnung nicht zu verlieren – zum Teil deshalb, weil der Gedanke an das, was wahrscheinlich kommen würde, zu schrecklich war. Viele meinten, IS habe sich die Ängste der mehrheitlich sunnitischen Bevölkerung angesichts der sektiererischen und repressiven Herrschaft der Zentralregierung zunutze gemacht, könnte aber die Kontrolle über die Stadt nicht auf Dauer halten und dieses brutales Regime auch nicht über eine Bevölkerung von fast zwei Millionen Menschen ausweiten.

Obwohl die Einnahme von Mossul und anderen Regionen durch IS bei mächtigen sunnitischen Stämmen und anderen Gruppen, die als Teil der Baath-Partei des verstorbenen Dikators Saddam Hussein an der Macht beteiligt gewesen waren, nicht auf Widerstand sondern sogar auf Unterstützung gestoßen war, waren viele BewohnerInnen der Ansicht, dass genau diese Gruppen IS unter Kontrolle halten würden. Klar war jedoch, dass das Leben in Mossul für ChristInnen und Angehörige nicht-sunnitischer Gemeinschaften sowie für sunnitische MuslimInnen, die gegen IS sind, zu gefährlich wurde.

IS-Kämpfer hatten eine Statue der Jungfrau Maria vom Dach einer Kirche in Mossul entfernt, ein klares Zeichen dafür, dass der christlichen Gemeinschaft noch schlimmere Zeiten bevorstanden. Als es am Abend des 25. Juni am Ostrand der Stadt zu ersten Zusammenstößen zwischen in Mossul stationierten Kämpfern und kurdischen Peschmerga kam, floh die gesamte Bevölkerung der nahe gelegenen christlichen Stadt Qaraqosh in Panik.

Einige von ihnen waren auf der Suche nach Schutz bereits aus Mossul nach Qaraqosh geflohen und mussten diese schreckliche Erfahrung innerhalb von zwei Wochen erneut durchmachen.

In al-Qosh, zwei Stunden nördlich von Mossul, berichtete mir Lara, Mutter von vier kleinen Kindern: "Wir haben Mossul mit nichts verlassen, weil wir dachten, wir wären in ein paar Tagen zurück. Jetzt fliehen wir erneut, und ich glaube nicht, dass wir je wieder nach Hause können. Ich habe kein anderes Zuhause, ich habe kein anderes Land. Was soll in Zukunft aus uns werden?"

Extreme Brutalität

IS kontrolliert jetzt ein riesiges Gebiet im irakischen Nordwesten, bis zur syrischen Grenze und darüber hinaus. Auch wiederholt sich im Irak die extreme Brutalität, welche die von IS kontrollierten Teile Syriens kennzeichnet.

Das Terrorregime, das IS über die Zivilbevölkerung ausübt, wurde noch verschärft durch die Waffen, die IS in den eroberten Gebieten beschlagnahmen konnte – Waffen, die der irakischen Zentralregierung 2003 von der US-geführten multinationalen Streitmacht zur Verfügung gestellt wurden. Der Streitmacht war es nicht gelungen, die nötigen Maßnahmen zu etablieren, um ein derartiges, durchaus nicht unwahrscheinliches, Szenario zu verhindern.

Jetzt ist es an der internationalen Gemeinschaft, namentlich den Mitgliedern der "Koalition der Willigen", die vor gerade einmal zehn Jahren ohne UN-Mandat in den Irak einmarschiert ist, sich der Herausforderung zu stellen. Sie müssen unbedingt Unterstützung für die Hunderttausenden irakischen Zivilpersonen bereitstellen, die ihre Heimat verlassen mussten und deren Leben zerstört wurde.

Für Menschen wie Marvin, Abu Yussef, Hanaa, Lara und für Tausende anderer ist die Aussicht, ohne jegliche Hilfe zu überleben, eine sehr düstere.

Dieser Text wurde ursprünglich auf Open Democracy veröffentlicht.

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