Aktuell Indonesien 22. Februar 2010

"Die Regierung hat kein Herz für Papua"

Pastor Johanes Djonga

Pastor Johanes Djonga

Der katholische Priester Johanes Djonga setzt sich seit 2002 für den Schutz der Menschenrechte in Waris ein, einem Bezirk von Papua. Die an Papua-Neuguinea grenzende Region wurde 1963 ein Teil Indonesiens. Seitdem flammt der Konflikt um die Unabhängigkeit der Provinz immer wieder auf. Gegen Separatisten gehen die indonesischen Sicherheitskräfte mit exzessiver Gewalt vor, die auch immer wieder Opfer unter der indigenen Zivilbevölkerung fordert. 2007 geriet Djonga selbst ins Visier des Militärs. Amnesty International setzte sich mit einer Urgent Action für seine Sicherheit ein. Für sein mutiges Engagement wurde der 51-Jährige am 10. Dezember 2009 mit dem Yap Thiam Hien Award ausgezeichnet, dem bekanntesten Menschenrechtspreis Indonesiens.

Sie setzen sich seit vielen Jahren für den Schutz der Menschenrechte in der indonesischen Provinz Papua ein. 2007 hätten Sie ihr Engagement beinahe mit dem Leben bezahlt. Was ist damals geschehen?
Der Bezirk Waris liegt an der Grenze zu Papua-Neuguinea. Hier gab es schon immer viele Soldaten, weil die Zentralregierung in Jakarta befürchtet, dass sich in den Wäldern Separatisten verstecken. 2007 besuchte der spätere Gouverneur im Rahmen einer Wahlkampftour einige Dörfer in Waris. Ich habe die Gelegenheit genutzt und ihm zwei kritische Fragen gestellt: „Warum gibt es mitten in den Dörfern Militärposten, die eigentlich verboten sind? Und warum patrouillieren Soldaten der Sondereinheit Kopassus in Zivil durch die Ortschaften und schüchtern die Bevölkerung ein“?

Was passierte dann?
Zwei Tage später kamen zwei aufgebrachte Kopassus-Soldaten zu meinem Haus und schrien mich an: „Was soll das? Warum hast du dem Gouverneur von uns erzählt?“ Ich antwortete ihnen, ich hätte lediglich im Namen der Bevölkerung gesprochen, die sich bei mir beschwert hatte. Die Soldaten und der Geheimdienst überwachten von nun an meine Aktivitäten noch stärker als zuvor. Das Militär legte eine Liste an mit Personen, die verdächtigt wurden, mit den Separatisten zu sympathisieren oder selber Separatisten zu sein. Als ich in ein Militärlager vorgeladen wurde, hing diese Liste dort aus. Zufälligerweise sah ich, dass auch mein Name auf der Liste stand. In einem Zeitungsinterview drohte mir der für die Region zuständige Militärkommandeur: „Wir werden ihn 700 Meter unter der Erde begraben“.

Konnten Sie irgendwo Schutz suchen?
Unser Bischof hatte erkannt, dass ich in Waris nicht mehr sicher war, und holte mich in die vier Stunden entfernte Provinzhauptstadt Jayapura. Doch auch hier wurde ich verfolgt. Ich wurde mehrmals in meinem Auto angehalten, Mitarbeiter von befreundeten NGOs wurden immer wieder befragt, wo ich mich gerade aufhalten würde. Ich erhielt auch eine SMS, in der stand: „Bist du schon tot?“ Ich meldete diese Vorfälle dem obersten Polizeichef von Papua und bat ihn um Schutz. Doch er sagte, er könne nichts für mich tun, weil die Täter Soldaten waren und die Polizei daher nicht zuständig sei. Er sagte, ich solle mich direkt an das Militär wenden – also an eben jene Personen, die mich mit dem Tode bedrohten.

Wenig später erfuhr Amnesty International von ihrem Fall und forderte mit einer „Urgent Action“ die Behörden auf, für ihre Sicherheit zu sorgen. Welche Auswirkungen hatte dies?
Zum einen wurde der Militärkommandeur, der mich bedroht hatte, versetzt. Auch das Verhalten der Soldaten in Waris veränderte sich: Weder ich noch die Zivilbevölkerung wurden weiter eingeschüchtert. Leider beschränken sich diese positiven Entwicklungen nur auf Waris. Die Situation in den anderen Bezirken ist immer noch sehr schlecht. Wer sich beispielsweise für die Rechte der indigenen Bevölkerung einsetzt, wird nach wie vor verfolgt und bedroht.

Was müsste geschehen, damit sich die Menschenrechtslage verbessert?
Wenn die Regierung die Militarisierung nicht in den Griff bekommt, wird der Hass und die Abneigung der indigenen Bevölkerung gegenüber der Zentralregierung weiter wachsen. Die Zentralregierung hat einfach kein Herz für Papua. Sie ist nur an der Ausbeutung der Ressourcen interessiert. Es geht ihr nur darum, zu nehmen, und nicht zu geben. Die Bevölkerung leidet sehr unter der hohen Militärpräsenz. Die Region, in der er ich arbeite, ist eine Grenzregion zwischen dem indonesischen Papua und Papua-Neuguinea. Das Militär versucht, die indigene Bevölkerung daran zu hindern, die Grenze zu überqueren, wie sie es traditionell gewöhnt sind. Doch die Menschen lassen sich davon nicht abhalten. Sie sagen: „Wir sind mit den Menschen auf der anderen Seite verschwestert und verbrüdert, wir sind eine Familie, ein Stamm. Und keine Grenze und kein Zaun kann uns davon abhalten, zu ihnen zu gehen“.

Interview: Esther Hoffmann, Sprecherin der Indonesien-Ländergruppe der deutschen Amnesty-Sektion.

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