Aktuell Nigeria 01. November 2012

Kampf gegen Boko Haram: Gefangen in der Gewaltspirale

Das zerstörte Gebäude der Zeitung "This Day" in Abuja, Nigeria, nach einem Terroranschlag durch Boko Haram im April 2012

Das zerstörte Gebäude der Zeitung "This Day" in Abuja, Nigeria, nach einem Terroranschlag durch Boko Haram im April 2012

1. November 2012 - Ein neuer Bericht von Amnesty International dokumentiert die Gräueltaten von Boko Haram und das brutale Vorgehen der nigerianischen Sicherheitskräfte gegen die islamistische Gruppierung. Beides führt zu einer Spirale der Gewalt, unter der die Zivilbevölkerung am stärksten leidet.

„Die Menschen in Nigeria leben in Angst und Unsicherheit: Sie leiden nicht nur unter der Gewalt, die von Boko Haram ausgeht, sondern auch unter den Menschenrechtsverletzungen der nigerianischen Sicherheitskräfte, die sie eigentlich beschützen sollten“, beschreibt Christian Hanussek, Nigeria-Experte bei Amnesty International, die Situation.

In dem Bericht „Nigeria: Trapped in the cycle of violence“ werden sowohl die von Boko Haram begangenen Grausamkeiten als auch die schweren Menschenrechtsverletzungen durch die nigerianischen Sicherheitskräfte in ihrem Kampf gegen den Terror dokumentiert. Der Bericht beschreibt Fälle von Verschleppung, Folter, außergerichtlichen Hinrichtungen, Brandschatzungen und Inhaftierungen ohne Gerichtsverfahren.

Beide Seiten üben durch ihre Angriffe rechtswidrig exzessive Gewalt aus und begehen dabei schwere Menschenrechtsverletzungen. Unsicherheit und Angst prägen den Alltag von Menschen, die sowohl von Mitgliedern der Boko Haram als auch von den staatlichen Sicherheitskräften, die eigentlich die Bevölkerung schützen sollten, angegriffen werden.

Mord, Niederbrennen von Schulen und Kirchen, Angriffe auf Medienunternehmen und Journalisten sind Beispiele der schweren Menschenrechtsverletzungen, die von Mitgliedern der Boko Haram verübt werden. Der Bericht schildert die zugespitzte, von Angst durchdrungene Atmosphäre im Land, die dazu führt, dass die Betroffenen die Straftaten aus Angst um ihre Sicherheit nicht anzeigen und die Täter straflos bleiben.

Gleichzeitig missachten die Sicherheitskräfte im Kampf gegen Boko Haram immer wieder die Menschenrechte der nigerianischen Bevölkerung: Die sogenannte Joint Task Force (JTF), die vom Präsidenten mit der Wiederherstellung von Recht und Ordnung in den von Boko Haram bedrohten Gebieten beauftragt wurde, der Staatssicherheitsdienst (State Security Service –SSS) und die Polizei haben Hunderte von Menschen, die beschuldigt wurden, Verbindungen zu Boko Haram zu haben, willkürlich verhaftet.

Viele der Betroffenen blieben ohne Anklage oder Gerichtsverfahren für längere Zeit in Haft. Der Zugang zu Anwälten und Angehörigen wurde ihnen verweigert. Familienangehörige wurden über ihre Festnahme nicht informiert. Mehrere Verdächtige wurden außergerichtlich hingerichtet.

Ein Mann hat Amnesty International von der Festnahme seines Bruders durch Sicherheitskräfte berichtet. Nach langer Suche nach seinem Bruder hat er ihn tot auf einer Polizeiwache entdeckt: „Überall waren Striemen und Blutergüsse… Die rechte Gesichtshälfte war wund. Er hatte einen angsterfüllten Gesichtsausdruck. Ich kann das nicht vergessen… Ich kann keine Beschwerde vorbringen, weil ich Angst habe“.

Amnesty International ruft die Regierung Nigerias auf, die im Laufe des Konfliktes stattgefundenen Menschenrechtsverletzungen unverzüglich aufzuklären und die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen. Nur so kann das Vertrauen in das Justizsystem wiederhergestellt und die Menschenrechte garantiert werden.

„Die nigerianische Regierung muss die Bevölkerung vor dem Terror durch Boko Haram schützen, aber sie muss dabei die Menschenrechte achten. Jedes Unrecht, das unter dem Deckmantel der Sicherheit geschieht, wird den Terrorismus zusätzlich stärken – die Folge ist ein Teufelskreis aus Tod und Zerstörung“, warnt Hanussek.

Den vollständigen englischsprachigen Bericht „Nigeria: Trapped in the cycle of violence“ können Sie hier lesen.

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