Aktuell Ägypten 17. Dezember 2012

Eine Ägypterin wehrt sich

Azza Suleiman will für Gerechtigkeit kämpfen

Azza Suleiman will für Gerechtigkeit kämpfen

17. Dezember 2012 - 2011 sorgte ein Video für viel Aufruhr im Internet: Zu sehen waren ägyptische Soldaten, die eine Frau brutal zusammenschlugen. Die Frau heißt Azza Hilal Suleiman. Heute verklagt sie das ägyptische Militär. Sie sprach mit Amnesty-Redakteurin Clare Fermont.

Die Ägypterin Azza Hilal Suleiman wurde 2011 international bekannt als die "Frau mit der roten Kapuze". Videoaufnahmen zeigten, wie sie versuchte, einer Frau zu helfen, die auf einer Demonstration von Soldaten weggeschleppt, bis auf die Unterwäsche entblößt und verprügelt wurde. Dann wurde Azza selber so heftig angegriffen, dass sie fast ihr Leben verlor.

Zu Hause in Kairo sprach ich mit Azza über ihre lebensverändernden Erfahrungen seit dem Beginn der Revolution. Die lebhafte 49-Jährige ist in einer Militär-Familie groß geworden. Ihr Vater, zwei ihrer Onkel und ihre zwei Brüder sind alle Generäle. Sie führte ein ziemlich konventionelles Leben, bis die ägyptische Revolution gegen den Präsidenten Mubarak ihr ganzes Leben auf den Kopf stellte.

"Ich war so naiv", sagt sie. "Ich fuhr mit dem Bus zur Demonstration am 28. Januar 2011 – dem "Tag des Zorns". Als ich den Demonstrationszug sah, bat ich den Fahrer anzuhalten und lief mit. Immer mehr Menschen schlossen sich an. Ich war sehr glücklich." Doch schon nach kurzer Zeit wurde sie Zeugin beispielloser Gewalt der Sicherheitskräfte. Sie schossen und schlugen die Menschen nieder. Schwaden von Tränengas warfen sie zu Boden.

"Wir waren alle sehr mutig"

"Doch wir alle waren sehr mutig", erzählt sie. "Ich schob mich an den Polizisten vorbei. Sie wirkten kleiner als ich. Ich versuchte, einen kleinen Jungen mit Einkaufstaschen zu retten, der von der Bereitschaftspolizei festgehalten wurde."

Die Furchtlosigkeit und Wut, die sie an diesem Tag verspürte, hat sie nie wieder losgelassen.

Am 17. Dezember 2011 nahm sie in der Nähe des Regierungssitzes in Kairo an einer weiteren Demonstration teil. An diesem Tag sah sie wie Soldaten eine junge Frau angriffen und ihre Unterwäsche entblößten. Sie warf sich über die Frau, um sie zu schützen. Doch dann begannen die Soldaten, auch sie zu attackieren. Der schonungslose Angriff auf Azza wurde in einem Video festgehalten.

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Azza kann sich nur noch daran erinnern, wie sie im Krankenhaus aufwachte. Sie litt unter einer Schädelfraktur und ihr Gesicht war so geschwollen, dass man sie kaum noch erkennen konnte. Nachdem sie eine Woche im Koma gelegen hatte, rieten die Ärzte ihrer Familie, sich auf das Schlimmste vorzubereiten.

"Am Anfang waren die Schmerzen so stark, dass ich schreiend aufwachte und immer wieder ohnmächtig wurde. Doch viele Freunde und Verwandte halfen mir."

Einer dieser Freunde wurde bald ihr Verlobter. "Er hat mich wirklich sehr unterstützt. Auch teilten wir die gleiche Meinung über die Revolution und Gerechtigkeit". Sie lächelt. "So habe ich mich in ihn verliebt."

"Dabei geht es um viel mehr als meinen eigenen Fall"

Am 2. Mai 2012 wurde er während eines Sit-in vor dem Verteidigungsministerium in Kairoer Stadtteil Abbaseya erschossen. Es waren "Verbrecher", sagt Azza, die von der Armee benutzt worden seien, um "für sie die Drecksarbeit zu verrichten."

"Das brachte mich dazu, den Kampf für Gerechtigkeit und für die Aufklärung der vielen Verbrechen des Militärs aufzunehmen", sagt sie. "Und dabei geht es um viel mehr als meinen eigenen Fall."

Sie reichte eine Klage wegen Körperverletzung bei der Staatsanwaltschaft ein, doch bisher geschah nichts. Sie ist fest entschlossen, für Gerechtigkeit zu kämpfen und ihren Fall auch vor internationalen Instanzen zu bringen, wenn dies notwendig sein sollte.

Doch wie andere Aktivistinnen, mit denen ich in Kairo sprach, war Azza viel mehr daran interessiert, wie Gerechtigkeit für andere zu erlangen sei. Sie will Gerechtigkeit für die koptischen Christen, die am 9. Oktober 2011 in Kairo getötet wurden, und für alle, die während und nach dem Aufstand getötet oder verletzt wurden.

Ich frage sie, ob sie weiterhin optimistisch ist. "Natürlich", sagt sie. "Vor der Revolution war es deprimierend. Es gab so viel Ungerechtigkeit und man wurde zu so vielen Dingen gezwungen. Ich war hoffnungslos und dachte, dass es keinen Ausweg gibt. Doch nun bin ich voller Hoffnung."

Ihre Worte hallen noch lange nach: "Gebt eure Rechte nicht auf. Man hat nur Rechte, wenn man für sie kämpft. Und je mehr wir einander unterstützen, umso stärker sind wir und umso mehr werden wir erreichen."

Fordern Sie Gerechtigkeit für Azza Suleiman!

[EYECATCHERLINKSchreiben Sie eine E-Mail an den ägyptischen Verteidigungsminister Al-Sisi und fordern Sie, den Angriff auf Azza Suleiman zu untersuchen!]

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