Verantwortliche tragen keine Konsequenzen für Giftgasunfall
Verfallende Anlage auf dem Gelände der Firma Union Carbide in Bhopal, Indien, 2002.
© Maude Dorr
Bis zu 25.000 Menschen starben durch den Giftgasunfall im indischen Bhopal von 1984 und seine Folgen. In der Pestizidfabrik der Union Carbide Corporation im Bundesstaat Madhya Pradesh lagerten gefährliche Chemikalien ohne ausreichende Sicherheitsvorkehrungen. Diese Sicherheitsmängel führten vermutlich zu dem Austreten des giftigen Gases in der Nacht zum 3. Dezember 1984. 500.000 Menschen waren dem Giftgas ausgesetzt und erkrankten. Zwischen 7.000 und 10.000 Menschen starben unmittelbar nach dem Unglück, weitere 15.000 sind bis heute gestorben. Der mangelnde Zugang zu kostenfreier Gesundheitsversorgung für die Betroffenen verschlimmerte die meist ohnehin unsichere finanzielle Lage vieler Familien. Das Unglück und der Umgang damit werfen grundlegende Fragen nach der rechtlichen und ethischen Verantwortung von transnationalen Unternehmen auf.
Die Folgen des Unglücks sind bis heute deutlich spürbar: Tausende von Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und trinken das kontaminierte Grundwasser. Neben den Kosten für die Gesundheitsversorgung hatten und haben Erkrankungen auch nicht selten zur Folge, dass Einzelne nicht weiter in der Lage sind, zum Lebensunterhalt ihrer Familie beizutragen. Anderen Familien erkrankten die Nutztiere – oft eine Haupteinnahmequelle für sie. Das soziale Stigma wiederum hat besonders für Frauen gravierende Folgen. Dass sie häufig pauschal als Last empfunden werden, macht eine Heirat meist unmöglich.
Unternehmen übernimmt keine Verantwortung
Unmittelbar nach dem Bhopalunglück unterstützte Union Carbide zwar die Schadensbeseitigung. Dennoch versuchte das Unternehmen von Anfang an, seine Schadensersatzpflicht zu begrenzen und verließ das Grundstück in Bhopal, ohne es zu reinigen und die giftigen Überreste zu entsorgen. Im Februar 2001 wurde die Union Carbide Corporation (UCC) ein hundertprozentiges Tochterunternehmen der US-Firma Dow Chemical Company (Dow). Obwohl Union Carbide weiterhin rechtlich eigenständig blieb, ist seine Wirtschaftstätigkeit vollständig integriert in die von Dow. Dennoch hat Dow öffentlich erklärt, keine Verantwortung für den Giftgasunfall und seine Folgen zu tragen. Die Tragödie von Bhopal ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie das Gesetz einflussreiche Unternehmen schützt, aber die Rechte der Menschen, die in bitterer Armut leben, außer Acht lässt. Zahlreiche Versuche, Schadensersatz gerichtlich einzuklagen und die verantwortlichen Unternehmen zur Rechenschaft zu ziehen, sind gescheitert.
Anwohner von Bhopal mit grauem Star
© Andy Spyra
2004 wurde ein Verfahren gegen Dow und Union Carbide sowie die Regierung von Madhya Pradesh eröffnet, in dem unter anderem die vollständige Dekontaminierung des Geländes gefordert wird. Obwohl das Gericht die Regierung angewiesen hat, das Gelände zu säubern und zu dekontaminieren, blieb ein entsprechendes Handeln bisher aus. Zudem ziehen sich die rechtlichen Auseinandersetzungen darüber, in welchem Umfang welches Unternehmen rechtlich verantwortlich ist, in die Länge.
Schuldsprüche kommen zu spät
Nachdem am 07. Juni 2010 sieben indische Staatsbürger, die früher für das Unternehmen Union Carbide India Ltd (UCIL) arbeiteten, aufgrund der Gaskatastrophe von 1984 verurteilt wurden, hat Amnesty International die indische und US-amerikanische Regierung aufgerufen, auch die Union Carbide Corporation (UCC) mit Sitz in den USA zur Rechenschaft zu ziehen. Nach dem Schuldspruch der fahrlässigen Tötung drohen den Verurteilten maximal zwei Jahre Haft. "Es sind historische Urteilssprüche, aber es ist zu wenig und es ist zu spät. 25 Jahre auf das Ergebnis eines Strafprozesses zu warten, ist für die Überlebenden der Katastrophe und die Angehörigen der Toten eine inakzeptable Zeitspanne," sagte Audrey Gaughran, Leiterin der Abteilung Global Issues bei Amnesty International.
Kinder fördern Wasser aus einem verseuchten Brunnen in Bhopal, 2004.
© Rachna Dhingra
Gegen die Firma UCC mit Sitz in den USA und ihren ehemaligen Vorstandsvorsitzenden, Warren Anderson, wurde im Jahr 1987 Anklage erhoben. Allerdings haben sich beide geweigert, vor Gericht zu erscheinen. Alle Bemühungen um die Auslieferung von Warren Anderson blieben erfolglos. UCC widersetzt sich weiterhin der indischen Gerichtsbarkeit und kommt den wiederholten Aufforderungen, vor dem Strafgerichtshof von Bhopal zu erscheinen, nicht nach. Dies hat eine strafrechtliche Verfolgung von Anderson und UCC bisher unmöglich gemacht.
Unzureichende Entschädigungen für die Opfer
Bereits vor dem Unglück haben es die Behörden versäumt, die Risiken für die örtliche Bevölkerung und die Umwelt abzuschätzen, die von der Lagerung der gesundheitsgefährdenden Substanzen und von den risikobehafteten Arbeitsprozessen in der Fabrik in Bhopal ausgingen. Auch im Nachhinein hat der indische Staat unzureichend gehandelt: die Opfer wurden für das erlittene Unrecht nie ausreichend entschädigt; das Firmengelände ist bis heute verseucht. Die indischen Behörden haben somit ihre Versprechungen gegenüber den Opfern wiederholt nicht eingehalten.
Werden Sie aktiv! Beteiligen Sie sich an der Online-Aktion.
Online-Aktion: Schicken Sie eine E-Mail an den Geschäftsführer von Dow Chemical
Indien: Erste Schuldsprüche zur Katastrophe in Bhopal - zu wenig, zu spät
Dow Chemical sponsert "Run For Water" - und läuft der Verantwortung für Bhopal davon
25 Jahre danach - Bhopal: Die Katastrophe nach der Katastrophe
25 Jahr nach Bhopal warten die Opfer auf Gerechtigkeit
Englischsprachige Artikel, Berichte und Hintergründe auf Amnesty.org
India: Clouds of Injustice: Bhopal disaster 20 years on (pdf)