Aktuell Indien 05. November 2010

"Die Regierung hört auf Amnesty"

Surya Shankar Dash: "Nach einem Brief von Amnesty lassen die Repressionen nach"

Surya Shankar Dash: "Nach einem Brief von Amnesty lassen die Repressionen nach"

5. November 2010 - Der indische Dokumentarfilmer Surya Shankar Dash setzt sich im indischen Bundesstaat Orissa mit ungewöhnlichen Mitteln für die Rechte der indigenen Bevölkerung ein. So verteilt er Kameras an Opfer von Menschenrechtsverletzungen, damit diese die Taten ihrer Peiniger dokumentieren können. Unter anderem unterstützt er die Dongria Kondh Adivasi in ihrem friedlichen Protest gegen die Pläne des britischen Bergbauunternehmens Vedanta Resources, an ihrem heiligen Berg Bauxit abzubauen.

Die indische Regierung hat das von Vedanta beantragte Minenprojekt und den Ausbau der bestehenden Aluminiumraffinerie abgelehnt. Was bedeutet das für die Dongria Kondh?

Dies bedeutet, dass ihr Lebensumfeld, ihre Wälder, ihre Flüsse und ihre Dörfer erst einmal gerettet sind. Die jüngsten Erfolge stellen jedoch noch keinen endgültigen Sieg dar: Die Dongria fordern die Schließung der Raffinerie, da Vedanta gegen alle bestehenden Umweltgesetze verstoßen hat. Solange dies nicht erreicht ist, werden sie ihre Proteste fortführen.

Wie unterstützen Sie die Dongria Kondh?

Ich mache Filme und dokumentiere so den Kampf der indigenen Bevölkerung Orissas. Außerdem organisiere ich Proteste. Ich sehe meine Hauptaufgabe darin, das zu überbrücken, was ich die 'Kommunikationslücke’ nenne: Die indischen Medien interessieren sich nicht für die Probleme in Orissa. Sie haben erst angefangen, über Vedanta zu berichten, nachdem Amnesty International und andere Organisationen den Fall aufgegriffen haben. Vorher konnte Vedanta in den indischen Medien Falschinformationen verbreiten. Dem wollte ich etwas entgegensetzen, ich wollte Indiens Bevölkerung über Vedanta aufklären. Ich habe meine Filme aber auch genutzt, um die Dongria Kondh selbst zu informieren, denn sie waren nicht von der indischen Regierung informiert und konsultiert worden, wie es die indische Verfassung vorschreibt.
Alternative Medien sind dabei extrem wichtig für meine Arbeit, denn ich habe keine Möglichkeit, meine Dokumentationen in den großen Medien zu senden. Doch mit Plattformen wie YouTube und Facebook kann man viele Menschen in Indien und weltweit erreichen. Außerdem ist eine schnelle Kommunikation möglich. Tagsüber dokumentiert man einen Fall von Polizeigewalt, abends stellt man das Video bei YouTube ein, und am nächsten Tag weiß die Welt über den Fall Bescheid.

An welchen anderen Projekten arbeiten Sie zurzeit?

In Orissa gibt es viele Bergbauprojekte, aber ich werde nur dort tätig, wo es lokale Proteste gibt. In Kalinganagar wehrt sich die Bevölkerung seit Jahrzehnten gegen Tata Steel, immer wieder werden Menschen durch die Polizei getötet. In Jagatsinghpur protestieren die Menschen gegen POSCO Steel, ein Unternehmen, das ein Stahlwerk und Minen plant. Hierdurch würden fruchtbares Farmland und Fischgründe zerstört. Mehrere Gemeinden sind betroffen. In den vergangenen Jahren hat sich dort eine große Protestbewegung entwickelt. Die Menschen wurden mehrfach von der Polizei, der Mafia und Vertretern der Behörden bedroht und angegriffen.

Wie können Organisationen wie Amnesty International Ihre Arbeit unterstützen?

Die indischen Medien leisten keinen Beitrag zur Mobilisierung der Zivilgesellschaft. Ländliche Gemeinden werden typischerweise als primitiv, rückständig und ungebildet angesehen, ihre Stimmen werden nicht gehört. Dabei hätten sie einen wichtigen Beitrag zu der Frage zu leisten, welche Art von Entwicklung wir für unser Land wollen. Organisationen wie Amnesty International können Graswurzelbewegungen aus ihrer Isolation holen, und sie können Druck auf die Regierung ausüben. Sie werden aktiv, wenn Menschen entführt, zusammengeschlagen und ermordet werden. Wir haben oft beobachtet, dass die Repressionen nach einem Brief oder einer Stellungnahme von Amnesty nachlassen. Das gibt den Menschen Zeit zu atmen, Zeit, ihre Wunden zu heilen. Auf ihre eigene Bevölkerung hört die Regierung nicht, aber auf Amnesty schon.

Interview: Maja Liebing

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